Hamburger Kunsthalle Dreister Diebstahl einer Giacometti-Skulptur

Der Hamburger Kunsthalle fehlt ein kostbares Kunstwerk. Mehrere Tage stand eine billige Holzkopie statt einer 500.000 Euro wertvollen Bronzeskulptur des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti in der Glasvitrine, bis der Diebstahl entdeckt wurde.


Ausgetauscht: Der 32 Zentimeter große Originaltorso Giacomettis (l.) gegen das billige Holzimitat
DPA

Ausgetauscht: Der 32 Zentimeter große Originaltorso Giacomettis (l.) gegen das billige Holzimitat

Hamburg - Unbemerkt von Tausenden Besuchern der Hamburger Kunsthalle ist es Dieben gelungen, eine Bronzestatue des Schweizer Malers, Zeichners und Bildhauers Alberto Giacometti gegen eine ungenaue Holzkopie auszutauschen. Die 1956 entstandene Skulptur ist 32 Zentimeter hoch und stellt einen Menschen dar, dessen Arme wie bei einem Torso abgeschnitten sind. Sie stand unter einer unbefestigten Plexiglashaube und wurde während der "Langen Nacht der Museen", zu der etwa 16.000 Menschen die Kunsthalle besuchten, vom Holzsockel gestohlen.

Der Diebstahl passierte bereits in der Nacht zum 27. Mai. Er wurde jedoch erst drei Tage später entdeckt, wie die Polizei am Montag mitteilte. Völlig unklar ist bislang, wie die Kunsträuber die Figur austauschen konnten. Angesichts der vielen Besucher konnten die Täter in der betreffenden Nacht nicht allein in dem Raum gewesen sein, betonte Tim Kistenmacher, kaufmännischer Leiter der Kunsthalle. Die Skulptur habe an einer der stark frequentierten Hauptzugangs-Achsen des Museums gestanden. Der Hamburger Polizeisprecher Reinhard Fallak erklärte, es seien Fingerabdrücke gefunden worden, "aber ein Treffer war bisher nicht dabei".

Einer Museumsaufseherin war bereits am Sonntag die veränderte Oberfläche der Figur aufgefallen. Nach Angaben der Polizei hatte sie die Sache aber zunächst wieder vergessen. "Menschliches Versagen können wir da wohl nicht ausschließen", erklärte Museumsdirektor Uwe Schneede. Der Direktor hofft unterdessen auf einen "üblen Scherz" und darauf, dass die Figur früher oder später wieder auftaucht.

Die Holzkopie, die offenbar nicht darauf angelegt war, die Giacometti-Figur originalgetreu wiederzugeben, sei von Leuten gefertigt worden, "die nicht zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hatten", sagt Schneede. Dazu seien Patina und Plastizität zu gut vorgetäuscht worden. Der Direktor appellierte an die Diebe, die Skulptur sehr behutsam zu behandeln und dem Museum zurückzugeben.

Während der "Langen Nacht" waren insgesamt 79 Sicherheitskräfte in der Hamburger Kunsthalle im Einsatz, 17 mehr als im Vorjahr. "Wir können unsere Kunstwerke nicht verbarrikadieren, weil das die sinnliche Wahrnehmung unmöglich macht", betonte Schneede, räumte aber ein, dass es möglicherweise ein Fehler war, die Plexiglashaube nicht mit Schrauben zu befestigen.

Der Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (1901 bis 1966) zählt zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Seine Spezialität waren sehr grazile und schmale Figuren. Den Durchbruch schaffte der hauptsächlich in Paris lebende Künstler 1948 mit einer New Yorker Ausstellung seiner Werke in der Pierre Matisse Gallery. Seither wurden seine Arbeiten von Schriftstellern wie Jean-Paul Sartre und Jean Genet und von Kunstschriftstellern und Kunsthistorikern, von öffentlichen und privaten Sammlern anerkannt.



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