Hamburger Öko-Initiative Tanz den Umweltschutz!

Hamburg im Marketing-Stress: Nach gescheiterter Bewerbung als Kulturhauptstadt und Olympia-Standort versucht sich die Hansestadt jetzt mit viel PR-Getöse als europäische Öko-Metropole. Zum Auftakt gab's hüpfende Hochbahn-Angestellte, empörte Wutbürger und einen genervten Bürgermeister.

Christoph Twickel

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"Jetzt will ich mal was höööören! Wo ist das Hochbahn-Team?" Der NDR-Moderator legt sich mächtig ins Zeug. Das ist auch nötig, denn es nieselt auf dem Hamburger Rathausmarkt. Die paar hundert Bürger, die sich um die Bühne gruppieren, schauen eher mürrisch aus ihrem Regenzeug. Der Programmpunkt "Energy Battle" steht an, der Moderator erklärt launig, worum es geht: "Jedes Team hat zwei Minuten Zeit, möglichst viel Energy, möglichst viel Spirit in den Dancefloor reinzutanzen."

Tanzen für die Umwelt: Statt einer herkömmlichen Bühne steht ein "Sustainable Dancefloor" auf dem Rathausmarkt. Er sieht aus wie die illuminierten Disco-Quadrate aus "Saturday Night Fever". Wenn man darauf tanzt, senken sich die Quadrate leicht, die Tänzer produzieren durch die Kompression elektrische Energie. "Dancing for a better future" nennt die Firma aus dem holländischen Delft, die die Dinger seit 2007 produziert, das Konzept. Hamburg hat sich nicht lumpen lassen und sieben mal sieben Meter kommen lassen. Auf denen hüpfen jetzt die Kollegen von der Hamburger Hochbahn herum, in gelben Warnjacken, zu dem Frühneunziger-Dance-Hit "Jump" von Kris Kross. Und produzieren dabei Energie - 8793 Joule, um genau zu sein. Damit verweisen die hüpfenden Hochbahner die Konkurrenten von "Hamburg Wasser" (7312 Joule) und vom Universitätsklinikum (6972 Joule) auf die Plätze. Für eine guten Zweck natürlich, wie der Moderator im Boxansager-Stil verkündet: "Das wird dann in Geld umgerechnet und geht an ein Umweltprojekt in Dar-es-Salaam!"

Der "Sustainable Dancefloor" in Hamburg - Hoffnung für Tansanias Wasserprobleme: Ein Scherz aus dem Arsenal der Hamburger Anarchospaßtruppe Studio Braun? Keinesfalls. Hamburg feiert den Auftakt des Jahres als "Umwelthauptstadt Europas 2011", und der nachhaltige Tanzboden ist die Hauptattraktion. Die etwas bizarre Mitmach-Show passt zu den Befürchtungen der Kritiker: Manfred Braasch, Geschäftsführer des BUND Hamburg findet die Tatsache, dass die EU-Kommission der Hansestadt den Titel "Green Capital Europe" verliehen hat, "nicht völlig unverdient, aber wir sehen die Gefahr, dass es ein nettes PR-Jahr wird und sich am Ende substantiell nichts verbessert hat."

Noch immer, sagt Braasch, würden in Hamburg Jahr für Jahr 200 Hektar Brach- und Grünflächen versiegelt. Der Neubau eines riesigen Kohlekraftwerks in Moorburg zeige, dass ein Umbau der Energieversorgung nicht in Sicht sei. Und der Bau der Stadtbahn, eines der Vorzeigeprojekte, mit denen sich Hamburg für den "Green Capital"-Titel empfahl, sei in weite Ferne gerückt, nachdem sowohl die CDU als auch die SPD im Wahlkampf auf Distanz gegangen sind. "Die Umwelthauptstadt ist ja auch ein Preis für Zukunftskonzepte", so Braasch. "Und da fragen wir uns: Was wird jetzt wirklich auf den Weg gebracht?"

Hitzige Diskussion zwischen Dancefloor und Rathaus

Dennoch wollte der Umweltverband durchaus mitmischen beim Ökojahr in der Hansestadt. Doch Ende 2010, als die Hauptsponsoren bekannt wurden, platzte den Naturschützern der Kragen: Ausgerechnet Siemens sollte sich ein ganzes Jahr lang als Premium-Partner der Umwelthauptstadt präsentieren dürfen? Vorstandsvorsitzender Peter Löscher hatte erst im vergangenen Sommer verkündet, angesichts der "Renaissance" der Atomkraft die Position des Konzerns in diesem Markt "weiter ausbauen" zu wollen. "Wir haben klare Kriterien", resümiert BUND-Chef Braasch. "Keine Atomkraft, keine Gentechnik, keine Rüstungsindustrie."

Auf dem Rathausmarkt präsentiert Siemens einen schmucken Elektrokleinwagen - und ein Sprecher im weißen Firmen-Daunenjäckchen steht auf dem "Sustainable Dancefloor" und versucht, den Konzern aus der Atom-Verantwortung herauszureden: "Wir bauen ja keine AKW. Wir liefern nur Technik zu." Zwischen Dancefloor und Rathaus entspinnt sich eine hitzige Diskussion zwischen der Polizei und ein paar Umweltaktivisten im besten Alter: Die haben vor der Bühne ein Kohlekraftwerk aus Pappe aufgebaut und schwenken Schilder: "Kohlekraftwerk Moorburg stoppen!"

Dem Mitarbeiter der zuständigen Eventagentur schwillt schon der Kamm: "Sie bauen das jetzt sofort ab! Keine Diskussion mehr!" Im Zeitlupentempo schaffen die Umweltgrüppler die Protestskulptur von der Bildfläche. Ein junger Aktivist versucht, sich unauffällig unter die Zuschauer der "Energy Battle" zu mischen und sein Schild kameragünstig zu platzieren. "Green Wash Capital" steht darauf, grün und blau auf weiß. Sofort ist ein Polizist zur Stelle, schließlich sind wir hier innerhalb der Bannmeile. Der junge Mann muss das Schild umdrehen.

Millionen für die Werbung

Aber eigentlich ist es schon zu spät - die Fotografen haben die Protestbilder im Kasten. Eins zu null für die Kohlekraftwerk-Gegner. Denn Klimaschutz hin, Nachhaltigkeit her: Im europäischen Umwelthauptstadtjahr geht es in Hamburg offensichtlich mal wieder darum, vorteilhafte Bilder zu produzieren. Oder wie anders soll man interpretieren, dass die Stadt fast die Hälfte der über achteinhalb Millionen Euro Gesamtbudget des "Green Capital"-Projekts in Präsentationen und Promo steckt? Rund eine Million Euro gehen zur "Umsetzung der nationalen Kommunikationsstrategie" an die PR-Agentur fischerAppelt - das ergab eine kleine Anfrage des SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Thomas Böwer. Ein satter Etat für Werbeartikel, Flyer, Broschüren, Plakate, Web-Auftritte und Social-Media-Kanäle. Sogar für "situationsbedingte Beratung in der Konfliktkommunikation" kassiert die Agentur - offensichtlich hat man die Wutbürger gleich mit ins Budget eingeplant.

Weitere vier Millionen Euro kostet der "Zug der Ideen" - eine Waggon-Wanderausstellung, die durch 18 europäische Städte rollen wird und von "Stadtentwicklung und Wohnen" bis zu "Natur und Stadtgrün" die alte Hansestadt als Musterkind in Sachen Nachhaltigkeit präsentiert. Falls Sie die nötigen Qualifikationen als "vielgereister Kosmopolit" und "idealerweise waschechter Hamburger" mitbringen, können Sie sogar mitfahren: Die PR-Agentur sucht noch einen Pressesprecher, Bewerbungsfrist 21. Januar. "Dabei arbeiten in der Stadtentwicklungsbehörde schon sieben Leute im Bereich Öffentlichkeitsarbeit!" schimpft SPD-Mann Böwer. "Kann von denen nicht jemand mitfahren?"

"Umwelthauptstadt Hui! Kohlekraftwerk Pfui!"

Auch Matthias von Hartz steht auf dem Rathausmarkt und ärgert sich: "Drei Container mit grünen Aufklebern auf dem Hauptbahnhof und das hier! So präsentiert sich Europas Umwelthauptstadt 2011?" Von Hartz leitet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel, ist Co-Kurator des Impulse-Festivals in NRW und hat sich einen Namen gemacht für seinen politischen Ansatz: Immer wieder rückt er Globalisierung und Klimaschutz in das Zentrum seiner Festivals. Für den verregneten Budenzauber zum Umwelthauptstadt-Auftakt hat er nur Kopfschütteln übrig: "Da möchte man doch als Hamburger vor Scham im Boden versinken! Da ist ja jedes Rathausmarkt-Beachvolleyball-Turnier der Stadt mehr wert!"

Nach dem Akustiktrio ("alle Instrumente recyclebar") kommt endlich der noch amtierende Bürgermeister Christoph Ahlhaus mit seiner Rede. Der Einstieg ist heiter-besinnlich: "Meine Frau zieht bei uns zu Hause schon immer alle Stecker raus." Dann erhebt sich ein Pfeifkonzert. Die Umweltaktivisten rufen "Umwelthauptstadt Hui! Kohlekraftwerk Pfui!" Trotz des vergleichsweise konstruktiven Slogans reagiert der CDU-Mann sehr indigniert. Beschwert sich über den "Krawall" und ruft den Protestierern zu: "Ihr könnt noch so laut schreien, aber eins ist sicher: Hamburg ist Umwelthauptstadt 2011 - und das ist gut so." Wowereit lässt grüßen.

Vielleicht ist der ganze Marketing- und Präsentationsstress auch ein wenig zu viel für unsere überlasteten deutschen Metropolen. 2002 liebäugelte Hamburg mit einer Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010, ein Jahr darauf firmierte man zur "Sportstadt" um und bewarb sich für die Olympischen Spiele 2012. Nach dem Scheitern der Bewerbung rief der Senat flugs die "Internationale Bauausstellung 2013" aus - und jetzt muss man sich als Europas "Green Capital" in Szene setzen. Auf den Litfaßsäulen Hamburg liest man außerdem, dass Hamburg auch noch Deutschlands "Musical-Metropole" sei. Die PR-Agenturen im Dienste des Hamburger Senats haben alle Hände voll zu tun. Böse Zungen behaupten, die schwarzgrüne Stadtregierung hätte sich 2009 um den Titel der Umwelthauptstadt nur beworben, um mal zu sehen, wo man im Ranking so steht. Und dann war man plötzlich Preisträger. Shit happens.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
kundennummer 15.01.2011
1. Dekadente Spaßgesellschaft
Alles in einer Headline...wer hätte das gedacht ?!
rkinfo 15.01.2011
2. Kohlekraft pfui ?!
Im Prinzip nicht falsch. Allerdings hat sich Hamburg bisher nicht um eine HGÜ-Anbindungen an Norwegen gekümmert damit die schwankende Windkraft von der Küste zur soliden EE-Stromversorgung mutieren kann. Und im Bereich alternative Fernwärme ist Hamburg auch kaum aktiv. Und die Wasserkraft der Elbe wird nur marginal genutzt obwohl man heute schon wenige Meter Höhendifferenz zweier Wasserreservoirs dafür nutzen kann. Hamburg hat ne große Öko-Klappe - aber nichts dahinter !
a.weishaupt 15.01.2011
3. Eine sog. Öko-Metropole...
..die in den 70ern ihr Straßenbahnnetz zugeteert hat, aus einstigen Flaniermeilen (Wandsbeker Chaussee, Hamburger Straße/Oberaltenallee) Rennstrecken gemacht und diese Änderung nie zurückgenommen hat, die es außerdem nicht einmal schafft, zügiges Vorankommen mit dem Rad zu ermöglichen, da man ständig auf gefährliche Sonderwege gedrängt wird, anstatt auf der Straße fahren zu können, was mir einen bleibenden Schaden am Handgelenk nach einem Unfall beschert hat: so ist Hamburg. Aber dafür komme ich mit meiner 20 Liter saufenden 5-Meter-Limousine hier hervorragend zurecht, das muss ich sagen!
nitram1 15.01.2011
4. Einfach nur noch lächerlich,
diese ewig gestrigen kontra Fortschritt Grünen und Gutmenschen! Diese bräsigen 68-ziger mit ihren pubertären anti Vater, was du da machst ist alles falsch, sind nicht zu gebrauchen. Sie lernen es nicht mehr dieser Gesellschafft fortschrittliche Impulse zu geben. Wir sollten sie einfach vergessen diese Trittiens, Rots und Röttgens!
cerberus99 15.01.2011
5. Shit happens.
Shit happens - aber wohl nicht mehr lange. Wir können bald wählen. Dann ist Schluß mit "PR statt Politik". Jedenfalls in Hamburg. Immerhin ein Anfang.
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