Hamburger Schauspielhaus Büchner in bunten Bildern

Mit Georg Büchners "Leonce und Lena" sammelt das Hamburger Schauspielhaus wieder Punkte gegen den Abstieg. Regisseur Stefan Pucher spielte erneut erfolgreich die Pop-Karte aus.

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"Leonce und Lena", Darsteller Puls, Scheer und Wolfram Koch als König Peter (hinten)
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"Leonce und Lena", Darsteller Puls, Scheer und Wolfram Koch als König Peter (hinten)

Büchners Ideenstück als kabarettistische Nummernrevue - das kann Spaß machen, auch wenn es nicht lustig ist. Das Exempel vom exquisit distanzierten Prinzen, der sich auf hohem Niveau langweilt und wortreich an seinem Leben reibt, bietet beste Möglichkeiten, mit Bildern und großen Gesten zu spielen. Büchners zeitloses Stück von 1835 verlangt dabei jedoch kaum "Aktualisierungen" - und macht diese deshalb ebenso leicht wie verführerisch.

Stefan Pucher, der im letzten Jahr bereits Tschechows "Möve" am Deutschen Schauspielhaus inszenierte, bescherte dem gescholtenen Intendanten Tom Stromberg damit einen der raren "Hits" seines ersten Jahres. Zwar bekrittelten manche die "VIVA-TV-Ästhetik" des jungen Regisseurs, der erst 1999 in Basel mit dem "Kirschgarten" debütiert hatte, doch der frische, freche Stil mit Mut zu kräftigen Dramaturgiefarben war aufregend und energisch genug, um zu überzeugen. Was für ein Material also nun für ihn: "Leonce und Lena"! Pucher packte beherzt zu.

Einsame Mundharmonika am Anfang. Halb Folk-Blues, halb "Spiel mir das Lied vom Tod", ein nettes Klischee von Leid und Ende, bevor Alexander Scheer als Titelheld in der Manier eines Stand-up-Comedians beginnt. Er selbst, wie ein visuelles Zitat irgendwo zwischen Jarvis Cocker und Blixa Bargeld angesiedelt, spricht (wie alle Darsteller) durchs Headset-Mikro mit dem Publikum, redet es im Eröffnungsmonolog quasi als den "Haushofmeister" an - das kann man machen und damit zugleich ein wenig extemporieren, denn das Premierenpublikum ist durchaus geneigt, in einen Diskurs einzusteigen. Zum Glück gibt es wenig "additional dialogue by..."-Peinlichkeiten, denn der Text ist in seiner lakonischen Treffsicherheit so pointiert, dass "Modernität" nicht simuliert werden muss: Büchners Werk klingt in nahezu jeder Zeile frappierend heutig.

Call-and-Response-Rituale ohne wirkliche Macht

Das Stück von den Königskindern, die einander erst als No-Names zu lieben beginnen, ist eine Geschichte vom Nicht-Haben: Schlimmstenfalls fehlt dem eigenen Leben das Zentrum, und die meiste Zeit stehen auf der Bühne alle nebeneinander, gegenüber nur das Publikum, dem der Text als eigene Größe dargeboten wird. Auf der Bühne, schlüssig, klar und dennoch phantasievoll von Dirk Thiele gestaltet, ein riesiges Gerüst und eine mächtige Videowand.

Regisseur Pucher filtert die Wahrnehmung der Figuren durch Dopplungen der Szenen in Videoclips, intensiviert sie durch verspielt-drastische Bilder. So in der Szene des "romantischen" Zusammentreffens von Leonce und Lena, als die Cocktail-Bar/Bude auf der Bühne als sexuelle Metapher wie ein Kameraobjektiv ausfährt, in der Valerio und die Gouvernante fröhlich kopulieren. Wiebke Puls als amazonenhafte und keinesfalls filigrane Lena macht in ihren statisch geführten Auftritten in bestem Sinne eine starke Figur, auch als erotisierte Politesse. Autark und selbstbewusst, wie in Trance, ansonsten mindestens ebenso mit sich beschäftigt wie Leonce.

Altmodisches Element: Nicole Heesters als Gouvernante Rosetta
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Altmodisches Element: Nicole Heesters als Gouvernante Rosetta

Für die burlesken Elemente sorgte mit sichtlichem Behagen Wolfram Koch als clownesk angelegter König Peter, der nahezu immer die Realität begreifen will und dabei zwischen Euphorie und "tiefster Depression" pendelt. Wenn er mit großen Gesten und ohne Hose den "Chor" des Staatsrates dirigiert, klingen dessen Stimmen wie die wimmernde Blues-Harmonika zu Beginn, wie Call-and-Response-Rituale ohne wirkliche Macht. Ob halb nackt oder nicht: Des Kaisers alte/neue Kleider machen keinen Unterschied. Der Emotionsausbruch des Volkes, direkt aus dem Zuschauerraum, wirkt da eher wie ein Theaterzitat aus einer Sechziger-Jahre-Agitproperette.

Einziger und interessanter Fremdkörper der Inszenierung ist Nicole Heesters als Rosetta, deren Liebe vom egozentrischen Leonce kalt ad acta gelegt wird. Heesters spielt mit lässiger Grandezza und unterkühltem Schmerz, was auf seine Art ebenso den distanzierten Ton der Inszenierung trifft. Zusammen mit dem König setzt sie einen altmodisch "schauspielerischen" Akzent inmitten der Text-Präsentatoren.

Präsentieren dürfen sich die jugendlichen Figuren auch musikalisch: Wie distanziert der Regisseur offensichtlich seine Figuren sieht, spürt man bei den Popsongs, die sie an den Schnittstellen der Handlung präsentieren. George Harrisons "While My Guitar Gently Weeps", von Leonce und Valerio in bester Lagerfeuer-Klampfenseligkeit dargeboten, ist an Sentimentalität kaum zu überbieten. Und während ihrer Flucht vor der Heirat stehen sie auf hohem Podest und intonieren "A Horse With No Name", die wohl grauenhafteste aller Westcoast-Hymnen. Das stößt sie direkt in den Sumpf des Kitsches. Keine Gnade für das Selbstmitleid des Prinzen und seinen müßiggehenden Freund. Genau dies machte die Inszenierung Stefan Puchers so sympathisch: Er ließ trotz aller Textnähe und offensichtlicher Büchner-Verehrung nicht zu viele gute Haare an seinen Helden. Der Schluss: Zwei dicke gelbe Halloween-Kürbisse, unter denen sich Leonce und Lena verbergen, erschlaffen unter dem Kuss des Königs. Die Luft ist raus, das Happy End reine Formsache.

Puchers Inszenierung bietet den Text in griffigen Bildern, bedient sich routiniert zeitgemäßer Technik, wobei die Mikrofonhilfe für die Darsteller vielleicht ein wenig zu viel Mechanistik in den Klang der Sprache brachte - natürlich ist das beabsichtigt, aber doch ein wenig zu plakativ. Denn die schön vor sich hin groovende Bühnen-Aktion beschränkte sich genau auf diese Plakatwand-Ästhetik, die eben jene Nummernrevue hervorbrachte. Schön, aber nicht berauschend. Herzlicher Beifall ohne Buhs für Schauspieler und Inszenierung, aber nicht allzu lang. Das durchweg junge Publikum strebte wohl schnell in die Clubs.



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