Hamburger Schauspielhaus Die alte "Möwe" als bunter Vogel

Die neue, bunte Viva-Welt verschmilzt mit der russischen Seele: Der ehemalige DJ Stefan Pucher inszeniert Tschechows "Die Möwe" im Hamburger Schauspielhaus.

Von Julia Bolbrinker


"Die Möwe": Verzweiflung und Hilflosigkeit im Umgang mit anderen
DPA

"Die Möwe": Verzweiflung und Hilflosigkeit im Umgang mit anderen

Hamburg - Eine verstärkte Stimme mischt sich in das Gemurmel im Theatersaal und weicht dem Ohr immer wieder aus. Das Auge zappt von einem Lautsprecher zum anderen. Der Blick bleibt an einer Loge hängen. Da sitzen sie, die Schauspieler, auf sämtliche kleinen Balkone verteilt. Das Parkett wird zum Graben, über den hinweg sie sich die Dialoge zurufen. Die gewohnte Trennungslinie zwischen der Inszenierung und dem Publikum im Saal lässt sich nicht ziehen. Wie ungemütlich.

So beginnt Anton Tschechows Stück "Die Möwe", neu inszeniert von dem DJ und Jung-Regisseur Stefan Pucher im Hamburger Schauspielhaus. Zwischen Videoinstallationen (Frank Bußacker) und Musik von Neil Young bis Drum 'n' Bass finden die Dialoge der Figuren über Orientierungslosigkeit und Verzweiflung statt. Trotz der vielen multimedialen Effekte bleibt den Protagonisten noch genügend Raum, um sich zu entfalten. Mehr noch, Pucher schafft es, Tschechows Komödie über das beginnende Bürgertum in Russland auf die gesellschaftlichen Dissonanzen von heute zu übertragen. Der Regisseur nimmt dem Stück nicht seinen Ernst und arbeitet den Humor trotzdem heraus. Er schafft die schwierige Gratwanderung zwischen alter Welt und neuem Glitzer und verwischt dabei die Grenze von Theater und Realität. Der Zuschauer wird provoziert und bezaubert.

Die erfolgreiche Schauspielerin Irina Arkadina (Sabine Orléans) wartet mit ihrem Lebensgefährten, dem Novellisten Trigorin (Wolfram Koch), und den anderen Urlaubern auf dem Landgut ihres Bruders auf den Beginn einer Aufführung ihres Sohnes Kostja (Alexander Scheer); der junge Regisseur und Schriftsteller liefert statt leichter Unterhaltung ein kritisches Statement und wird von der Mutter ausgelacht. Verletzt unterbricht er die Aufführung. Der junge Künstler kann sich im saturierten, konventionellen Theatergeschäft mit seinem neuartigen symbolistischen Stück nicht etablieren. - Hallt da nicht die Erfahrung des Schauspielhauses nach, die seit dem Intendantenwechsel im Herbst mit ihrem neuen Theater die langjährigen Theaterabonnenten verjagt?

Es ist verdammt kalt in diesem Sommer. Pucher lässt die Schauspieler auf Schlittschuhen über den zugefrorenen See laufen. Es geht um einen Generationskonflikt, existenzielle Einsamkeit und unglückliche Liebe. Die Jungen finden nicht das, was sie suchen. Die Alten wünschen, sie hätten ihr Leben irgendwie anders gelebt. Es gibt keine Vermittlung. Bei allen bleibt die Liebe unerwidert. Auch bei Kostja, den Alexander Scheer mit ergreifender Intensität spielt. Er liebt seine Schauspielerin Nina (Sarah Masuch) vergeblich. Am Ende bleibt ihm nur der Selbstmord. Und trotzdem wagt es der Regisseur, die Komik herauszuarbeiten. Mancher Schlagabtausch erinnert an die besten Zeiten der hämischen Greise, Waldorf und Stadler, in der Loge der Muppet-Show. Meistens auf höherem Niveau. Das hat das Stück nicht zuletzt Sabine Orléans zu verdanken, die es hervorragend schafft, subtile Ironie und Koketterie mit der Egozentrik der Arkadina zu verbinden.

Pucher gelingt in diesem Stück das Spiel mit der neuen bunten Medienwelt auf der Bühne. Die Clips, eingespielt auf drei großen Leinwänden, fügen sich in die Geschehnisse, ohne sie zu zerstören. Filme ersetzen Theaterszenen. Schauspieler sind auf dem Bildschirm und der Bühne zu sehen. Die Verdoppelung von Raum und Zeit stellt den Zuschauer vor interessante Schwierigkeiten. Immer wieder wird eine weitere Realität in die Inszenierung hineingeholt. Bereits erzählte Szenen werden auf Video erneut eingespielt. Aufnahmen aus den Proben lassen die Figuren als Schauspieler aufblitzen, die ihre Rolle einstudieren. Schauspieler, Personen, Theater und Welt verschmelzen miteinander.

Pucher inszeniert mit der "Möwe" ein tiefgründiges Unterhaltungsspektakel. Er legt die Egozentrik, die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Anderen und die Gefühle von Fremdheit in der eigenen Welt der Protagonisten frei. So wie die Arkadina ihren Sohn nicht versteht, vielleicht auch gar nicht verstehen will, weil er ihre konventionelle Anschauung der Dinge bedroht, werden auch einige Theaterabonnenten wahrscheinlich nicht begeistert sein. Es weht ein frischer Wind im Schauspielhaus.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.