Hamburger Theaterpremieren Wer die Qual hat

Zweimal kontroverses Theater in Hamburg: Während Andreas Kriegenburg am Thalia Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" zum souveränen Kunst-Stück machte, zersägte Regisseur Jürgen Gosch am Schauspielhaus Gorkis "Unten (Nachtasyl)".

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Glück mit dem Spiel hatte Friedrich Schirmer, Intendant des Hamburger Schauspielhauses, in seiner ersten Saison wenig. Kritisiert, benörgelt, gescholten wurde er, vielleicht gerade weil er alles so offensiv "richtig", will heißen "vielseitig", machen wollte. Und was kann richtiger sein, als Jürgen Gosch Maxim Gorki inszenieren zu lassen? Mit Gorkis Stück "Sommergäste" hatte Gosch vor zwei Jahren in Düsseldorf einen Theater-Hit gelandet, für den er von der Zeitschrift "theater heute" zum Regisseur des Jahres gekürt wurde. Sein blutig-brutaler "Macbeth" von 2005 stieß gar eine Feuilleton-Debatte um das moderne Regietheater an. Doch auch Gosch ist bestenfalls eine Garantie für Kontroverse und knallende Türen beim Parkettpublikum, nicht immer aber für überzeugende Konzeptionen.

Szene aus "Die schmutzigen Hände" (mit Hans Löw, hinten): Wille zur Verve
DPA

Szene aus "Die schmutzigen Hände" (mit Hans Löw, hinten): Wille zur Verve

Seine "Nachtasyl"-Version im Deutschen Schauspielhaus präsentierte satte dreieinhalb Stunden lang die Verlierer der Gesellschaft, Proletarier wie Intellektuelle, die das Leben ganz "Unten" führen müssen - und fand doch keine Zeit, den Geschundenen Profil zu geben. Die Betreiber und Bewohner des schäbigen Asyls haben schäbigen Sex, quälen, beleidigen und verletzen sich, physisch wie psychisch, gezwungen von einem Schicksal, das sie letztendlich doch selbst in der Hand hatten. Sie trinken, nehmen Drogen, rauschen von einer Tirade und einer Prügelei zur nächsten. Sie reden viel, sie reden laut, meist brüllen sie sich an, niemand hört dem anderen zu, jeder ist vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Eine aggressive Abschottung, die schnell auch auf den Zuschauer übergreift, denn dieses psychotische Penner-Panorama leidet vehement unter Abwesenheit von entwickelnder und zielgeführter Dramaturgie. Verkleistert durch den Hall des weiten Bühnenraumes verdröhnt sich dabei auch noch die Hälfte des Textes. Und irgendwann will man es dann gar nicht mehr so genau wissen - das immer gleiche akustische Volumen der Ausbrüche nivelliert die Inhalte. Das soll wohl so sein, bestraft aber die Figuren mit der Gleichgültigkeit des Zuschauers. Klare Botschaft: Man ist also potentieller Asylbewohner? Das Saallicht, beliebter Kunstgriff, blieb ja auch schon an. Alles (allzu) quälend klar.

Schäbiger Sex

Goschs Personenregie wirkt zufällig, gern verlässt er sich auf seine Schauspieler, die körperlich virtuos über die Bühne torkeln, rennen und schweben: Eine spröde Elends-Eleganz inmitten von Müll und Gestrüpp. Dafür killt der Alkohol - respektive seine dargestellte Wirkung - manche Zeile und Pointe. Das ist realistisch bis zum Weghören - doch beim Reality-TV sind solche Szenen wenigstens untertitelt. Hier half nichts: Das Elend verhallte gehört, die Botschaft wurde aber nicht vernommen. So blieben die Figuren stets hinter der möglichen Wirkung ihrer Rolle zurück.

Erst im zweiten Teil der Inszenierung gelang Goschs Bühnenbauer Johannes Schütz ein packendes Bild: Die Spieler räumten die Requisiten und das Ambiente des Asyls weg und trugen Äste, Zweige und Unterholz auf die Bühne: Schlichtes und ergreifendes Symbol für ihr totes, entwurzeltes und unbehaustes Leben. Verzweifelt versuchten sie darauf zu liegen, darin zu schlafen, etwas daraus zu bauen: vergebens. Und doch haben sie sich dieses unwirtliche Lager geschaffen. "Der Mensch ist für alles selbst verantwortlich", sagt der Ex-Sträfling Satin (brillant über die ganze Distanz: Ernst Stötzner) in seinem Schlussmonolog. Eine Erkenntnis, die nicht tröstet, nicht trösten kann. In Goschs Inszenierung blieb sie am Schluss im Raum stehen: Ein Schluss ohne Ziel.

Vom Boulevard zur Farce

Szene aus "Unten (Nachtasyl)" (mit Ernst Stötzner, Bernd Moss): Penner-Panorama
A.T.Schaefer

Szene aus "Unten (Nachtasyl)" (mit Ernst Stötzner, Bernd Moss): Penner-Panorama

Zwei Spielorte, zwei Welten: Tags zuvor war Hausregisseur Andreas Kriegenburg am Thalia Theater Jean Paul Sartres in die Jahre gekommenem Diskursstück "Die schmutzigen Hände" mit Distanz schaffender Ironie zu Leibe gerückt. Aus Sartres schneidend eloquenter Abrechnung mit den Irrtümern jeder Ideologie, die dem Autor nach der Uraufführung 1948 die Ächtung der Linken einbrachte, schnitzte Kriegenburg eine über weite Strecken quirlige, beinahe schon zu boulevardeske Showdown-Farce.

Das Duell zwischen dem bürgerlich romantisierenden Jungrevolutionär Hugo, der den kühlen, erfahrenen Pragmatiker Hoederer umbringen soll, inszenierte der oft endlos um seine Stoffe mäandernde Kriegenburg diesmal mit dem Willen zur Verve, dem Mut zum zur Komödie. Was allerdings nur zum Teil plausibel machen konnte, weshalb man heute diesen Sartre vom Vorabend des Kalten Krieges spielen muss. Eine schlüssige Antwort gab der Regisseur allerdings vorab selbst in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt": Es seien die besten Dialoge gewesen, die er je inszeniert habe.

Entsprechende freimütig konnte er in den dramaturgischen Einführungen seine Stars Hans Löw (als kämpferisch zerquälter Hugo) und Jörg Pose (Hoederer, kontrolliert, sarkastisch, desillusioniert) aufeinander loslassen. Mit schauspielerischem Punktsieg für Löw, gegen dessen elanvolles, variantenreiches Spiel Pose oft nur anchargierte und sich in Routine rettete. Auch im Thalia ging's über drei Stunden, allerdings ohne Dauer-Qual: Auf der klar strukturierten, mit witzigen Akzenten versehenen Bühne (Ricarda Beilharz, auch Kostüme) tanzte das Ensemble förmlich die Worte, folgte in Sprache und Bewegung der Text-Verliebtheit des Regisseurs.

Auch Jürgen Gosch wird seinen Gorki verehren, aber manchmal macht Liebe ja bekanntlich blind.



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