"Hamlet" -Premiere in Potsdam Spiegelsäulen, aber nichts dahinter

Goethes "Urfaust" machte der junge Regisseur Alexander Nerlich zum Technoklubgänger aus dem akademischen Prekariat. Das war grandios. Bei Shakespeares "Hamlet" verliert er sich jetzt in Potsdam leider im Beliebigen.

HL Boehme

Von Christine Wahl


William Shakespeares "Hamlet" zeitgeistfit zu machen, ist eine ziemliche Herausforderung. Schon milieutechnisch trennen den dänischen Kronprinzen, der sich im elterlichen Palast vor seinem Studium drückt, von der "Generation Merkel" Welten.

Hinzu kommt der bizarre Auftrag, mit dem sich der junge Mann herumschlagen muss. Eines Nachts fährt der Geist seines verstorbenen Vaters, des Ex-Königs, aus der Gruft. Er bittet seinen Sohn, ihn zu rächen. Denn anderslautenden Behauptungen zum Trotz, sagt der Geist zu Hamlet, sei er keines natürlichen Todes gestorben, sondern von seinem Bruder Claudius hinterrücks ermordet worden. Aus Karrieregründen: Tatsächlich hat Claudius nach dem Ableben des Königs in Rekordzeit dessen Witwe, Hamlets Mutter Gertrud, geehelicht und selbst den Thron bestiegen.

Dieses bemerkenswerte Zielstrebigkeitsgen hat Hamlet allerdings nicht von seinem Onkel geerbt. Im Gegenteil: Nach dem Zwischenfall mit dem väterlichen Geist vernachlässigt der antriebsschwache Nachwuchsakademiker seine Karriere umso heftiger, grübelt tagelang ergebnislos vor sich hin und lässt viereinhalb Akte lang jedweden Killerinstinkt vermissen. Was ihm nicht nur den Ruf als eines der großen Zauderer der Weltliteratur eingetragen hat, sondern in ungünstigen Inszenierungsfällen auch die Geduld des Theaterpublikums ziemlich strapazieren kann.

Im Potsdamer Hans-Otto-Theater standen die Vorzeichen eigentlich gut. Denn mit dem 35-jährigen Alexander Nerlich zeichnete ein Regisseur für die Inszenierung des um 1600 entstandenen Shakespeare-Dramas verantwortlich, der sein Talent an ähnlich schwierigen dramatischen Fällen bereits unter Beweis gestellt hatte. Letztes Jahr brachte Nerlich in Potsdam zum Beispiel Goethes "Urfaust" als Jeans- und Sweatshirt-Träger aus dem akademischen Prekariat auf die Bühne, der lässig in Techno-Schuppen abhottete und den Intelligenzquotienten des Stückes trotzdem keine Sekunde lang minimierte.

Im Falle des Dänenprinzen "Hamlet" lässt sich die Sache nun leider schwieriger an. Schon das Anfangsstadium, in dem Nerlich den königlichen Geist (Christoph Hohmann) bei manuell hergestelltem Flockenregen wiederholt in einer Art Regencape über die Bühne wanken lässt, zieht sich hin. Treten Brudermörder King Claudius (Wolfgang Vogler) und sein Angestellter Polonius (Bernd Geiling) anschließend im Business-Look auf, als seien sie geradewegs aus einer x-beliebigen Vorstandsetage hereingeschneit, stellen sich vor allem Déjà-vu-Effekte ein: Kaum eine "Hamlet"-Aufführung in den letzten Jahren, in der der Shakespearesche Königshof Krone und Zepter nicht durch Dreiteiler und Krawatte ersetzt hätte.

Ophelia robbt ihrem Grab entgegen

Was an sich noch kein Problem wäre, wenn Nerlich die Typen, die in den Anzügen stecken, scharfkantig konturiert hätte. Doch leider verschwimmen sie gänzlich im Einerlei der theatertypischen Machteliten-Darstellung: Außenwirkungsvernarrt, wie man ist, spricht man in Mikrofone, entlarvt sich dabei überdeutlich als Freund der oberflächlichen Geste und gibt sich im Übrigen auch sexuell ein bisschen ambitioniert: Die Matratze ist ein zentrales Requisit des Abends. Wann immer Claudius mit seiner neuen Gattin, Hamlets Mutter Gertrud (Meike Finck), allein ist, wird flugs das Designerhemd abgestreift und für ein paar kleine Fesselspielchen zweckentfremdet.

Später taucht das Bondage-Motiv bei Hamlets Ex-Geliebter Ophelia (Zora Klostermann) wieder auf. Die robbt, als sie dem Wahnsinn anheimgefallen ist, bei Nerlich mit roten Klebestreifen auf dem nackten Körper in einer soundtechnisch zusätzlich hochgepeitschten Szene minutenlang ihrem Grab entgegen. Weil Bühnenbildner Wolfgang Menardi dazu ein paar riesige Spiegelsäulen gebaut hat, die das Geschehen aus interessantem Winkel doppeln, entstehen an diesem Abend bisweilen durchaus imposante Bildwelten.

Das Problem allerdings ist, dass all diese punktuellen Motive, diese irgendwie halbherzig ausgelegten Fährten, nicht in eine wirkliche Deutung münden und so zunehmend beliebig wirken. Zumal Nerlich oft auf den hohen Theaterton setzt und im Großen und Ganzen treu vom Blatt spielen lässt.

Mit dem Schauspieler Alexander Finkenwirth durchmisst ein Hamlet die im Lauf des Abends immer plastischer auftrumpfenden (Spiegel-)Bilder-Welten, der sich mit wirklich großem Körpereinsatz vom Durchschnittsdandy zum Hardcore-Narzissten radikalisiert. Trotz seines hohen Energielevels kann er das Publikum aus den genannten Gründen leider nicht mitziehen.


"Hamlet". Hans-Otto-Theater Potsdam , nächste Vorstellungen am 7., 8., 18., 28.2. sowie am 1., 6. und 12.3., Karten unter www.hansottotheater.de und unter Tel. 0331/98118.



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M. Herzog 02.02.2015
1. Alexander Finkenwirth war stark
Alexander Finkenwirth hat mitreißend gespielt. Hamlet verliert sich selbst allmählich im Wahn und das war sehr zu spüren.
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