Handke-Uraufführung am Burgtheater Rumpelstilzchens Raserei

Claus Peymann kehrt an die Wiener Burg zurück - und inszeniert das neue Stück von Peter Handke: "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" erzählt von den Schwierigkeiten des Dichters mit der Welt.

Monika Rittershaus/ Burgtheater Wien

"Wir haben wieder ein Stück", rufe Claus Peymann jedes Mal, freudig erregt "wie ein beschenktes Kind", sobald er das eben fertiggestellte Werk eines Dichters in Händen halte.

So erzählt es der Dramatiker Peter Turrini im Nachrichtenmagazin "Profil" anlässlich der neuen Großtat des Altmeisters, die in Österreich sehr gespannt erwartet wurde: Peymann, 78, ist nach Wien zurückgekehrt. Ans Burgtheater, wo er von 1986 bis 1999 immer wieder für Krawall und Furore gesorgt hatte. Peymanns Auftrag: das neue Stück von Peter Handke, 73, zu inszenieren.

Am Samstagabend war es so weit. Handkes Stück heißt "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße". Es ist, wenn sich niemand verzählt hat, die fünfte Handke-Uraufführung am Burgtheater, die elfte überhaupt, fast 50 Jahre nach der legendären "Publikumsbeschimpfung" in Frankfurt, die einst den Ruhm der beiden alten Männer begründete.

"Pack! Doppelpack! Tetrapack!"

Wie Peymann diesmal reagierte, als er Handkes neues Stück zum ersten Mal in Händen hielt, ist nicht überliefert. Klar ist: Er hat es für eine Uraufführung ziemlich radikal gekürzt. Von den bereits als Buch erschienenen 180 Seiten fällt etwa ein Drittel weg. Trotzdem fehlt einem nicht wirklich was - das Ganze dauert immer noch drei Stunden.

Handke zelebriert in "Die Unschuldigen" seinen Status als feinsinniger, schwieriger, menschenscheuer und zu wenig beachteter Dichter. Sein Alter Ego, das "Ich" des Stücks, wandert auf einer verlassenen Landstraße umher, die es als sein Territorium betrachtet.

Immer wieder kommen Fremde vorbei. Sie telefonieren und gucken herum, ohne die Schönheit der Natur wahrzunehmen. Der schlimmste Frevel: Sie übersehen den Mann am Straßenrand. Sie hören nicht auf ihn. Weil sie das nicht absichtlich tun, sondern aus Ignoranz, nennt die "Ich"-Figur sie "die Unschuldigen".

Das gespaltene Ich

Sein "Ich" hat Handke aufgespalten in einen besonnenen "Ich-Erzähler" und in "Ich, den Dramatischen", der sich gern aufregt und die Unschuldigen - zu denen in Publikumsbeschimpfungstradition auch die Zuschauer gehören - mit Ausdrücken wie "tätowierte Schwimmlehrer" oder "Pack! Doppelpack! Tetrapack!" bewirft.

Die Landstraße, die er gegen die profanen Menschen verteidigt, die da so unsensibel hindurchtrampeln und sich nur für Sonderangebote und Pauschalurlaube interessieren, ist natürlich das Land der Poesie. Sein Dichterreich. Er verteidigt es störrisch gegen die "Nutzbarmachung" - und leidet gleichzeitig, dass er nicht gebraucht wird.

Christopher Nell, 36, spielt dieses Ich. Er gehört dem Berliner Ensemble an, Peymanns neuer Wirkstätte seit 1999. Die Inszenierung ist eine Koproduktion und wird ab Mai auch in Berlin zu sehen sein.

Der Poet als Clown und Zauberkünstler

Nell erinnert an Charlie Chaplin in "Der Tramp". Er trägt eine zu weite Hose, abgelatschte Stiefel, ein Wams über dem Hemd und einen Lederrucksack; dazu einen staunenden Blick. Die Hände streckt er immer wieder gen Himmel, wenn er nicht weiter weiß: "Und ich? Wer bin ich?" Und wenn es um die Fantasie geht, lässt er seine Finger in der Luft zappeln wie einst bei Roncalli. Der Poet als Clown und Zauberkünstler, der sich seine Welt erträumt.

Kaum hat Nell mit der Hand seine Landstraße in die Luft gemalt, erscheint leuchtend ein elegant gekurvter Weg auf der nach hinten ansteigenden Bühne von Karl-Ernst Herrmann. Und, plopp, aus dem Boden erscheint ein rostiger Unterstand, der in seiner Ästhetik an eine Schrottplastik aus den Achtzigerjahren erinnert.

Als Erzähler stapft Nell mit ausholenden Schritten über seine Straße. Wenn er dramatisch wird, boxt er um sich und wütet wie Rumpelstilzchen. Er singt mit Kopfstimme, zuckt im Traum wie ein Epileptiker, gibt alles in den sehr langen Monologen - und schafft es doch nicht, dass der von ihm so überpointiert vorgetragene Sermon einen berührt.

Es bleibt ein merkwürdig naives und recht eindimensionales Bild, das Nell und Peymann vom Dichter entwerfen. Von der Melancholie, die in Handkes selbstkritischem wie eitlem Stück zu spüren ist, von der Zerrissenheit eines autistischen Künstlers, der sich nach der Welt sehnt und sie doch nicht aushält, sieht man auf der Bühne zu wenig.

Schauspieler Nell in "Die Unschuldigen": der Dichter als Zauberkünstler
Monika Rittershaus/ Burgtheater Wien

Schauspieler Nell in "Die Unschuldigen": der Dichter als Zauberkünstler

Auch die anderen sind in Peymanns Inszenierung durch und durch künstliche, überdeutlich ausgestellte Figuren. Maria Happel ist als schrille Karikatur einer Spießergattin eher albern als komisch. Regina Fritsch ist als "die Unbekannte" in schwarzer Korsage und mit strengem Blick schon bei Handke eine Altmännerphantasie, die schwer mit Leben zu füllen ist: Sie ist die Idealfrau, die den Dichter intuitiv versteht, ihm "still an den Lippen hängt", sich widerstandslos treten lässt und doch zu ihm zurückkehrt. Die ihm den Weg durch das Gedankendickicht in seinem Kopf weist.

Nur Martin Schwab - mit grauen Indianer-Zopf als "Häuptling" der Unschuldigen - scheint wirklich in sich hineinzuhorchen, wenn er am versöhnungsseligen, von Peymann stark gekürzten Ende seine Kindheitserinnerungen hervorholt. Der Rest aber trägt seine Sätze vor, als gelte es vor allem, klar und deutlich zu sprechen.

Alles ist ausgestellt an diesem Abend. Jede Geste, jeder Blick, jede Vogelfeder, die vom Bühnenhimmel fällt, schreit: Das hier ist Theater und will es auch unbedingt sein! Denn die Welt, wie sie uns auf der Bühne erscheint, ist ja eine vom Dichter erfundene. Bevölkert von Kopfgeburten, mit denen der Autor hadert, wenn sie ein Eigenleben entwickeln.

Nur: der Kontakt zur Welt da draußen, außerhalb der Theatermauern, ist ihr abhanden gekommen.


"Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße": Nächste Vorstellungen am Wiener Burgtheater am 29. Februar sowie am 6., 19. und 20. März 2016; ab Mai 2016 am Berliner Ensemble.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
femtom1nd 29.02.2016
1. ...
Für alle, die hier schon zerschellten: Zwischen den Dingen liegen Welten! Für alle, dies schon vorher wussten: Lasst mich vom Rand zum Troste pusten!
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