Handy-Dauerquassler: Zieh Leine, Labertasche!

Im ICE, auf der Straße, in der Airport-Lounge: Handy-Dauerquassler nerven überall. Sie lenken die Welt - und labern doch nur ins Nichts hinein, beschwert sich Reinhard Mohr. Eine Tirade gegen den Plagegeist mit Headset.

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Corbis

Telefonitis: Weltenlenker am unsichtbaren Draht

Wie bei vielen anderen Veränderungen des Alltags bemerkt man zunächst noch gar nichts. Erst allmählich steigen beiläufige Beobachtungen von der vorbewussten Wahrnehmung an die Oberfläche des Bewusstseins. Es begann vor ein paar Jahren, als immer mehr Menschen beim Gehen auf dem Bürgersteig mit sich selber sprachen. Nicht, dass man dergleichen nicht selbst schon praktiziert hätte, und mit wachsendem Alter scheint das Selbstgespräch sowieso immer beliebter zu werden. Frei nach Woody Allen: Das Selbstgespräch ist ein Gedankenaustausch mit jemandem, den ich mag.

Immerhin versuchten die meisten Monologisierer, ihre Lippen zu schließen, wenn der Blick eines Passanten sie traf. Ein wenig peinlich war es dann doch.

Die neueste Generation der Experten für den Ein-Mann-Dialog aber denkt gar nicht daran, dass irgendetwas an ihnen peinlich sein könnte. Im Gegenteil. Lautstark und völlig unbekümmert schicken sie ihre Wörter und Satzfetzen an die frische Luft, während sie im Strom der Menschen weiterschwimmen, als sei es das Natürlichste der Welt, die Menschheit mit Äußerungen zu beglücken, die kein erkennbares Gegenüber haben.

Eine ganz neue Sorte von Autisten scheint hier auf den Plan zu treten, selbstbewusst, gut angezogen, gerne auch in Pferdelederschuhen.

Weltengeschiebe live und authentisch

Doch wer genau hinschaut, entdeckt einen kleinen weißen Faden am Oberkörper, manchmal auch nur einen Knipser am Ohr. Jetzt ist alles klar: Sie sind "cablé", wie der Franzose sagt, "on", fully connected, verbunden mit der Welt. Sie sind die Masters of the Universe, die Weltenlenker am unsichtbaren Draht. Sie reden ins Nichts, wissen aber alles. Zum Telefonieren mit der Hand am Handy, der Mutter aller Störerplagen, sind sie zu faul oder zu ängstlich (gefährliche Strahlung!), vor allem aber: Viel zu beschäftigt.

Ihre Kommunikation, ob beruflich oder privat, ist derart pausenlos und flächendeckend, äußerst dringlich und unaufschiebbar, ja regelrecht kriegsentscheidend, dass sie in jeder nur denkbaren Haltung und bei jeder nur denkbaren Tätigkeit in der Lage sein müssen, ihre soeben gefassten Beschlüsse dem Herrn Dr. Müller-Lüdenscheid von Buffinger & Bergsdorf oder wenigstens der eigenen Sekretärin unverzüglich mitteilen zu können.

Die altmodische Reihenfolge - Denken, Niederschreiben, Abschicken, Anrufen - hat längst schon ausgedient. Heute geht es um den virtuell vernetzten Prozess globaler Kommunikation in Echtzeit, und so darf auch beim Überqueren der Straße, am Eingang eines Kaufhauses, im Zug, am Restauranttisch, auf der Toilette oder in der Sauna keine Zeit verloren werden. Das Büro, früher der repräsentative Ort distinktionsbewusster Führungspersönlichkeiten, hat sich in die profane Öffentlichkeit verlagert. Verbrachten einst nur durchgeistigte Literaten wie Jean-Paul Sartre ihre kreativsten Arbeitsstunden im Café (wobei sie sich meist recht still verhielten), so scheint sich heute der arbeitsintensivste Teil des weltweiten Managements in den ICE-Großraumwagen, Airport-Lounges, auf palmenumstandenen Terrassen und überhaupt überall dort abzuspielen, wo der Latte Macchiato fließt wie einst Milch und Honig im Paradies.

Das Schönste daran: Die Öffentlichkeit darf an all dem Weltengeschiebe ganz unmittelbar, gleichsam authentisch und live teilhaben.

Die Elite artikuliert sich unermüdlich

Wenn Sie, liebe Leser, einmal in die Details der modernen Kohleverstromung, ins weite Feld der drängenden Absatzprobleme für Damenhandcremes oder die Untiefen der industriell gefertigten Babynahrung eintauchen wollen, fahren Sie einfach mal im ICE von Hamburg nach Berlin und zurück. Irgendwo wird ganz sicher ein Herr in Hörweite sitzen, der sich auf höchstem Niveau und äußerst vernehmlich über diese und andere Fachgebiete artikuliert. Selbstverständlich hält er immer wieder mit der Konzernzentrale regen Austausch: "Sagen Sie dem Kollegen Klöbner, dass die PX 3200 morgen von der Rampe muss!"

Sonst droht die Konventionalstrafe, ergänzen Sie murmelnd.

Man denkt ja mit.

Wie gebannt also werden Sie lauschen und Ihren zerfledderten Liebesroman freiwillig beiseitelegen. Schlafen oder dösen, ruhig aus dem Fenster in die Landschaft schauen oder einfach vor sich hin träumen können Sie zwar auch nicht - aber dafür kann Ihnen niemand mehr das wohlige Gefühl nehmen, dass die Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit in den tatkräftigen Händen einer unermüdlich arbeitenden Führungselite ist.

Sagen Sie selbst: Wo findet man derartige Geborgenheit heute noch?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
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1. Handy-Dauerquassler: Klappe, Labertasche!
janne2109 31.08.2010
Zitat von sysopIm ICE, auf der Straße, in der Airport-Lounge: Handy-Dauerquassler nerven überall. Sie lenken die Welt - und labern doch nur ins Nichts hinein, beschwert sich Reinhard Mohr. Eine Tirade gegen den Plagegeist mit Headset. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713782,00.html
komisch - - wer wirklich etwas von Wichtigkeit mitzuteilen hat,fasst sich kurz.
2. Mails sind effektiver
fucus-wakame 31.08.2010
Kann ich gut verstehen. Dieses stundenlange Gelaber bringt nichts. Mails hingegen sind viel effektiver. Grund: die wichtigen Aspekte sind prägnant zusammengefasst.
3. Wäre ja nicht so schlimm...
karlnapf10 31.08.2010
wenn die Jungs nicht alle wie am Spieß brüllen würden. Zugegeben, es hat was, seine Arbeit in einem Cafe erledigen zu können anstatt im muffigen Büro. Aber da der digitale Alzheimer eh immer weiter fort schreitet, ist es mir lieber, wichtige Dinge in Schriftform zu erledigen. Dabei leistet ein Netbook erstklassige Dienste. Das Handy nehme ich fast nur noch zur Kontaktpflege. Ein Headset mit zwei Ohrstöpseln drosselt hier die Lautstärke des Sprechers (mir) ungemein, da man den Gegenüber einfach wesentlich besser versteht und man nicht seinerseits unwillkürlich anfängt ins Telefon zu schreien.
4. Murmeln Sie lauter
Lorbeerblatt 31.08.2010
Sehr treffend beschrieben, in der Fußgängerzone wie im Zugabteil. Ich fordere alle Labertaschen-Genervten auf, nicht mehr leise zu reagieren..."Sonst droht die Konventionalstrafe, ergänzen Sie murmelnd." Murmeln sie lauter. Neulich im Speisewagen habe ich genau dieses getan. Dort war ein Herr, der sich auf die beschriebene Weise über Frau Meyer, Herrn Schulze und Herr Totenköpfer ausließ, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass das Essay xy doch bitte bis soundsoviel Uhr in dem und dem Tagungsraum zu sein habe, einschließlich diverser Rahmenbedinungen, deren Niederschrift etwa 5 Seiten Kleingedrucktes nach sich ziehen würde. Das Ganze zog sich unterbrochen von 2 oder drei kurzen Funklöchern etwa 45 Minuten hin! Nach rund 20 Minuten habe ich Signal gegeben, dass noch andere Mitreisende anwesend und bei Bewusstsein sind - ohne Erfolg. Nach gut 30 Minuten habe ich dann angefangen, erst etwas, dann immer lauter zu murmeln und das Gespräch Coach gleich zu kommentieren. Erst neutral, dann unter Nennung der mir inzwischen bekannten beteiligten Protagonisten... bis "Frau Meyer sollte bis zu Ihrem Eintreffen Herrn Totenköpfer und Herrn Schulze trennen, die schlagen sich sonst noch die Köpfe ein" Kurz danach war dann das Gespräch - endlich - beendet. Es folgte nach kurzem Raunzer eine Diskussion, an der sich immerhin rund ein Drittel des Speisewagens beteiligte. Bezeichnenderweise fanden eigentlich alle dann störend, wenn es der andere macht. Ich hege aber keine Hoffnung, dass der Erkenntnisgewinn bis zum nächsten Speisewagenbesuch anhält.
5. Es ist ja leider verboten...
nurmeinsenf 31.08.2010
Egal ob ich Feierabend habe und jemand mir die Bahnfahrt mit Jobtalk in höchster Erregungsstufe zuschwätzt, ob einer seine Tussi anruft und mit ihr Süßholz raspelt, daß es sich in den Gängen stapelt, oder die lebenslustige südländische Frau neben mir lauthals gickelnd eine Viertelstunde mit irgendwem labert um gleich anschließend noch jemand anderes anzurufen, wenn man gerade dachte, nun hat sie ENDLICH ENDLICH aufgelegt... Es ist ja leider verboten, aber diese penetrante Dauerbeschallung mit unerwünschten Handytelefonaten hat mich schon wiederholt wünschen lassen, ich hätte einen dieser sogenannten "Handyjammer", mit denen man im Umkreis von mehreren Metern ein Funkloch "on-the-spot" erzeugen kann.
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Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

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