SPIEGEL-Mitbegründer Hans Detlev Becker Der Mann in Augsteins Schatten

Er war einer der ersten Enthüllungsjournalisten der Bundesrepublik, ein Miterfinder des SPIEGEL-Statuts und ein lebenslanger Freund von Rudolf Augstein. Hans Detlev Becker ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Hans Detlev Becker (Archivbild von 1984): SPIEGEL stark geprägt
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Hans Detlev Becker (Archivbild von 1984): SPIEGEL stark geprägt

Von Heinz Egleder


Rudolf Augstein kennt fast jeder; Hans Detlev Becker ist unbekannter. Dabei war er einer der einflussreichsten Nachkriegsjournalisten der Bundesrepublik. Und ein Mann, der den SPIEGEL stark geprägt hat.

Als die britischen Besatzer 1946 den SPIEGEL-Vorläufer "Diese Woche" in Hannover gründeten, war Becker für sie die erste Wahl. Der war damals Redakteur bei der "Osnabrücker Rundschau" und beim "Neuen Tageblatt" und lehnte das Jobangebot ab. Der englische Pressemajor John Seymour Chaloner entschied sich dann für Augstein.

Als Becker merkte, wie der SPIEGEL reüssierte, ging er im Mai 1947 doch zum neuen Magazin. Er wurde zur Nummer zwei des Nachrichtenmagazins und blieb es, auch wenn Augstein ihm bis 1992 fünf Prozent am SPIEGEL übertrug. Becker litt sein Leben lang an der verpassten Chance. Er hielt sich für den besseren Journalisten, was er teilweise wohl auch war. Die Redaktion nannte Becker oft HDB.

Für den SPIEGEL - und wohl auch für Becker - war die Position als zweiter Mann ein Glücksfall. Becker war der erste Enthüllungsjournalist des SPIEGEL. In Heft 3/1948 berichtete er über eine Hausdurchsuchung beim damaligen schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsminister Erich Arp. Augstein wurde deswegen angeklagt, aber freigesprochen.

Auch den Skandal um die manipulierte Wahl Bonns zur Bundeshauptstadt (SPIEGEL 39/1950) hatte Becker aufgedeckt. Deshalb wurde der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss der jungen Bundesrepublik eingesetzt. Augstein und der SPIEGEL wurden mit dem journalistischen Coup bekannt, Becker blieb unbekannt.

Miterfinder des SPIEGEL-Statuts

Becker setzte die handwerklichen Standards des Magazins: Er war die treibende Kraft des SPIEGEL-Statuts vom Juni 1949, er ließ einen SPIEGEL-Index für Unworte erstellen und sorgte mit der bis heute gültigen Montagskonferenz dafür, dass die "damals undisziplinierte Redakteurbande", wie er sie einmal nannte, aus dem Wochenende zurückkam.

Das Statut von 1949, eine Art journalistischer Ehrenkodex, legte fest, dass Berichte "mit Vergnügen und ohne Mühe lesbar" sein müssen und "unbedingt zutreffen"; sie sind vor Veröffentlichung "peinlichst genau nachzuprüfen" und "in Zweifelsfällen" nicht zu veröffentlichen. Das aufwendige Verfahren, alle SPIEGEL-Manuskripte durch Dokumentare überprüfen zu lassen, war ebenfalls Beckers Verdienst.

Augstein wusste, was er an Becker hatte. Er nannte ihn einen lebenslangen Freund. Becker sagte dasselbe über Augstein. Zu wichtigen SPIEGEL-Gesprächen fuhren die beiden oft gemeinsam. Beim ersten Treffen mit Walter Ulbricht im Ostberliner "Haus der Einheit" (SPIEGEL 39/1957) führte HDB das Wort, nicht Augstein. Am Ende des Gesprächs heftete Ulbricht spontan sein SED-Parteizeichen an HDBs Brust. Augstein und HDB benutzten beide das Pseudonym "Moritz Pfeil", einige der knapp 70 "Moritz-Texte" stammen aus gemeinsamer Feder.

In brenzligen Situationen hatte Augstein seinen Freund stets zur Seite. Schwierige Personalangelegenheiten musste HDB für Augstein erledigen, von 1959 bis 1961 war Becker SPIEGEL-Chefredakteur, bis 1983 Verlagsdirektor.

Schlüsselfigur der SPIEGEL-Affäre

Oft fuhren Augstein und HDB gemeinsam in den Urlaub. Sie teilten sich einen silbergrauen Maserati Mistral mit schwarzem Klappverdeck. Sie trafen sich oft abends. Auch am 26. Oktober 1962, der Nacht, als die SPIEGEL-Affäre begann, saßen sie beisammen. Augstein und seine zukünftige Ehefrau Maria tranken mit HDB eine Flasche Rotwein.

Den per Haftbefehl gesuchten Augstein (den der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß schon auf der Flucht nach Kuba wähnte) fuhr HDB am kommenden Tag ins Hamburger Polizeihaus. Augstein wanderte für 103 Tage hinter Gitter, einige Wochen später war auch HDB für 34 Tage in Haft.

Becker war eine Schlüsselfigur der SPIEGEL-Affäre: Er hatte ein entscheidendes Manuskript (SPIEGEL 41/1962) durch den BND überprüfen lassen und ein anderes Geheimdokument, dessen Auffinden strafbar gewesen wäre, auf abenteuerlichem Wege beseitigt. Letztlich siegte der SPIEGEL gegen den Obrigkeitsstaat. Die Auflage legte rasch zu.

Nach seinem Ausscheiden blieb HDB aufmerksamer Beobachter des Verlages. Auch das manager magazin, das HDB von 1971 bis 1981 als Geschäftsführer aufbaute, lag ihm bis ins hohe Alter am Herzen. Wegen eines Augenleidens ließ er sich bis ans Lebensende wichtige Artikel vorlesen.

Becker verstarb nach kurzer Krankheit im Alter von 93 Jahren am 2. November in Reinbek. "Er musste nicht leiden", sagt seine letzte Begleiterin: "Da hatte er Glück, wie er sein ganzes Leben eigentlich Glück gehabt hat."

Heinz Egleder arbeitete 35 Jahre als Dokumentar beim SPIEGEL.

insgesamt 6 Beiträge
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Knossos 15.11.2014
1. Endlich eine Erklärung?
Als sehr großer Bewunderer Rudolph Augsteins, habe ich immer darüber gestaunt, über welches außerordentliche Demokratieverständnis Herr Augsteint verfügte, wenn als doch Konservativer fortschrittliche und investigative Journalisten ihre herausragende Arbeit ungehindert verrichten ließ. ( Ich denke, daß er damit einzig unter den Konservativen gewesen sein dürfte.) Herr Becker, den ich hiermit leider (!) erstmalig wahrnehme, könnte obiger Beschreibung nach evtl. der Hintergrund gewesen sein, der Augstein zu dessen intellektuellen und ethischen Besonderheit verhalf. Seine Anregung könnte endlich erklären, worüber ich mich von je her wunderte / was ich heute noch bewundere. Meinen Respekt dafür. Möge Herr Becker in Frieden Ruhen; und gut zu hören, daß er kein langes Leiden durchmachen mußte.
io_gbg 16.11.2014
2.
Ein interessanter Beitrag über einen Hintergrundmann, den man kaum kannte. Danke dafür! Es wäre übrigens schön, wenn SpOn Beckers Leitsätze wieder mehr beherzigen würde: Zitat: "Das Statut von 1949, eine Art journalistischer Ehrenkodex, legte fest, dass Berichte 'mit Vergnügen und ohne Mühe lesbar' sein müssen und 'unbedingt zutreffen'; sie sind vor Veröffentlichung 'peinlichst genau nachzuprüfen' und 'in Zweifelsfällen' nicht zu veröffentlichen." Vor allem das "peinlichst genaue Nachprüfen" vermisst man hier vielfach, ebenso wie man wiederum die zu häufigen Sprachschlampereien lieber vermissen würde, denn auch genaues und richtiges Deutsch gehört zur "peinlichst genauen Nachprüfung". Vielleicht ändert sich ja in Beckers Geist noch einmal was zum Guten.
kulinux 16.11.2014
3. Ob der Spiegel oder SPON jetzt endlich den Mut finden?
Die Geschichte der Nazi-Seilschaften im SPIEGEL aufzuarbeiten? Vor allem die des Reichstagsbrandes? Schließlich gilt immer noch die von den tatsächlich Mitbeteiligten im SPIEGEL publizierte "Einzeltäterthese" als "historische Wahrheit". Und nebenbei könnte man auch mal erklären, warum Herr Becker zur "Organisation Gehlen" (aka BND) so einen guten Draht hatte, dass er sogar für den Vizedirektorenposten in Hamburg vorgeschlagen wurde …? Ich denke, da gäbe es noch einiges aufzuklären, oder? Aber vermutlich werden diese Fragen hier nicht einmal veröffentlicht …
Knossos 16.11.2014
4.
Guter Wunsch, io_gbg! Aber einen prä-Pisa-Journalismus werden wir vermutlich nicht mehr erleben. So bedauerlich es auch ist. - Angesichts dem bezeichnenden Ausbleiben von Kommentaren in unserer kopfstehenden Welt, möchte ich einen Leserbeitrag zitieren, der zum Ableben eines Mathegenies abgegeben wurde: [zitat] Otis 14.11.2014 .. zuviel Intelligenz schadet einem in dieser Welt nur. Ignoranz, Irrationalität, Grausamkeit, Korruptheit etc pp - wer zu sehr damit hadert, hat halt ein Problem. Oder haben wir "einfachen" Menschen das Problem ? Weil wir solche Chancen vergeben, solche Menschen verstossen, nicht wirklich dazulernen wollen - weil es halt einem dann (erstmal!) weh tut ?[zitat/] Es unterstreicht die Ironie, mit der ein Mann, wie es Herr Becker wohl einer war, unbekannt blieb und wohl verkannt bleibt.
nvdh. 16.11.2014
5. HDB war eine SPIEGEL-Ikone
Mich stellte er, längst Verlagsdirektor des SPIEGEL, im November 1965 für das Ressort Deutschland II ein. Und warnte mich jungen Reporter (27): "Hier mag keiner keinen!" Zwei Jahre später, knüpfte er für mich die Verbindung zu Reinhard Gehlen, Direktor des Bundesnachrichtendienstes. Bis Ende der 70iger Jahre hatten wir immer wieder Telefon-Kontakt. Unvergessen sein Metallkochgeschirr aus der Wehrmacht, in dem sein Fahrer ihm täglich das von seiner Frau in Reinbek zubereitete Mittagessen brachte. Standesgemäß auch das Transportmittel, eine dunkelgrüne Jaguarlimousine. Rip!
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