Hans-Dietrich Genscher als Comic-Held Als Genschman die Welt rettete

Manchmal ist Popkultur albern und kindisch. So war es 1989, als das Satiremagazin "Titanic" den Außenminister zum Superhelden machte. Und plötzlich geschah das Undenkbare: Mit "Genschman" wurde die FDP lässig.

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Es war Zufall und gutes Timing - wie fast immer, wenn es in der Popkultur wirklich knallt. Als das Satiremagazin "Titanic" den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher für die Septemberausgabe 1989 als Superhelden aufs Cover nahm, rumorte es in Deutschland zwar schon. Aber die Wiedervereinigung schien noch fern. Im Garten der deutschen Botschaft in Prag sammelten sich zwar schon DDR-Bürger, die in den Westen wollten, aber es war noch vollkommen unklar, was für eine Dynamik sich daraus entwickeln würden.

Der Titel zeigte Genscher als stilisierten Batman mit runden Riesenohren und die dazugehörige Zeile lautete: "Genschman darf nicht sterben". "Genschman" wurde die wahrscheinlich erfolgreichste Satire der Bundesrepublik.

Eigentlich hatte Genscher einen Herzinfarkt gehabt, von dem er genas, das war der Anlass. Und im Jahr zuvor war der erste große "Batman"-Film in die Kino gekommen, der von einem Merchandising-Gewitter begleitet wurde, heute ist das normal, damals war es neu, das Batman-Symbol war überall.

Diese zwei Geschichten packten die "Titanic"-Macher in einen kleinen Comic-Strip zusammen. "Genschman darf nicht sterben" handelte davon, dass ein Super-Bösewicht namens Waigel die Ostverträge zerreißt und die Oder-Neiße-Grenze nach Osten verschieben will - und dass Genschman ihn daran hindert.

Ein kleiner bohemistisch-linker Bescheidwisser-Gag. Der aber eine irre Resonanz hatte. Denn am 30. September stand Genscher dann auf dem Balkon der Prager Botschaft und sagte seine berühmten Sätze. Von nun an ging es darum, die Wiedervereinigung in die Wege zu leiten.

Genschman war die Lichtgestalt

Wie viel Zeit seit der Wiedervereinigung vergangen ist, sieht man an den Ängsten, die sie damals begleiteten. Viele Menschen, vor allem auf der bohemistischen Linken, befürchteten, ein vereintes Deutschland würde sich in ein Viertes Reich verwandeln. Und Helmut Kohl, heute lagerübergreifend als Kanzler der Einheit anerkannt, wurde gehasst und verachtet. Er war die personifizierte Bräsigkeit eines Landes, in dem das Mittelmaß herrschte und in dem die Vergangenheit noch nicht vergangen war. "Birne" hieß er auf den Seiten der "Titanic".

Dagegen trat Genschman an. Er war die Lichtgestalt, auf die sich die Sehnsüchte projizieren ließen, dass die Kräfte der Finsternis am Ende doch nicht siegen würden. Es war natürlich kindisch. Aber das ist Popkultur oft. So sind Ängste. So sind Sehnsüchte.

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Hans-Dietrich Genscher: Der Mann im gelben Pullunder
Warum Genscher? Zwei Jahre vorher, auf dem Debütalbum "Porsche, Genscher, Hallo HSV" der Funpunkband Die Goldenen Zitronen, war er noch die Verkörperung von allem gewesen, was auf der Linken abgelehnt wurde. Die Goldenen Zitronen waren damals ja noch nicht die komplizierte Diskurspopband, in die sie sich nach der Wiedervereinigung und unter dem Eindruck der brennenden Asylbewerberheime verwandelten. 1987 sangen Schorsch Kamerun und seine Freunde noch ziemlich direkt vom linken Kneipentresen für alle, die das System ablehnten. Und das System, das waren Porsche, Genscher und der HSV.

Das Lied handelt von einem betrunkenen jungen Mann, der aus dem Kneipenschlaf erwacht und bemerkt, dass jemand "Porsche, Genscher, Hallo HSV" in sein Gesicht geschrieben hat, und es ist überraschend gut gealtert, weil es nie erklärt, was eigentlich gegen Genscher einzuwenden ist. "Was da stand, werde ich wohl nie verstehen", denkt sich auch der Bemalte.

Weltenretter im gelben Pullunder

So richtig hat Hans-Dietrich Genscher den Kult um seine Person wahrscheinlich selbst nicht verstanden - wie auch, er hatte ihn ja auch nicht losgetreten. Vielleicht speiste sich die Genschman-Begeisterung aus ähnlichen Quellen wie kurze Zeit später die Schlagerparaden und Ostalgie-Shows. Es gab ein Bedürfnis nach ironisch gebrochener Überidentifikation mit Symbolen des Landes. Warum auch immer.

Genscher liebte die Genschman-Figur natürlich, zeigte das Comic herum und versuchte aus seiner neuen Coolness so viel zu machen, wie eben möglich war. Doch als klar wurde, dass der Ruhm von Genschman ohne die Lächerlichkeit des gesamten politischen Personals der CDU/CSU nicht zu haben war, distanzierte er sich.

Zumindest offiziell. Die FDP versuchte noch Jahre der Lässigkeit hinterher zu laufen, die sie in den paar Monaten Genschman abbekommen hatte - bis in die "Projekt 18"-Kampagne von Guido Westerwelle hallt ja noch der Glaube nach, die kulturelle Attraktivität, die sich durch den Genschman-Comic und die "Titanic" ergeben hatte, müsse sich durch eine Partei doch auch selbst herstellen lassen. Es war ein Missverständnis.

In jedem der zahllosen gelben Pullunder, die Hans-Dietrich Genscher zur Versteigerung gab oder verschenkte, schimmerte aber immer die Erinnerung durch, dass ein Außenminister es tatsächlich zum weltenrettenden Superhelden bringen kann.

insgesamt 7 Beiträge
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cora.lahnstein 02.04.2016
1. Falsches Jahr
Im Artikel wird von der Septemberausgabe 1989 der Titanic gesprochen. Dann heißt es weiter "Und im Jahr zuvor war der erste große "Batman"-Film in die Kino gekommen..." Der Batman-Film von Tim Burton kam ebenfalls im Jahr 1989 in die Kinos.
asedky 02.04.2016
2. eine absolute diplomatische groesse
mit dem Tod von HDG ist eine absolute Groesse der deutschen und globalen Diplomatie von uns gegangen. Er war eine Ikone des 20 Jahrhunderts, dessen Einfluss bis in die Gegenwart reicht. HDG's historische Groesse wird viele moechtegern Diplomaten der heutigen Zeit weit überschatten.
micromiller 02.04.2016
3. Er war ein sehr guter Deutscher Außenminister
aber ist das nicht ein wenig zu viel, Pathos? In jedem der zahllosen gelben Pullunder, die Hans-Dietrich Genscher zur Versteigerung gab oder verschenkte, schimmerte aber immer die Erinnerung durch, dass ein Außenminister es tatsächlich zum weltenrettenden Superhelden bringen kann.
jaduk 02.04.2016
4.
Genscher war auch derjenige, der das Ende der sozialliberalen Koalition herbeigeführt und damit den Grundstein für die soziale Kälte in Deutschland gelegt hat. Genschman war ein Machtpolitiker in einer geldgeilen Zahnärzte-Partei.
peeka(neu) 03.04.2016
5. Der Genschman-Kult
wurde dann von Wiglaf Droste und Dirk Felsenheimer (Bela B) noch weiter getrieben und erschien als CD. (auf yt leider nur ein Hörspiel-Ausschnitt): https://www.youtube.com/watch?v=R4sMHVuxcLo "Genschman" war damals als Kosename für den Außenminister in aller Munde.
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