Hans Haacke "Der Reichstag ist ein imperialer Palast"

Hans Haacke, deutscher Künstler mit Wohnsitz New York, sprach mit SPIEGEL ONLINE über den Startschuss der "Erdschüttung" in seinem Berliner Reichstagsprojekt, über Kaisersymbole in Berlin und die Reaktionen der Abgeordneten.

Von Vera Stahl


Künstler Haacke vor dem Reichstagsgebäude: "Anspielungen auf Wilhelm I."
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Künstler Haacke vor dem Reichstagsgebäude: "Anspielungen auf Wilhelm I."

Staatstragende Kunst ist nicht Hans Haackes Sache. Doch die Einweihung seines umstrittenen Projekts "Der Bevölkerung" am 12. September im Hof des Reichstagsgebäudes ist feierlich geplant. Mit einer Schaufel Erde vom jüdischen Friedhof am Prenzlauer Berg gibt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse den Startschuss für den Wildwuchs im Parlament. Auf der Internetseite www.derbevoelkerung.de zeigt eine Webkamera täglich um 14 Uhr den neuesten Stand im Berliner-Reichstags-Kasten. Zeitgleich nutzt Haacke die Gunst der Stunde für eine Ausstellung im Frankfurter Portikus (www.portikus.de)

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von Christo und Jeanne-Claude sind Sie der Künstler mit der größtmöglichen öffentlichen Debatte seit Gründung der Bundesrepublik. Wie haben Sie die Abstimmung im Bundestag erlebt?

Hans Haacke: Ich habe mich gewundert, dass mein Entwurf für so kontrovers gehalten wurde, dass sich das Bundestagsplenum damit über eine Stunde lang befassen wollte. Ich war davon ausgegangen, dass er in der Bundesrepublik Selbstverständliches artikuliert. Zudem hatte ich angenommen, dass Abstimmungen des Kunstbeirates, also des zuständigen Parlamentsgremiums, respektiert würden und Abstimmungsverlierer nicht versuchen, durch eine bundesweite Kampagne das Votum der Mehrheit auszuhebeln. Übrigens, im Gegensatz zu Christo und Jeanne-Claude bin ich ausdrücklich vom Bundestag eingeladen worden, für den Lichthof ein Projekt zu entwickeln. Ich habe mich nicht darum beworben.

SPIEGEL ONLINE: Christo hat die Bundestagsdebatte selbst zum Kunstwerk erklärt - Antje Vollmer gratulierte Ihnen zum "Medienerfolg" und stimmte gegen die Realisierung. In Frankfurt stellen Sie Presseberichte und Reaktionen aus. Ist die Diskussion Teil Ihrer Arbeit?

Haacke: Dass über das, was ich zur Sprache bringe, diskutiert wird, ist gut. Daraus aber abzuleiten, ich wollte provozieren und es ginge mir nur um einen Medienrummel, ist bestenfalls ein Missverständnis. Vielleicht ist die Verbreitung einer solchen Interpretation aber auch als eine bewusste Taktik zu verstehen, das Projekt und seine Befürworter zu diskreditieren. Wie die meisten Künstler bin ich daran interessiert, meine Entwürfe zu realisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist die Arbeit für Sie vollendet?

Biokitsch oder Kunstprojekt? Modell der Haacke-Erdschüttung
AP

Biokitsch oder Kunstprojekt? Modell der Haacke-Erdschüttung

Haacke: Das ist ein andauernder Prozess. Er hat mit der Einladung 1998 begonnen und endet, wenn in Berlin keine Bundestagsabgeordneten mehr zusammentreten - möglicherweise, wenn es statt eines deutschen Parlaments in Zukunft vielleicht nur noch ein europäisches gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie widmen Ihr Werk mit einem Neonschriftzug "Der Bevölkerung". Was hat Sie an der alten Inschrift des Reichstages "Dem deutschen Volke" gestört?

Haacke: Die alte Reichstagsinschrift ist unglücklicherweise historisch belastet. Vergessen wir nicht, dass die Nazis mehr als 100 Reichstagsabgeordneten die Zugehörigkeit zum deutschen Volk aberkannt hatten. 79 von ihnen sind umgekommen. Auch die Söhne der Bronzegießer, die die Inschrift im kaiserlichen Auftrag aus napoleonischen Beutekanonen gegossen hatten, sind ermordet worden. Heute sind fast zehn Prozent der Bewohner der Bundesrepublik nicht deutsche Staatsbürger. Wie andere zahlen sie Steuern. Ohne sie wäre es um die Exportkapazität der deutschen Wirtschaft schlecht bestellt. Aber seit Jahren sind sie Opfer vom Hass auf "Andere", ihre Wohnungen werden niedergebrannt, sie werden wieder auf der Straße angerempelt und niedergetrampelt, weil sie nicht deutsch genug erscheinen, und es gibt Bundestagsparteien, die mit Fremdenhass auf Stimmenfang gehen. Die vom Bundestag verabschiedeten Gesetze und natürlich auch das Grundgesetz, das die Gleichheit aller proklamiert, gelten auch für die Bewohner, die keinen deutschen Pass haben. Die Abgeordneten sind deshalb auch ihnen gegenüber moralisch verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Die Inschrift wurde 1916 installiert. Sie hatte damals eine andere Bedeutung...

Haacke: Wenn man genau auf den Giebel des Reichstags guckt, entdeckt man, dass dort jeglicher Hinweis auf eine demokratische Vertretung, die in diesem Haus zusammentreten soll, fehlt. Im Gegenteil: Am höchsten Punkt des Giebeldreiecks sieht man die Kaiserkrone und darunter die preußische Königskrone. Rechts und links fällt Hermelin um ein Adlerwappen herab. Zwei wagnerianische Typen verteidigen die beiden Kronen mit Schwert und Schild. Im rechten Zwickel des Giebels meißelt ein nackter Bildhauer an einer Büste des Kaisers. Anspielungen auf Wilhelm I. sind an vielen Stellen des Gebäudes auszumachen - es wimmelt von Kaiserkronen. Das Reichstagsgebäude ist ein imperialer Palast, den der Kaiser in huldvoller Herrschergeste "Dem deutschen Volk" zugeeignet hat. Dieser historische Hintergrund mag den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog bewogen haben, einmal dafür zu plädieren, die Inschrift abzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Einladung, Heimaterde für Ihr Kunstwerk nach Berlin mitzubringen, haben viele der 669 Abgeordneten abgelehnt oder nicht ernst genommen. Einige Absagen sind in Frankfurt nachzulesen. Dirk Niebel von der FDP etwa bedankte sich für die zwei Jutesäcke, die seine Söhne "mit großer Begeisterung zum Sackhüpfen genutzt" hätten.

Haacke: Auch von CDU-Abgeordneten bekam ich Briefe, deren Tonart mich überraschte. Stolz teilte mir einer persönlich mit, "die Säcke wurden entsorgt". Andere haben sich mit Foto in der BILD-Zeitung als "Entsorger" gebrüstet.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie mit so einem Sturm gerechnet?

Haacke: Nein, mit meinem Entwurf renne ich doch offene Türen ein - zumindest, was die Verfassung und das öffentlich bekundete Einverständnis der politischen Klasse betrifft. Deswegen hat mich erschreckt, dass ein Teil der Bundestagsabgeordneten anscheinend diesem Konsens doch nicht angehört und obendrein einem provinziellen Kunstverständnis verhaftet ist. In der Bundestagsdebatte gab es Töne, die man nicht anders als deutschnational charakterisieren kann.



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