Skandalregisseur Neuenfels Wagner im Fieberwahn

Deutschlands zuverlässigster Skandalregisseur Hans Neuenfels hat ein Musiktheaterstück über Richard Wagner geschrieben: über das Musikgenie und über den Antisemiten. Früher wäre da der Skandal programmiert gewesen. Heute sagt Neuenfels: Auf Krawall habe er es nicht abgesehen.

T+T Fotografie/ Toni Suter/ Tanja Dorendorf

Mit "Richard Wagner - Wie ich Welt wurde" eröffnet der große Regisseur Hans Neuenfels am 14. Juni die Festspiele Zürich, wo zum 200. Geburtstag des Komponisten unter dem Motto "Treibhaus Wagner" zahlreiche Musik- und Theaterkünstler Wagners Leben und Werk durch die Mangel nehmen. Neuenfels, 72, der neben der Theater- und Opernarbeit schon früh auch Gedichtbände ("Ovar und Opium", 1959) und Romane ("Isaakaros", 1991) publizierte, hat die Vorlage für das Eröffnungsspektakel der Zürcher Festspiele selbst verfasst. Er nennt es ein "Musik-Theater-Stück für Schauspieler, Sänger und kleines Orchester".

Zu den Mitwirkenden der Aufführung gehören Neuenfels' Frau Elisabeth Trissenaar als Cosima Wagner, Robert Hunger-Bühler als Richard Wagner und Siggi Schwientek in der Rolle des Schriftstellers Gottfried Keller. Neuenfels lässt auch den Dichter Baudelaire auftreten und als Toten über die Bühne geistern, er versteht sein Werk als biografisches Traumspiel und "Fieberfantasie", wie es im Programmheft heißt. Der Inhalt: Auf seiner letzten Reise nach Venedig macht Wagner ein Jahr vor seinem Tod mit Gattin Cosima in Zürich Halt. Dort packt ihn ein Erinnerungsfieber, schließlich hat er insgesamt neun Jahre seines Lebens in der Stadt verbracht, in diesem Zustand trifft er unter anderem seine einstige Geliebte Mathilde und deren Mann Otto Wesendonck.

Bewunderung und Skepsis

Was hat Neuenfels, der sich als Regisseur erst ziemlich spät mit Richard Wagner beschäftigte und 2010 bei den Bayreuther Festspielen einen allseits bejubelten "Lohengrin" inszenierte, zu seinem Stück über den Meister getrieben? "Erstens gab man mir den Auftrag", sagt er. "Das Zürcher Opernhaus und das Zürcher Schauspielhaus haben mich gefragt, ob ich für eine Gemeinschaftsproduktion zum Geburtstag von Wagner nicht ein Stück schreiben wollte. Und zweitens hatte ich tatsächlich das Bedürfnis. Ich wollte die Chance nutzen, mir die wichtigen Fragen aus meiner langen Auseinandersetzung mit Wagner und seinen Werken noch einmal ausführlicher zu stellen. Es geht mir vor allem um die Diskrepanz zwischen dem Künstler Wagner, der ein Genie war wie Verdi oder Mozart, und dem Antisemiten Wagner, der seinem Hass auf die Juden in schrecklichen Schriften Ausdruck verlieh. Ich wollte erzählen von meiner Bewunderung und von meiner Skepsis."

Das Stück "Richard Wagner - Wie ich Welt wurde" sei eine "Mischung aus Fakten und Erfindung", sagt der Uraufführungsregisseur und Autor. "Man weiß ja nicht, wie tief und entscheidend die Begegnung mit Mathilde Wesendonck wirklich war, es gibt nur Vermutungen", sagt Neuenfels. Sein Werk, ausgewiesen als eine "wahre Fantasie", basiere zwar auf historischen Zeugnissen, "aber die Figuren, die auftreten, Gottfried Keller oder Baudelaire, schaffen eine Konstellation, die natürlich meine subjektive Sicht spiegelt." Sein Stück sei durchaus ein ordentliches dramatisches Werk, das auch andere Regisseure nachspielen könnten: "Das ist ein richtiger geschriebener Text, dessen Sprache sich bemüht, die Heftigkeit der damaligen Zeit und ihre Lust an der Sprache aufzunehmen."

Keineswegs habe er es auf einen Krawall oder den Streit mit orthodoxen Wagner-Fans abgesehen, sagt der einst für Skandale berüchtigte Theatermann. "Dafür habe ich es jedenfalls nicht gemacht." Es gehe ihm um ein Spiel mit der Problematik von Wagners widersprüchlichem Künstlertum, "seiner Eitelkeit, seiner Lust, sich auch in völlig musikfernen Welten auszudrücken".

Skandale mit Substanz

Seit ein paar Jahren wird der früher heftig angefeindete Regisseur Neuenfels in den deutschen Feuilletons freundlich verklärt als ein Mann, dessen Provokationen und Skandale im Gegensatz zu denen von jüngeren Regisseuren noch voller intellektueller und künstlerischer Substanz gewesen seien. "Ich sehe diese Milde mit einem angenehmen Erstaunen", sagt er, es sei schön, "dass man als Regisseur überhaupt eine Wirkung hinterlässt". Zusammen mit dem Goethe Institut und einem Berliner Filmverleih lege er derzeit seine Filmtrilogie über Heinrich von Kleist für eine neue Edition neu auf, "revitalisiert, damit die Filme länger in Erinnerung bleiben".

In Zürich fühlte er sich wohl, sagt Neuenfels. Anders als in Bayreuth könne man beim diesjährigen Festival, welches das Motto "Treibhaus Wagner" trägt und den Komponisten aus vielen Blickwinkeln beleuchtet, wirklich von einer "Wagner-Werkstatt" sprechen. "Hier in Zürich setzen sich Künstler auf extreme Art mit Wagners Werk auseinander. Das Gerede von der Werkstatt Bayreuth dagegen ist ein Irrtum, der unbegreiflicherweise sehr populär ist."


"Richard Wagner - Wie ich Welt wurde". Uraufführung zur Eröffnung der Zürcher Festspiele am 14.6. im Schiffbau. Festspiele vom 14.6.-14.7.



insgesamt 3 Beiträge
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kannmanauchsosehen 12.06.2013
1. Krawallregisseure
Zitat von sysopT+T Fotografie/ Toni Suter/ Tanja DorendorfDeutschlands zuverlässigster Skandalregisseur Hans Neuenfels hat ein Musiktheaterstück über Richard Wagner geschrieben: über das Musikgenie und über den Antisemiten. Früher wäre da der Skandal programmiert gewesen. Heute sagt Neuenfels: Auf Krawall habe er es nicht abgesehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hans-neuenfels-richard-wagner-wie-ich-welt-wurde-a-905162.html
Ich habe noch nie begriffen, wieso ein freies Land Skandalregisseure braucht. Ich war einmal bei so einem "Ereignis" anwesend, das reicht für ein ganzes Leben und wer dort ständig hingeht, liebt einfach nur den Krawall. Wrestling für Intellektuelle; klingt hart, ist aber so. Die gute Nachricht ist die, in einem freien Land muss ja niemand dort hingehen, nur Steuern dafür zahlen. Mache ich aber gerne ;-)
opernschreck 12.06.2013
2. Regieblödsinn
Jetzt ist der regieblödsinn anscheinend allmählich ausge -reitzt
überzwerg 12.06.2013
3. Nun
Was soll der Seitenhieb auf Bayreuth? Hat man ihm dort nicht alle Freiheit gelassen? Man beißt die Hand nicht, die einen füttert.
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