Wiederentdeckte DDR-Fotos: Das letzte Gefecht an der Bierflasche

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"Ferner Osten": In einem Land vor unserer Zeit Fotos
Harald Hauswald/ Ostkreuz/ Lehmstedt Verlag

Nebel liegt über dem Arbeiter- und Bauernstaat: Auf den Aufnahmen des Fotografen Harald Hauswald wirkt die DDR der achtziger Jahre wie ein verwunschenes Reich. Die Proletarier, die das Land beherrschen sollten, sind müde - und manchmal auch einfach nur betrunken.

Um die DDR zu verstehen, bedarf es es nur eines einzigen Fotos von Harald Hauswald: Ein Pferdefuhrwerk fährt in den achtziger Jahren über die Straße der Befreiung in Berlin-Lichtenberg. Direkt am Straßenrand steht eine heruntergekommene Gründerzeitvilla, die Fenster zum Teil mit Brettern vernagelt. Im Fotohintergrund, wie eine Tapete, die Ansicht von einem Plattenbaukomplex. Und ganz klein, fast am Bildrand, versteckt hinter einem Gebüsch, ein Wartburg.

Der flammende und doch hohl tönende Idealismus des Straßennamens, der Anachronismus des Gefährts, das Elend des Altbaus und die platte Brutalität der Betonfassade ergeben eine knappe und treffende Darstellung des Arbeiter- und Bauernstaats in seinen letzten Jahren.

Harald Hauswald, Jahrgang 1956, hat die Szene dokumentiert - und war mit derartigen Aufnahmen den Machthabern offenbar suspekt geworden: Der Fotograf wurde über Jahre von der Stasi überwacht, zum Teil von bis zu 35 Informanten. Nach einer Ausbildung Ende der Siebziger war er nach Berlin gekommen, arbeitete dort unter anderem als freier Mitarbeiter für den "Sonntag", die eher geduldete Wochenzeitung des Kulturbunds, und außerdem für westdeutsche Medien wie "Stern", "Geo" und "Merian". Nun zeigt der Fotoband "Ferner Osten" eine Auswahl von Hauswalds Arbeiten, darunter viele Aufnahmen, die zuvor nie veröffentlicht worden sind.

Über seine Kontakte zu Westmedien kam Hauswald an Kodakfilme. Deren Abzüge wirkten weniger farbstichig und grobkörnig, als die der DDR-Marke Orwo. Eine Besonderheit, war doch in der DDR nur ein einziges, streng kontrolliertes Labor in der Lage, diese Filme zu entwickeln. Viele Fotokünstler setzten deshalb auf Schwarzweiß-Fotografie. Farbfilme blieben der Propagandafotografie vorbehalten.

Ausgerechnet vor der Zentralbildstelle

Die offizielle, inszenierte Seite des öffentlichen Lebens in der DDR ist auf Hauswalds Aufnahmen höchstens am Rande zu sehen. So, als er beim Pfingsttreffen der FDJ 1989 auf dem Ost-Berliner Marx-Engels-Platz die apathisch wirkenden Teilnehmer im Bild festhält - mitsamt ihrer Transparente und roten Fahnen, die, auf einer anderen Aufnahme zu sehen, danach in Müllcontainer wandern. Ausgerechnet vor der Zentralbildstelle der Nachrichtenagentur ADN.

Hauswald zeigt kaum Funktionäre, Intellektuelle, nur wenige Künstler oder gar bourgeoise Typen, wie sie in Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" oder in Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" im Mittelpunkt stehen, von denen Erinnerung an die DDR mittlerweile geprägt wird. Hauswald zeigt Proletarier, die vermeintlichen Herrscher des sozialistischen Staates. Doch nie sieht man sie als Helden. Die Menschen auf den Bildern wirken müde, skeptisch, resigniert, dabei aber nicht unvergnügt. Manchmal sind sie auch einfach nur betrunken. Manchmal so sehr, dass sie, wie auf einem am Prenzlauer Berg entstandenen Bild, gestützt werden müssen. Das in der "Internationalen", der Hymne der Sozialisten beschworene "letzte Gefecht" findet an der Bierflasche statt.

Die stärksten Aufnahmen, die das Buch zeigt, sind in der Provinz entstanden: Beim Pferdemarkt in Havelberg (Sachsen-Anhalt) sieht man ausgelaugt wirkende Männer, die es sich, gekleidet in Kunstfaser-Jacketts und großkarierte Hemden, mit einer Flasche Bier in der Hand am Rand des öffentlichen Lebens eingerichtet haben. Wie auch Hauswalds Aufnahmen von Gaststätten oder Schrebergärten in der Ost-Berliner Peripherie zeigen diese Bilder das, was Günther Gaus einmal als "Nischengesellschaft" bezeichnet hat: DDR-Bürger, die sich mit ihrem Staat arrangiert hatten, indem sie ihm den Rücken zuwandten.

Als ob dieses Land tatsächlich im ewigen Schatten gelegen hätte, ist das Licht auf Hauswalds Bildern verhalten, der Himmel fast immer verdeckt, nur selten einmal kommt ein Sonnenstrahl durch - dann blendet er den Betrachter fast, als künde er von etwas ganz Unerhörtem: dass irgendwo da draußen, jenseits der DDR auch Leben existieren soll.

Die Protagonisten von Hauswalds Bildern scheinen mit dem Gedanken an eine derartige Möglichkeit abgeschlossen zu haben - und mit allen anderen Alternativen zu ihrem Dasein auch. Den Blick schicksalsergeben zu Boden gerichtet stehen sie im Nebel, als befänden sie sich in einem niederländischen Landschaftsgemälde des 18. Jahrhunderts.

Die Mauer allerdings fiel erst vor knapp 25 Jahren. Viele der von Hauswald Porträtierten dürften noch am Leben sein - betrachtet man seine Aufnahmen heute, erscheint das fast unvorstellbar. Sie wirken wie Menschen aus einer fernen Vergangenheit.

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