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Harald hört auf: So nicht, Herr Schmidt!

Die geschundene und gedemütigte Nation hält den Atem an: Harald Schmidt will eine kreative Atempause einlegen. Klammheimlich, still und leise will er sein Publikum alleine lassen mit den Herausforderungen des Jahres 2004, allein mit Gerster, Gsell und Gerhards Reformen. Haben wir ihn etwa nicht genug geliebt?

Fernsehstar Schmidt: Burnout-Syndrom mit 46?
AP

Fernsehstar Schmidt: Burnout-Syndrom mit 46?

Wie eine Bombe schlug in Deutschlands Fußgängerzonen die Nachricht ein, dass die "Harald Schmidt Show" auf Sat.1 nur noch bis Jahresende läuft.

Dann, so die schockierende Botschaft, ist erstmal Schluss, Ende, aus. Der Meister aller Läster-Klassen, Millionen Menschen vor den Geräten hören es, ohne es wirklich zu verstehen, will eine "kreative Pause" einlegen. Bitte wie? Was!?

Moment mal. Eben noch vernahmen wir doch Schmidts patriotische Appelle zur Mehrarbeit fürs Vaterland: Die Agenda 2010, klare Ansage, ist für alle da!? Eben noch führte Deutschlands einziger Late-Night-Star nach Johannes Heesters voll Malocherstolz die Fünf-Tage-Woche ein, die nicht zuletzt dazu führte, dass nun auch das Publikum verstärkt zur Mitarbeit auf die Show-Bühne gezwungen wird und Redaktionsleiter Manuel Andrack noch öfter über den 1. FC Köln und das Basteln von Christbaumschmuck schwadronieren kann.

Entscheidend aber: Haben etwa Jay Leno oder David Letterman, die Vorbilder und Helden des amerikanischen Late Night Entertainments, jemals eine "kreative Pause" eingelegt, schon gar nach acht kurzen Jährchen? Und wollte Schmidt nicht mindestens 40 Jahre durchhalten wie der Late-Night-Mythos Johnny Carson?

Oder ist dem bekennenden Hypochonder Schmidt die Pharma-Werbekampagne für "Hexal" in die morschen Knochen gefahren? Burnout-Syndrom schon mit 46? Generation Z wie Zipperlein & Zappenduster? Warmduscher Harald?

Kurz und gut: So nicht, Herr Schmidt! Da helfen auch nicht die kaum versteckten, ja geradezu auf dem offenen Markt präsentierten Hinweise, der Wechsel in der Geschäftsführung von Sat.1 spiele hier eine Rolle. Ein Johnny Carson hätte das auf einem Backenzahn ausgesessen, und Loriot hätte gerade mal die Sofaecke gewechselt. Bitte wer? Schawinski? Müller-Lüdenscheid!

Während der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat in nächtelangen, alkohol- und schweißgetränkten Sitzungen mit dem Schicksal der Nation ringt, will sich der Mann aus Nürtingen still und leise vom Acker machen. Gerade jetzt, auf dem Höhepunkt des Weihnachtsgeschäfts und in der kritischen Vorahnung eines konjunkturellen Aufschwungs, verlässt jener Mann das Kanu der Konsensgesellschaft, der doch stets für den besseren, den optimistischen und gut gelaunten Teil Deutschlands stand.

Er, der mit kleinen hässlichen Polen-Witzen angefangen hat und es sich nach wenigen Jahren schon leisten konnte, eine ganze Show lang eigentlich gar nichts mehr zu machen außer Blondinen aus dem Publikum mit 50-Euro-Scheinen auf den Gästesessel zu locken. Er, der auch in dunkler Zeit die Fackel einer angemessen zynischen Gesellschaftsbetrachtung hochgehalten hat und damit vor allem der "Generation Golf" half, sich wenigstens minutenweise aus ihrer selbst verschuldeten Langeweile zu befreien, dieser Mann will jetzt sein Publikum im Stich lassen mit den Herausforderungen des drohenden Jahres 2004?

Ja, so sieht es aus. Zynisch und eiskalt will er es allein lassen mit der nächsten Busen-Transplantation von Tatjana Gsell, allein lassen mit Florian Gerster und seinen allernächsten Abenteuern, allein mit dem Kampf der Dienstleistungs-Gewerkschaft verdi gegen den Terror der Weihnachtsmusik in den Kaufhäusern, allein mit Angie, Edmund, Gerhard, Guido und George W., kurz: allein mit und in dieser Welt.

Vielleicht aber müssen wir, seine Fans, uns ja auch selbstkritisch fragen: Haben wir was falsch gemacht? Haben wir ihm nicht genug Liebe gegeben und grenzenlose Anerkennung gezollt? Haben wir nicht auch noch die mittelmäßigsten Sendungen überstanden, allein in der Hoffnung auf ein geniales Wort, einen bitterbösen Spruch zur Nacht, der uns in den Schlummer hieb?

Haben wir denn nicht genug Artikel über ihn geschrieben, ellenlange Gespräche geführt, Kremlologische, ja Putineske Biografien veröffentlicht und jede atmosphärische Veränderung in der Show seismographisch registriert, als ginge es ums Wohl und Wehe einer ganzen Welt?

Haben wir denn nicht die tiefenhermeneutische Schmidtologie bis ins kleinste Detail betrieben und die allgemeine Haraldisierung des Feuilletons so weit vorangebracht, dass ein Text unter der Rubrik "Zeitgeist" ohne die Metapher "Harald Schmidt" nachgerade undenkbar geworden war?

Doch, Herr Schmidt, das haben wir.

Hier also ein Vorschlag zur Güte: Verstehen Sie Spaß, gehen Sie zurück zur ARD! Mit einem Schlag könnten Sie ihr ergebenes Fernsehvolk vom nächtlichen Kuscheltalk der heiligen drei Sandmännchen Beckmann, Bauer und Maischberger befreien. Ein schöneres Weihnachtsgeschenk könnte sich die Nation nicht wünschen.

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