Harald Schmidt im Ersten Sparen mit der ARD

Was ist denn bloß mit Gott los? Harald Schmidt ist und bleibt das beste Pferd im Fernsehstall, doch der Mangel an Konkurrenz scheint ihn auch ein bisschen bräsig zu machen: Bei seinem eher lustlosen Debüt gestern Abend im Ersten waren Gags und Pointen Mangelware.

Von Henryk M. Broder


Entertainer Schmidt in seinem neuen ARD-Studio: Die Welt ist böser geworden
ARD/Jim Rakete

Entertainer Schmidt in seinem neuen ARD-Studio: Die Welt ist böser geworden

Als Harald Schmidt Ende 2003 beschloss, eine Kreativpause einzulegen und den Bildschirm zu räumen, fiel der Medienkritiker der "FAZ" auf die Knie, breitete die Arme aus und klagte: "Gott ist tot!". Und dann gab es eine schreckliche gottlose Zeit, die mit Anke Engelke begann und mit dem Tsunami endete. Nun ist Harald Schmidt wieder da, und alle sind sehr gespannt, welche Schlagzeile wir morgen in der "FAZ" lesen werden. "Gott lebt!" Oder: "Was ist los mit Gott?" Oder: "Um Gottes willen, was ist los mit Schmidt?"

Ja, ja, Schmidt ist und bleibt das beste Pferd im Fernsehstall. Das Problem mit ihm ist nur, dass er immer nur gegen sich selbst antritt.

Er hat niemand, der ihm das Wasser reichen kann, nicht mal sein Bursche, Herr Andrack. Und wenn einer immer wieder gegen sich selbst spielen muss, braucht er wenigstens Vorbilder. Schmidts Vorbild, das er bis zu den Handbewegungen hin kopiert hat, war David Letterman. Am Ende war die Kopie besser als das Original.

Kein Mensch kennt Jon Stewart

Jetzt hat Schmidt das Format geändert, es dem schmalen Budget der ARD angepasst, und sein neues Vorbild heißt Jon Stewart. Der macht in den USA auf "Comedy Central" die "Daily Show", eine politische Sendung über alles, was am Tag passiert ist. Es ist zur Zeit eines der populärsten Programme in den USA. Jedes Kind kennt Stewart, von ihm satirisch nachbehandelt zu werden, ist eine Art Ritterschlag.

Nur: Kaum jemand, Schmidt ausgenommen, hat bei uns Jon Stewart gesehen. Und bei aller Liebe zu Schmidt: Stewart ist besser. Dazu kommt: Es reicht nicht, dass Schmidt nun der deutsche Jon Stewart sein möchte, seine Zuschauer müssten davon auch in Kenntnis gesetzt werden.

Dabei gibt sich die ARD so viel Mühe, ihren Heimkehrer gut zu präsentieren. Am Ende der "Tagesthemen" gab es eine Live-Schaltung von Wickert zu Schmidt ("Könnten die Tagesthemen für Sie eine Vorlage sein?") und am Ende der Wetterkarte stand Kachelmann in Schwarzweiß statt in Farbe da und sagte: "Wir müssen jetzt sparen. Für ihn sparen wir gerne: Harald Schmidt."

Das wäre auch ein schönes Motto für die folgenden 30 Minuten gewesen: Sparen mit der ARD. Oder noch besser: Schmidt ist geil. Denn er geizte mit allem, mit guter Laune, mit Pointen, mit den kleinen Einspielfilmen. Los ging es mit ein paar lauen Witzen über Bush und Condoleezza Rice ("Heute backe ich, morgen brate ich, übermorgen fahre ich in den Iran"), dann wurde eine Weltkarte mit den "Vorposten der Tyrannei" gezeigt (Kuba, Nordkorea, usw.) und die Frage gestellt: "Was können wir tun, um unser Land nach vorne zu bringen?" Zum Beispiel könnte sich jeder einen Airbus kaufen. "Ich sage Ja zum Airbus. Gehen Sie und bestellen Sie morgen einen Airbus!"

Einfach alles wurscht

Dann kam der erdbedrohende Meteorit an die Reihe. "Ich sage Ihnen, wie Sie sich schützen können, lassen Sie die Jalousien runter." Man sah es Schmidt an, dass er den Witz nicht besonders gut fand.

Etwas lebhafter wurde es erst, als Schmidt sich einen Vogelkäfig über den Kopf zog und Andrack mit einer Hühnchenmaske vor ihm auf- und ablief, bis er umkippte. Es ging um das Dioxin in den Eiern. Doch auch als Hypochonder war Schmidt nicht in bester Form. Es schien ihm einfach alles wurscht.

Wahrscheinlich ist doch was dran an dem Satz, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Im Gegensatz zu Leuten wie Norbert Blüm (Hexal) und Alfred Biolek (Klosterfrau Melissengeist) könnte sich Schmidt einen nur mit Hobbys ausgefüllten Ruhestand leisten, albanische Ikonen sammeln und bei den alljährlichen Tagen der Fernsehkritik Vorträge halten.

Schmidt ist Schmidt geblieben, die Wirklichkeit dagegen hat sich rasant weiter entwickelt. Sie ist böser, gemeiner, satirischer geworden. Es wird immer schwerer, mit Meyer, Merkel und Müntefering Schritt zu halten. Schmidt weiß es. Würde er vor den "Tagesthemen" gesendet, hätte er noch eine Chance. Danach aber bleibt nur noch der Appell an die Treue der Fan-Gemeinde. "Wenn Sie Lust haben - morgen Abend wieder nach den 'Tagesthemen'", sagte er ganz zum Schluss. Und es klang wie: "Nach dem Krieg um fünf im Krug."



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