Harald Schmidt wird 50 Ein deutscher Luftgeist

Das war's mit der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen: Harald Schmidt wird 50. SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr erklärt, warum der ewig spottende Feuilletonliebling mit seinem Minderheitenprogramm für Selbstdenker einen neuen deutschen Zeitgeist geschaffen hat.


"Wie, erst 50? Ich dachte, der ist schon viel älter". So uncharmant, unwissend und unsensibel reagiert manch einer, der gerade vom morgigen runden Geburtstag Harald Schmidts erfahren hat. Andere hingegen wundern sich, dass der Mann, der eben noch mit Haarmatte und Nickelbrille bei "Schmidteinander" den "Fozzie-Bär" gespielt hat, jetzt schon aus der Fernsehwerbezielgruppe der 14- bis 49-Jährigen herausfallen soll.

Aber es ist wahr: Ein Mann wird älter, und es ist kein Roman. Nun trifft es auch den, der zu Beginn seiner einzigartigen Karriere im deutschen Fernsehen als der Inbegriff des "Jungen, Frechen, Unverbrauchten" galt. Doch er ist nicht allein. Eine ganze Generation, die ihn seit den frühen Neunzigern gebannt verfolgt hat, altert mit ihm. Man kennt sich also.

Der leidenschaftliche Hypochonder Schmidt, der seinem Publikum schon oft detaillierte Vorträge über körperliche Gebrechen und ihre mögliche Vermeidung gehalten hat, wird es am besten wissen: Nun geht es noch häufiger als bisher zur Vorsorgeuntersuchung, zu Darm- und Magenspiegelung, Ultraschall und in den Kernspintomografen, nun muss noch häufiger inspiziert, abgetastet und kontrolliert werden.

Der Körper baut ab, und die Zeit rinnt dahin. Die zweite Lebenshälfte hat unwiderruflich begonnen, auch wenn Jopi Heesters, 103, Anlass zu transzendentem Optimismus gibt. Jetzt ist der Geist gefordert. Ihn zwingt niemand in die Pflegestufe 1.

Schön und gut. Doch hier zeigt sich zugleich Harald Schmidts Problem: Er hat immer schon eher auf seinen Geist, deutsch: Esprit vertraut als auf seinen Körper. Da gibt es für ihn nichts mehr zu entdecken. Zwar sind Mimik und Gestik des Kabarettisten, Schauspielers und Entertainers legendär; die Frauen schauen auf seine feingliedrigen Hände, und er selbst scheute auch vor der gelegentlichen Zurschaustellung des äußerlich ungeschützten, unvollkommenen Selbst nicht zurück.

Allein, auch dabei regierte stets der Kopf den Körper. Er behielt die Endkontrolle. Ein biografisches Urerlebnis mag eine entscheidende Rolle gespielt haben. Es könnte auch den gnadenreichen und äußerst seltenen Umstand erklären, dass Schmidt ein Leben lang Neigung und Hobby zum Beruf gemacht hat, mit durchschlagendem Erfolg.

Alles begann auf dem Schulhof, wie er einmal erzählte. Genauer: Auf dem Sportplatz. Die hübschen Mädchen schauten auf die starken durchtrainierten Jungs mit den gebräunten Oberkörpern, wie sie sich um den Ball balgten, während der bleiche und schmächtige Harald unbeachtet am Spielfeldrand stand.

Doch sein früh entwickelter Hang, ja innerer Drang zur freien Kommentierung des Weltgeschehens brachte die Wende. Mit unverschämten, also ironischen, sarkastischen und zynischen Sprüchen gewann er die Aufmerksamkeit der Mitschülerinnen, die er als hängender Linksaußen nie und nimmer erreicht hätte. Eine Lektion fürs Leben.

Alles nur für die Frauen

Denn gerade für kreative Männer gilt: Sie machen das alles doch nur für die Frauen, auch wenn es den Sublimierungsprofis selbst nicht immer bewusst sein mag. Wo der Körper schwach ist, muss wenigstens der Geist stark sein. Für Schmidt ist das inzwischen nichts Neues mehr.

Daher rührt auch sein zweites Problem: Er hat schon alles erreicht. Finanziell sowieso, aber auch in jeder anderen Hinsicht. Alles scheint getan und gesagt, von ihm und über ihn. In jeder Sendung, über jede Sendung. Das merkte man den Sendungen zuletzt immer öfter an.

Dass ab Herbst mit Oliver Pocher ein ehemaliger Lustknabe der "Media-Markt"-Reklame als Quotenbringer für junge Dinger neben Schmidt seinen Dienst am Humorstandort Köln-Mülheim antreten wird, mag dazu passen. Ob es aber der Wahrheitsfindung dient? Und zur schönen Weisheit des Alters ab 50 passt?

Um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über Harald Schmidt herauszufinden, hat sich in den vergangenen Jahren eine regelrechte Schmidtologie entwickelt, ein palimpsestartiges Konvolut übereinander lagernder, ineinander verschlungener und einander widersprechender Interpretationen des Meisters und seines Gesamtwerks, an dem auch wir wohl nicht völlig unschuldig sind. Komplette Bücher über ihn und das "Phänomen Schmidt" sind erschienen, in denen, teils Wort für Wort und Szene für Szene, die "Harald Schmidt Show" einer peinlich strengen Analyse unterzogen wird. Welchem TV-Star sonst ist das passiert? Damit nicht genug. Regelmäßig rangiert er ganz oben auf der Liste "führender deutschsprachiger Intellektueller" eines gewissen Magazins, das sich gerne als Sprachrohr ebenjener Klientel betrachtet.

Über all die Jahre ist Harald Schmidt zur Metapher eines neuen Zeitgeists in Deutschland geworden, eine Ikone der ironisch distanzierten Weltbetrachtung, die keine Niederungen scheut, eine Marke "made in Germany" der ganz anderen Art.

Kein Protz und kein Spießer, weder politischer Überzeugungstäter noch Unterhaltungsfuzzy mit eingebautem Witzigkeitszwang. Stattdessen ein Geist der spöttischen Bejahung, der auch Nein sagen kann, ohne gleich hinzufügen zu müssen: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders! Er konnte und kann immer auch ganz anders und bleibt gerade deshalb unverwechselbar. Ein Luftgeist aus Deutschland.

Nicht zuletzt deshalb ist er bis heute ein Liebling der deutschen Feuilletonlümmels, die trotz aller wiederkehrender und laut beklagter Enttäuschungen in ihm immer noch den weithin einzigen sehen, der im galoppierenden Wahnsinn des Fernseh- und Lebensalltags für Momente des Lichts und dringend benötigter Aufklärung sorgen kann, für ein befreiendes Zuhausegefühl im Geiste.

Er macht, was er will, und er sagt, was er denkt

Es ist nur konsequent, dass seine Einschaltquoten ostinat im unteren Skalenbereich verharrten. Er ist und bleibt ein Minderheitenprogramm für Selbstdenker und solche, die sich dafür halten. Aus der zivilen Beiläufigkeit seiner souveränen Grundhaltung spricht nicht zuletzt eine innere Freiheit, um die ihn viele insgeheim beneiden, Bewunderer wie Verächter. Er macht, was er will, und er sagt, was er denkt. Nicht immer und überall, gewiss, aber weit mehr als die meisten anderen im Fernsehgeschäft. Am besten ist Harald Schmidt stets dann gewesen, wenn er nur seinem eigenen Text folgte, einem inneren Monolog des Augenblicks, auf laut gestellt.

Als eine Art Hans Magnus Enzensberger des TV-Zeitalters tanzt er in und mit dem "Nullmedium Fernsehen" wie niemand sonst, selbstreferentiell bis zur Erschöpfung, sarkastisch bis zur Schmerzgrenze. In schnurrbärtiger "Führer"-Gestalt mit SS-Ledermantel und Nazi-Dienstmütze warnt er vor dem Rechtsextremismus ("Ich weiß, wovon ich sprrreche!"), skizziert freihändig die Lebensumstände namenloser Hausbewohner an Hand von Messing-Türklinken und Designer-Briefkästen und sagt unermüdlich Ja zu deutschem Wasser, bis endlich Riesling auf dem Tisch steht.

Diese positive Dialektik zeigte sich idealtypisch vor Jahren, als er einen ostdeutschen Mitarbeiter der Show unvermittelt zum Haussklaven erklärte. Die frohe Botschaft: Erst der angekettete Ossi im Heizungskeller macht die Wiedervereinigung zu einer runden Sache. Wer seinen Ossi liebt, der quält ihn eben auch ein bisschen. Und so ist das eigentlich auch mit Harald Schmidt. Wer seinen Harald liebt, der lässt sich auch gerne ein bisschen von ihm quälen.

In diesem Sinne weiter frohes Schaffen!

Forum - Harald Schmidt - begnadet oder überschätzt?
insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
Dunedin, 17.08.2007
1.
Zitat von sysopHarald Schmidt startet nach seinem fünfzigsten Geburtstag seine Show mit Oliver Pocher neu. Wie sehen Sie den TV-Entertainer heute: begnadet, scharf und immer noch unerreicht - oder schlicht überschätzt?
Überholt und langweilig, von mir aus kann er abtreten
Reziprozität 17.08.2007
2.
Zitat von DunedinÜberholt und langweilig, von mir aus kann er abtreten
Er sollte noch bleiben, da er nebst anderen noch fuer das ÖRR- und GEZ-Bashing gebraucht wird...
Fidelma, 17.08.2007
3.
Zitat von sysopHarald Schmidt startet nach seinem fünfzigsten Geburtstag seine Show mit Oliver Pocher neu. Wie sehen Sie den TV-Entertainer heute: begnadet, scharf und immer noch unerreicht - oder schlicht überschätzt?
Also ich kann ihn mit der Zeit langsam besser ertragen. Verliehrt er im Alter an Schärfe, oder sind seine Gemeinheiten weniger platt als früher?
Spiegelkabinett, 17.08.2007
4. Ohne irgendwelche Qualitaeten
Niveaulos und mehr als nur entbehrlich.
08154711, 17.08.2007
5. Einfach Harald Schmidt bleiben
Zitat von sysopHarald Schmidt startet nach seinem fünfzigsten Geburtstag seine Show mit Oliver Pocher neu. Wie sehen Sie den TV-Entertainer heute: begnadet, scharf und immer noch unerreicht - oder schlicht überschätzt?
Weitermachen und authetisch bleiben! Unerreicht ist er schon deshalb, weil er mit Gottschalk und Jauch inzwischen Dinosaurierstatus besitzt, vom aussterben bedroht ist und unter Artenschutz steht.
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