Harald Schmidts Rheinfahrt "Spaß und Gags auf allen Decks"

Vier Stunden lang gondelte Harald Schmidt bei Sat.1 mit Blasmusik und lustigen Gästen über "Vater Rhein". Zweck der Übung: die Konkurrenzprogramme an Stumpfsinn zu überbieten.

Von Henryk M. Broder


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Ralf Juergens/ SAT.1

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Es gibt im Leben Momente, da fragt man sich: Habe ich noch einen Alptraum oder sehe ich schon fern? Gestern war es wieder so weit. Ich schaltete den Familiensender Sat.1 ein, und was sah ich? Gunther Emmerlich mit einer weiteren Folge seiner Expedition durch die deutschen Gaue: "Kein schöner Land". Aber er redete anders als sonst, hatte auch eine andere Frisur. Ich schaute genauer hin, es war nicht Gunther Emmerlich, es war Karl Moik, der seinen Musikantenstadl aus einer Allgäuer Scheune auf einen Rheindampfer verlegt hatte. Erst als statt der Geschwister Hellwig und Hansi Hinterseer Anke Engelke mit Olli Dietrich und Bastian Pastewka auftauchte, wurde ich etwas unsicher. Der Mann, der da sein Publikum aufforderte: "Machen Sie eine Flasche Wein auf, entspannen Sie sich", war nicht Karl Moik, er sah wie Harald Schmidt aus.

Ein Blick ins Programm stellte Gewissheit her: Er sah nicht nur so aus, er war es. Unser Harald! Das letzte und einzige Alibi für Intellektuelle, die sonst nur tibetanische Spielfilme im Originalton auf Arte gucken, einen Kommerzsender einzuschalten! Er hatte sich eine weiße Jacke und eine Kapitänsmütze angezogen und war mit der MS "Loreley" von Bingen nach Boppard (oder umgekehrt) unterwegs. "Ich will meine Heimat besser kennen lernen", hatte er vorher einer Zeitschrift gesagt. Warum aber musste er, statt mit Rudolf Scharping gemütlich am Rhein entlang durch die Landschaft zu radeln, ein paar hundert Gäste mit auf die Reise nehmen? Und warum musste die Fahrt vier Stunden dauern, länger als "Ben Hur", länger als jede Bambi-Gala, länger als eine Rede von Antje Vollmer? Weil es doch auf die Länge ankommt?

Schmidt-Dampfer MS "Loreley": Überall herrschte rheinische Ausgelassenheit
SAT.1

Schmidt-Dampfer MS "Loreley": Überall herrschte rheinische Ausgelassenheit

Natürlich hatte Harald Schmidt, wie so oft, einen Hintergedanken. "Mal schauen, ob ich es schaffe, den Schwachsinn auf den anderen Kanälen zu toppen, ohne dass die Zuschauer es merken." Im ZDF gab es einen neuen Talentwettbewerb, "Die deutsche Stimme 2003", auf RTL2, meinem Lieblingssender, die Doku-Soap "Schnulleralarm! - Wir bekommen ein Baby", auf Kabel 1 traf sich eine Veteranenrunde zum Ratespiel "Was bin ich?" und im ARD-"Brennpunkt" tobte der Hurrikan "Isabel". Genau das richtige Umfeld also für eine gemütliche Flussfahrt mit Musik unter dem Motto: "Spaß und Gags auf allen Decks" (Schmidt).

Ich nutzte also die Gelegenheit, den Satz "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen. Während Harald Schmidt das Schiff vorstellte, schaute ich mich bei den anderen Anbietern um. Im ZDF lümmelte Ralph Siegel auf einem Sofa und gab postpotente Weisheiten von sich: "Am Schluss setzt sich Talent durch." Auf RTL2 warteten eine schwangere Frau und ihr Mann ungeduldig auf ihr Kind und überlegten, ob sie es mit Sex versuchen sollten, um die Wehen einzuleiten; auf Kabel 1 fragte Herbert Feuerstein einen bärtigen Kandidaten: "Ist es etwas, das wir täglich benutzen?", worauf Norbert Blüm vor Vergnügen laut auflachte. Überall herrschte rheinische Ausgelassenheit, vermutlich sogar in Virginia, wo Hurrikan "Isabel" das Land verwüstete.

"Behalten Sie diese schöne andächtige Stimmung bei", sagte Harald Schmidt, nahm ein Megafon zur Hand und fragte zwei Leute, die in einem Sportboot an der "Loreley" vorbeifuhren: "Ist das teuer, so ein Schiff?" Dann setzten sich Schmidt, Dittrich, Pastewka und Engelke zu einem Quadrilog hin und produzierten einige wässrige Pointen, bevor sie Szenen aus dem "Traumschiff" nachspielten. Dittrich hatte einen Tropenhelm auf, wie ihn Touris auf Kreuzfahrten tragen, Engelke einen großen farbigen Strohhut und Pastewka, der als Einziger die Situation richtig erfasst hatte, hantierte mit einem Erste-Hilfe-Kasten.

Derweil inhalierte Helmut auf RTL2 seine "letzte Zigarette", denn er hatte seiner Frau versprochen, mit dem Rauchen aufzuhören, sobald das Kind da wäre. Im ZDF sang ein Peter-Kraus-Klon mit Koteletten und gegeltem Haar "Sugar Baby, sei lieb zu mir, dann bleib ich bei dir", und auf Kabel 1 erinnerte sich Uli Mario an einen Schlager, mit dem er 1969 nicht berühmt wurde: "Ich kann an keinem Girl vorübergehen".

Ich zappte zurück zum ZDF und wartete, bis Ralph Siegel wieder etwas sagte: "Bei der Sauberkeit im Tuning musst du noch an dir arbeiten." Der Kandidat nickte zustimmend. Auf RTL 2 hatten inzwischen die Häuslebauer die werdenden Eltern abgelöst. In der Doku-Soap für Bastler "Vorsicht Baustelle" versuchten sich Alf und Patricia als Fliesenleger. Mit mäßigem Erfolg, aber auch nicht schlechter als Schmidt und seine Gäste, die derweil "Raindrops Keep Falling On My Head" sangen, als wollten sie Ralph Siegel aus dem ZDF-Sofa in den ewigen Ruhestand treiben.

Es dauerte nicht mehr lange, und Harald Schmidt wünschte sich, es wäre endlich Nacht oder die "Loreley" würde auf Grund laufen. "Ich habe das Gefühl, ihr habt keinen Bock mehr!", rief er zu seinen Mitspielern zu, die nur noch darauf warteten, bald von Bord gehen zu dürfen. So ging es mir auch, also nahm ich mein Fahrrad, radelte zum "Alten Krug", bestellte eine Berliner Weiße mit Grün und freute mich, dass der Rhein einen weiten Bogen um Berlin macht. Und so wurde es doch noch ein schöner Abend.

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