Harald Schmidts WM-Rückblick "Wenn Gott mich ruft, ruf ich zurück"

Nur die ganz Großen sind würdig, auf das WM-Jahr zurückzuschauen. Die ARD verpflichtete konsequent Ober-Humorist Schmidt und den Kaiser - in Gestalt von Olli Dittrich. So bezaubernd hätte es der echte Beckenbauer kaum hingekriegt.

Von Reinhard Mohr


In seinem neuen Buch "Wendepunkte im Lebenslauf", das im Februar 2007 bei "Klett-Cotta" erscheint, stellt Bestsellerautor Jürg Willi, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, die entscheidende Frage: "Wie kann man – trotz der Eigendynamik des Lebenslaufs, trotz allen Scheiterns ursprünglicher Lebenspläne und trotz leidvoller Erfahrungen – aus seinem Leben eine sinnvolle, glaubwürdige, also eine "gute" Geschichte machen?" Das Verlagsprospekt verspricht: "Jürg Willi weiß es." Das mag sein oder auch nicht. Wir wissen es nicht.

Moderator Schmidt, Kaiser-Darsteller Dittrich: Glückliches Selbstbewusstsein
DPA

Moderator Schmidt, Kaiser-Darsteller Dittrich: Glückliches Selbstbewusstsein

Aber wir wissen: Der Kaiser weiß es ganz genau. Immer schon. Und viel besser. Nicht zuletzt: Er braucht dafür keine 380 Seiten. Wenn es in Deutschland überhaupt je das Exempel eines gelungenen Lebens gegeben hat – sieht man von Johann Wolfgang von Goethe und Inge Meysel einmal ab –, dann trägt es den Namen Franz Beckenbauer. Es ist diese einzigartige Mischung aus immerwährendem Gleichmut, guter Laune und fröhlicher Selbstwidersprüchlichkeit, die Franz Beckenbauer nicht zuletzt die Lektüre jedweder Ratgeber-Willis erspart.

Selbst wenn er poltert, schimpft und schnaubt, ist er irgendwie noch gut drauf und sturzlebendig, und wenn erst wahres Kaiserwetter herrscht im sonnigen Gemüt, dann liegt immer noch ein Hauch gelassener, zuweilen melancholischer Weltweisheit bayerisch-buddhistischer Provenienz über der Szene. Dann fliegt er gleichsam mit dem Hubschrauber über Deutschland und schüttelt den Kopf über so viel Schönheit.

Des Kaisers neue Komikerkleider

Er hat mehrere Ehefrauen betrogen, auch einmal auf einer Weihnachtsfeier, er hat Kinder unehelich gezeugt und viel Unsinn geredet – aber das macht überhaupt nichts. Denn in der Nanosekunde des menschlichen Versagens richtet er sich geistig und moralisch schon wieder auf und entsteigt dem irdischen Schlamassel wie Phoenix aus der Asche. Sein legendärer Satzanfang "Ja gut, ehh ..." fasst all dies bündig zusammen.

So war es die selbstverständliche Pflicht von Harald Schmidt, dem Chronisten des täglich misslingenden Lebens, Franz Beckenbauer zum krönenden Jahresabschluss als "Spezial"-Gast in seine Sendung einzuladen. Da der Kaiser selbst nicht konnte, kam sein Stellvertreter auf Erden, Olli Dittrich, vielen auch als "Dittsche" bekannt, eine Art glattrasierter Henrico F. im Bademantel, wohnhaft in Hamburg-Eimsbüttel.

In den neunziger Jahren waren Olli Dittrich gemeinsam mit Wigald Boning ("Zwei Stühle, eine Meinung") großartige Beckenbauer-Persiflagen gelungen, und so saß er auch diesmal in perfekter Kaiser-Maske auf einem Stuhl – diesmal allerdings nicht in einem billigen RTL-Studio, sondern in der edlen Suite eines Hamburger Luxushotels mit staatstragendem Bücherbord und Deutschlandfahne im Hintergrund.

"Was tun?" hieß die handlungsleitende Frage in Anlehnung an die beliebte ZDF-Fragerunde "Was nun, Herr Müller-Lüdenscheid?" Angemessen aasig hatte sich Harald Schmidt in die devot-kritische Pose der journalistischen Besserwisser und Beinahstaatsmänner geworfen – die Älteren unter uns werden sich noch an Franz Josef Strauß' Verdikt über Jürgen Möllemann "Riesenstaatsmann Mümmelmann" erinnern – und ging die Sache gleich knallhart an: Ob denn ausreichend Schnee liege in Kitzbühel, Beckenbauers Wohnort?

Ja gut, ehh, Schnee liege noch nicht, aber die Schneekanonen sind überall, dafür, hähä, würden wir "in den nächsten achtzig, fünfzig oder drei bis vier Jahren keine WM mehr im eigenen Land mehr erleben", schon deshalb, weil "der Afrikaner" ja quasi "nichts hat" und sogar "barfuß geht", während der Lothar Matthäus, der alte "Leitwolf", ja keiner mehr ist und nun in Budapester Schuhen herumläuft, wogegen der Jürgen Klinsmann als gelernter Konditor geradezu "ein Geschenk für die Nationalmannschaft" war.

Achtzig, neunzig Tore pro Saison

So schnurrte das kaiserliche Parlando ab wie ein gut geöltes Uhrwerk, und ganz nebenher erfuhren die Zuschauer von einer Augenoperation während der WM – "eine Gasblase" auf der Netzhaut –, aber auch, dass Zidanes brutaler Kopfstoß die tragische Folge einer operativen Magenverkleinerung gewesen war und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der innigen Umarmung im Fußballstadion nach "Leander, Jasmin, Zitronade, Orangeade und so weiter" gerochen habe. Apropos Stadion: Der frühere Torschützenkönig Gerd Müller, hähä, würde heute in keine moderne Mannschaft mehr passen, aber trotzdem "achtzig, neunzig Tore schießen" in der Saison.

Auf die bohrende Nachfrage, ob dies denn nicht ein klein wenig widersprüchlich sei, zeigte sich die Beckenbauersche Metaphysik in ihrer ganzen ungezwungenen Schönheit: "Es kann kein Widerspruch sein, wenn man sich widerspricht!"

Auf einer anderen, beinah schon religiösen Ebene offenbarte der Kaiser, der einst mit Rudolf Nurejew im Etagenbett schlief und mit Rudi Völler beim deutschen Papst in Rom war, noch einmal die festungsartige, dabei federleichte Grundlage seines glücklichen Selbstbewusstseins: "Wenn der liebe Gott mich ruft, dann rufe ich zurück!"

Kann man es schöner sagen? Kann man schöner das Wesen des Dialogs beschreiben? Kann man schöner Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns in die Alltagssprache übersetzen? Und all das, obwohl der Kaiser selbst theoretisch beschlagen ist und diese Tatsache nur ganz beiläufig erwähnt: "Laotse, Hegel, Kant, Adorno, Materazzi – da kannst’ jeden nehmen!"

So perfekt und täuschend ähnlich uns der Kaiser alias Olli Dittrich wieder einmal sein gelungenes Leben präsentierte, das einfach alles in alles integriert – darin übrigens "Dittsche" am anderen Ende der sozialen Skala wesensverwandt –, so deutlich wurde wieder einmal Harald Schmidts Bestreben, sich jetzt schon auf die Rente mit 67 einzustellen. Seit geraumer Zeit schont er seine Kräfte; man mag sich gar nicht vorstellen, wie seine Show aussehen wird, wenn Münte eines Tages die Rente mit 72 verkünden sollte.

Wahrscheinlich aber orientiert sich Schmidt nur an den Gesetzen des gelungenen Lebens. In der Ruhe liegt die Kraft. Buddha, Marc Aurel, Seneca, Plutarch, Schopenhauer, Schlaudraff – da kannst' jeden nehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.