Retro-Ausstellung in Venedig: Wie ein Hieb ins Genick

Von Georg Imdahl

Eine Provokation machte Harald Szeemann 1969 berühmt: In einer Ausstellung zeigte der Kurator, wie sich der Kunstbegriff radikal verändert hat. Nun wird die Schau in einem venezianischen Palazzo nachgestellt - und feiert eine wilde Formensprache.

Sogar der Misthaufen ist wieder da. Aufgebrachte Bürger und Bauern hatten damit 1969 vor der Kunsthalle Bern bekundet, wie sie die Ausstellung "Live in Your Head - When Attitudes Become Form" fanden. Skandalös nämlich. Dazu brauchte es damals im Berner Oberland weder Pornografie noch Politkunst, es reichte ein sich auflösender Formbegriff. Heute gilt die wuselige Gruppenschau als Meilenstein des Kunstbetriebs um 1970. Mit ihr startete auch die kometenhafte Karriere des Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann durch, der kurz darauf bei der legendären documenta 5 von 1972 Regie führen sollte.

Ironisch flankiert das Häufchen mit seinen aufgepflanzten Protestschildern nun den Eingang eines Palasts am Canal Grande - in der Fondazione Prada wird dort die bahnbrechende Schau von einst in einem ehrgeizigen Projekt rekonstruiert. Kurator ist die Arte-Povera-Koryphäe Germano Celant, unterstützen lässt sich der 1940 in Genua geborene Kunsthistoriker durch den niederländischen Architekten Rem Koolhaas und den Berliner Künstler Thomas Demand.

Minutiös hat das Team die Räume der Berner Kunsthalle dem venezianischen Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert implantiert - mitsamt Details wie Fenstern, Heizungskörpern, Fußboden und Wandbeschaffenheit. Auf dass sich die Druckwellen einer Kunst noch einmal vorführen lassen, die schon mit ihren Materialien gegen die Tradition aufbegehrte. Statt Bronze und Marmor sollten jetzt Leder, Blei und Beton, Wachs, Margarine und Filz zu ästhetischen Ehren gelangen.

"Reenactment" nennt die Szene die Form der Wiederauflage

Vorsorglich verwahrt sich Celant gegen den Vorwurf von Nostalgie oder gar Fetischismus, den er mit der Rekonstruktion betreibe, und somit gegen einen naheliegenden Verdacht: Sieht sich doch der gegenwärtige Kunstbetrieb und nicht zuletzt die 55. Biennale in Venedig tatsächlich auf einem Nostalgie-Trip. Retro-Moden jeglicher Couleur sind en vogue, auch bei Ausstellungen. Erst 2012 ist, mit beträchtlichem Aufwand, in Köln die "Sonderbund"-Schau von 1912 in Teilen rekonstruiert worden. "Reenactment" nennt die Szene neuerdings diese Form der Wiederauflage.

Rund vierzig Künstler - bis auf Eva Hesse und Hanne Darboven allesamt männlichen Geschlechts - brachten ihre Werke anno 1969 vielfach nicht mehr aus dem Atelier mit, sie produzierten und arrangierten vielmehr vor Ort. Wie Joseph Beuys, der Fußleisten und Raumecken mit Fett einbalsamierte, oder Lawrence Weiner, der ein "Bild" schuf, indem er aus dem Mauerputz ein quadratisches Feld akkurat ausklopfte. Irgendwo lag ein schwarzes Telefon aus Bakelit auf dem Boden; wenn es klingelte, meldete sich am anderen Ende der Leitung der Künstler Walter de Maria: Das war dann "Art by Telephone". Edward Kienholz beglückte mögliche Sammler mit einer gerahmten Verheißung an der Wand. Für 10.000 Dollar könne man ein Kunstwerk erwerben, das es freilich noch nicht gab - entstehen solle es als Ergebnis einer Reise mit dem Bildhauer Jean Tinguely durch die Vereinigten Staaten.

Aus handelsüblichem Drahtzaun fertigte Bill Bollinger sperrige Skulpturen im Raum. Richard Artschwager platzierte Dutzende seiner "Blbs" - schwarze kleine Störfälle, welche die Minimal Art sarkastisch aufs Korn nehmen. Der Teilnehmer Bruce Nauman beschwor später die Wirkung einer Kunst, die den Betrachter trifft wie der Hieb mit einem Baseballschläger ins Genick.

Eine gestrichelte Linie markiert das fehlende Original

Die venezianische Wiederauflage feiert eine wilde Formensprache und eine bisweilen anarchische Versammlung von Arbeiten, die aus heutiger Sicht wie Rohmaterial für die späteren Künstlergenerationen erscheinen. Und inzwischen denn auch in den Augen des großen Publikums nach hoher Kunst aussehen.

Als Sinnstifter des neuen Ausstellungstyps gönnte Kurator Szeemann den einzelnen Arbeiten kaum Luft, stattdessen ließ er sie heftig aufeinander prallen. "Das würden die Künstler heute nicht mehr mit sich machen lassen", sagt Celant, "sie würden einen eigenen Raum für sich beanspruchen."

Worin aber unterscheidet sich Celants Erinnerung an 1969 von dem, was er jetzt noch einmal zur Aufführung bringt? "Die Schau ist viel kleiner, als ich sie in Erinnerung habe." Diskret rühmt sich der Impresario selber der zahlreichen Werke der Ur-Schau, die er jetzt noch einmal zusammengebracht hat. Wo ein Original fehlt, markiert eine gestrichelte Linie auf dem Boden oder an der Wand das fehlende "Phantom". Zumindest diesen Vorwurf wolle er sich nicht machen lassen, sagt Celant: dass seine Reproduktion "When Attitudes Become Fake" heißen müsse.


"When Attitudes Become Form - Bern 1969/Venice 2013". Bis 1. November in der Fondazione Prada, Venedig, Ca' Corner della Regina.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Kunst?!?
rasta123 11.06.2013
Einstmals galt noch: "Kunst" kommt von "Können". Die einzige Kunst, die ich bei solchen "Werken" erkenne, ist es, irgendein Gelump medienwirksam zu vermarkten. Aber auch dann bleibt es "Gelump".
2. Hmmm....
stefanbodensee 11.06.2013
Bei einem Großteil der 'Werke' fällt mir doch gleich folgendes Wortspiel ein: "...ist das Kunst oder kann das weg ..." - inklusive der Fettecke von Beuys ... :-)
3. Dafür gibt es das Wort
bitboy0 11.06.2013
denn es _w_ollte K_unst_ werden ;) Aber es ist trotzdem interessant zu sehen! Denn es war wohl nötig um die völlig festgefahrenen Begriffe aufzubrechen. Kunst war vor dieser Zeit tatsächlich ziemlich fixiert und musste genauen Konventionen entsprechen. Im Grunde war also Wunst nötig um danach den Künstlern zu ermöglichen auch echte Kunst zu erschaffen die etwas neues war!
4.
wici 11.06.2013
die Kunst zerstört sich selbst … nutzlose Fähigkeit heute ist Zeichentalent -- es gibt keinen Beruf mehr, in dem man ein solches Können ausüben könnte.
5. optional
hellopost 11.06.2013
Kunst hat nichts mit Handwerk zu tun.
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