Deutsche Ausgabe "Harper's Bazaar" Das Bling-Ding

Gehen Hochglanz und Hochkultur zusammen? Der Burda-Verlag versucht sich an einem Experiment, an dem etliche deutsche Verlage gescheitert sind. Die deutsche Ausgabe von "Harper's Bazaar" zeigt: Der größte Luxus in Zeiten der Printkrise ist ein neues Magazin.

Hubert Burda Media

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Als am 2. November 1867 in New York die erste Ausgabe von "Harper's Bazaar" erschien, gab es noch nicht mal das Deutsche Reich. Nur 146 Jahre später ist das Magazin in Berlin angekommen. Sage noch einer, man liefe hierzulande den internationalen Trends hinterher.

Das war Ironie. Ein Tonfall, der den Bundesbürgern angeblich ebenso wenig liegt wie der elegante Auftritt. Es mögen Stereotype sein, dass man deutsche Frauen weltweit an flachen Absätzen und fehlendem Lippenstift erkennt und deutsche Männer an Socken zum Anzug. Aber offenbar haben auch die Redakteurinnen der deutschen "Harper's Bazaar" derartige Bilder im Kopf. "Warum tun sich deutsche Stars so schwer mit dem Glamour?", fragen sie die Schauspielerin Lavinia Wilson, die Hauptdarstellerin des im Februar anlaufenden "Feuchtgebiete"-Nachfolgers "Schoßgebete" und erste Interviewpartnerin des neuen Magazins, das fortan bei Burda als Joint Venture mit der US-amerikanischen Verlagsgruppe Hearst erscheint.

Das für Ironie und Eleganz bekannte Modemagazin ist international eine Institution wie die "Vogue". Der Hochglanzbrocken mit dem Gewicht einer gut gefüllten Handtasche erscheint in 43 Ländern. In Deutschland gab es bis 1992 eine kurzlebige Lizenzausgabe - heute nur noch eine Fußnote der Pressegeschichte. Ganz im Gegensatz dazu steht die große Tradition des US-Originals, durch niemanden so verkörpert wie Diana Vreeland, von 1939 bis 1962 Redakteurin des Blattes.

Champagner zum Haarewaschen

Der Starfotograf Richard Avedon soll einmal gesagt haben, Vreeland habe den Beruf der Moderedakteurin überhaupt erst erfunden: Vor ihr habe die öffentliche Kommunikation über Mode lediglich darin bestanden, "dass Damen der Gesellschaft anderen Damen der Gesellschaft Hüte aufsetzten".

Markenzeichen Vreelands war ihre Kolumne "Why don't you...?", in der sie Lebenshilfe in einem Tonfall erteilte, der offensichtlich Marie Antoinettes berühmtes "Kuchen"-Zitat in den Schatten stellen sollte. Die frühere Königin von Frankreich soll über ihre Landsleute gesagt haben: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen". Vreeland provozierte mit der Frage: "Warum waschen Sie die Haare Ihres Kindes nicht mit abgestandenem Champagner?"

Die deutschsprachige "Harper's Bazaar", die ab Samstag an den Kiosken liegt, greift diese Tradition auf, auch wenn der dort in der Rubrik "Why don't you...?" veröffentlichte Rat, im Freundeskreis das Erntedankfest zu feiern, noch an snobistischer Schärfe vermissen lässt.

An anderer Stelle heißt es: "Wenn der Alltag allzu trübe erscheint, helfen feine Pralinen. Oder eine Uhr mit diskretem Brillanten-Kranz. Was der Figur besser bekommt, wissen Sie ja." Darunter ein Foto von Armbanduhren, die sich im Preisbereich zwischen 3000 und 37.000 Euro bewegen. Das geht schon mehr in Richtung des "wilden Luxus", den die Redaktion in der Titelzeile proklamiert.

In ihrem Editorial beschreibt die Chefredakteurin Margit J. Mayer die Zielgruppe des Magazins: "Mode ist ihr nicht Trost, sondern Kulturspiel und pure Freude. Ihre Bücherregale sind voll, aber ihr Herz hat noch Kapazitäten frei." Schön gesagt. Und doch bleibt der Verdacht, dass diese Beschreibung in erster Linie auf sie selbst zutrifft. Als Chefredakteurin des bei Condé Nast erscheinenden Magazins "AD - Architectural Digest" erweiterte die Österreicherin den herkömmlichen Begriff vom Wohnmagazin als besserem Katalog oder aber Insiderblatt für Villenbesitzer und solche, die es gern wären.

Mode im Geiste der Aufklärung

"AD" entwickelte sich während Mayers zehnjähriger Ägide zu einem Kulturjournal mit Einrichtungsschwerpunkt, in dem es um die Geschichte des Kaufhauses ebenso ging wie um die zwischenzeitlich vom Abriss bedrohte Kölner Oper. Form und Inhalt gehörten zusammen, erklärte sie in einem Interview und begründete dies mit denkbar großer Geste: "Da stehen wir sehr fest in der Tradition der Aufklärung."

Es wäre ein billiger und Lifestylejournalisten-feindlicher Scherz, an dieser Stelle zu behaupten, dass man in den Redaktionen der meisten anderen Illustrierten bei Aufklärung eher an cunt als an Kant denkt. In der Kombination von Hochglanz und Hochkultur ist Mayer im deutschsprachigen Journalismus eine Exotin. Ist der Versuch, Intelligenz und Unterhaltsamkeit zu vereinen, hierzulande doch regelmäßig gescheitert: von "Tempo" über das "jetzt"-Magazin der "Süddeutschen Zeitung" bis zu "Vanity Fair".

Die Autoren von "Harper's Bazaar" kommen großteils von diesen Magazinen. Die bekannteste ist Rebecca Casati, die einen Essay über Esskultur verfasst hat - eine der Textinseln in dem Magazin, das in erster Linie ein Coffeetable-Heft, also ein Blatt zum Blättern ist.

Auch wenn Berlin - die Redaktion von "Harper's Bazaar" sitzt am Potsdamer Platz - in den vergangenen Jahren ein Übermaß an semi-avantgardistischen Lifestyle-Blättern und Modeillustrierten hervorgebracht hat und Heimat unzähliger ambitionierter Fotografen ist: Im Debütheft ist es dann doch wieder der unvermeidliche Karl Lagerfeld, der in der großen Modestrecke des Heftes Jungstars, Models und Promi-Töchter porträtiert.

Das lässt sich sicher auch dem ganz breiten Publikum vermitteln, das den Exil-Hamburger mit der herrlich verrückten Zopffrisur von der "Wetten, dass..?"-Couch kennt - als Statement im Sinn Vreelands taugt es wohl kaum. Auch ist das Layout so klassisch, dass es der Konkurrentin "Vogue" ähnelt wie eine Handtasche der anderen.

Dass Burda in Zeiten der Printkrise auf eine derartige Zeitschrift setzt, kann nur als Statement verstanden werden: wirklich "wilder Luxus", das ist heutzutage ein neues Magazin.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
01099 30.08.2013
1. Viel Erfolg beim Scheitern!
Wer kommt auf so eine Idee? Die Durchschnittsdeutsche informiert sich über Modetrends doch in Amica, Brigitte und Grazia. Glamour ist nicht die Sache der deutschen Frau bzw. in nur in einer sehr abgeflachten Ausprägung. Deshalb ist auch die "Vanity Fair" schon grandios gescheitert und ich prophezeie, dass nach "Interview" der "Bazaar" den gleichen Weg gehen wird. Von selbsternannten Modefachleuten mit ihren uniformen und sterbenslangweiligen Blogs, die wahrscheinlich die einzigen Käufer sein werden, kann kein Blatt leben. Zudem ist "Harper's Bazaar" schon lange nicht mehr das, was er am Anfang war.
Sleeper_in_Metropolis 30.08.2013
2.
Ein weiteres Blättchen, das die Welt nicht braucht.
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