"Hart aber fair" Finanzcrash als Vogelgrippe

Die Finanzkrise dominiert die Medien - für Frank Plasberg rechnete sich das Thema nicht. Mit eigenwilligen Gästen quälte sich der Moderator durch einen Talk für Spezialisten. Das wunderliche Fazit: Die Lage ist ernst, bleiben Sie gelassen.

Von


Die Parkplätze vor dem Opel-Werk in Bochum sind verwaist. Und auch in Eisenach stehen die Bänder still. Flankiert wird die apokalyptisch wirkende Darstellung von einer betont ernsten Frauenstimme, die kurz darauf verkündet, dass nun auch BMW seine Produktion um 25.000 Wagen zurückschrauben will.

"Hart, aber Fair"-Gäste Börner (l.) und Stockheim: Träge statt Schläge
WDR

"Hart, aber Fair"-Gäste Börner (l.) und Stockheim: Träge statt Schläge

Tenor des Beitrags: Die Finanzkrise ist auch in der deutschen Realwirtschaft angekommen. "Hunderttausend Arbeitsplätze werden in den nächsten zehn Jahren in der Autobranche verloren gehen", lässt der, nach der Zahl seiner TV-Auftritte zu urteilen, wohl einzige deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer den Zuschauer wissen.

Wer nun bei der Frage, ob die Probleme vieler Banken auch die deutsche Industrie in den Abgrund ziehen, einen "Hart aber fair"-üblichen Schlagabtausch verschiedener weltanschaulicher Lager erwartet, wird enttäuscht.

Unternehmensberater Ulrich Stockheim betont, dass für Opel und Ford die Finanzkrise eher geeignet sei, um von selbstgemachten Problemen abzulenken. Und auch Anton Börner, Präsident des Deutschen Groß- und Außenhandelsverbandes, sagt: "Die Finanzkrise ist noch nicht in der Realwirtschaft angekommen."

Kein Widerspruch, keine Diskussion. Die fünf Gäste – neben Stockheim und Börner die beiden Professoren Paul Nolte und Stephan Paul sowie Journalist Hermann-Josef Tenhagen – sind sich einig, und Plasberg eilt zur nächsten Frage.

Die Sendung mit den Mäusen

Statt zu diskutieren, nicken die Gesprächsteilnehmer meist eifrig - wenn sie überhaupt miteinander reden: Der Abend soll vor allem den verunsicherten Zuschauern die Möglichkeit zu Fragen geben. Das Ganze wirkt ein wenig wie die "Sendung mit der Maus", nur, dass sich die Sanierung des Finanzmarkts eben nicht erklären lässt wie das Flicken eines Fahrradschlauchs.

Hermann-Josef Tenhagen stört das wenig. Der Chefredakteur der Zeitschrift "Finanztest" ist der Mann des Abends; er meldet sich notorisch zu Wort. Und versichert besorgten Zuschauern, dass ihre Sparkassen-Zertifikate sicher seien. "Sparkassen können nicht pleite gehen", sagt Tenhagen. Schließlich helfen die einzelnen Institute einander im Notfall. Auch die Riester-Renten und viele andere Anlagen seien ausreichend geschützt.

Anders als ein Erstklässler muss Tenhagen gar nicht eifrig schnippen, um sich Gehör zu verschaffen; die Sendung hat deshalb schnell den Charme der Dauerwerbesendung für "Finanztest".

Bei der letzten Plasberg-Sendung gab es eine Generalabrechnung mit gierigen Spekulanten, schlecht ausgebildeten Bankberatern und blinden Politikern. "Wie auf Koks" hätten sich die Banker in die Deals gestürzt, hatte der Moderator verkündet. Diesmal verzichtete Plasberg genau wie seine Gäste auf allzu heftige Attacken gegen den Manchester-Kapitalismus. Ärgerlich nur, dass dabei auch interessante Hintergrundfragen auf der Strecke bleiben.

So soll Nolte für den Zuschauer ausführlich die Folgen des Finanzcrashs für das politische System und die Demokratie als solche schildern. Über die Pauschalaussage, die Entwicklung der Demokratie habe sich in Deutschland teilweise von der Marktwirtschaft abgekoppelt, kommt Nolte dann aber kaum hinaus. Er glaube nicht, dass die Linkspartei und Lafontaine von der Finanzkrise in größerem Umfang profitierten. "Die Angst vor der Finanzkrise ist eine Angst der Mitte", sagt der Historiker, der sich selbst als neokonservativ bezeichnet. Ganz so, als ob nicht auch die Unterschicht Angst vor der Krise hätte.

Unternehmer Börner erfüllt die Rolle des grauhaarigen Marktwirtschaftlers rheinischer Prägung dagegen gut. "Was wir brauchen ist Vertrauen", beschwört er ein ums andere Mal. Es sei ein Glück, dass derzeit in Deutschland eine große Koalition regiere. Steinmeier und Merkel können es sich nicht leisten, dass die Bankengarantie von über eine Billion Euro im Ernstfall platzen zu lassen.

Eine mögliche "Gruppentherapie" prophezeit Plasberg zu Beginn der Sendung, doch die Wirkung auf die Gäste entspricht eher der einer zweitklassigen Hypnose-Show. Erst als Börner eine größere Transparenz bei den Besitzverhältnissen von Spareinlagen fordert, brandet der erste nennenswerte Applaus auf. Wer ist schuld am Phlegma des Ganzen? Wohl auch die Gästeauswahl: Die Diskutanten sind kaum bekannter als der Vorstand des Wanne-Eickeler Taubenzüchtervereins.

Wenigstens der von Plasberg auf die Studiocouch geholte Angstforscher Borwin Bandelow sorgte ein wenig für Abwechslung. Er spricht zunächst von weißen Mäusen. Dann sagt er: die Furcht vieler Menschen vor einer Finanzkrise sei zwar rational. Er gehe aber davon aus, dass diese bald nachlassen dürfte. "Das war auch bei der Vogelgrippe so", prophezeit der Psychologe.



insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jott, 09.10.2008
1. Wer lesen kann...
...ist klar im Vorteil! Die Sendung war angekündigt als "Extra", Plasberg betonte zum Beginn, dass es ja eben nicht der übliche Schlagabtausch werden sollte, sondern eine reine Informations-Sendung mit Beantwortung von Zuschauerfragen! Darum auch nicht der übliche Almauftrieb von Talkshow-Touristen, Experten waren gefragt...
kellitom, 09.10.2008
2. Plasberg lud die falschen Leute ein.
Das war mit Abstand die schlechteste Sendung von Plasberg. Aufgeblasene Yuppies, die gar nichts begriffen haben. Warum lädt er zu einer derartigen Dikussionsrunde nicht mal Sarah Wagenknecht ein? Dann wäre es richtig interessant geworden! Gestern, das war Plasberg zum Abschalten!
H. Hipper, 09.10.2008
3. Nolte
Zitat von Jott...ist klar im Vorteil! Die Sendung war angekündigt als "Extra", Plasberg betonte zum Beginn, dass es ja eben nicht der übliche Schlagabtausch werden sollte, sondern eine reine Informations-Sendung mit Beantwortung von Zuschauerfragen! Darum auch nicht der übliche Almauftrieb von Talkshow-Touristen, Experten waren gefragt...
Und was hatte dann der Nolte in der Sendung zu suchen?
lustamdasein, 09.10.2008
4. Staatsfernsehen
Wie nebenan im Stern TV hatte man den Eindruck, man wohne einer Verlängerung einer Erklärung der Kanzlerdarstellerin bei. Es ist alles sicher, alles Friede Freude Eierkuchen, nur der Pöbel hat eben irrationalerweise völlig unbegründet Angst. Island kam nicht vor (liegt wohl auf einer anderen Welt). Staatsfernsehen eben.
Pinarello, 09.10.2008
5. Unterschied zwischen Experten und Sprechblase
Zitat von Jott...ist klar im Vorteil! Die Sendung war angekündigt als "Extra", Plasberg betonte zum Beginn, dass es ja eben nicht der übliche Schlagabtausch werden sollte, sondern eine reine Informations-Sendung mit Beantwortung von Zuschauerfragen! Darum auch nicht der übliche Almauftrieb von Talkshow-Touristen, Experten waren gefragt...
Richtig, schon seltsam wie wunderbar eine Talkshow funktionieren kann, wenn die Sprechblasentouristen nicht dabei sein, kurze Frage, kurze Antworten die dann auch noch genau die Frage beantworten. Übrigens wurde hier zum ersten Mal im Fernsehen die einfache Frage beantwortet, wo denn das ganze Geld herkommt, daß jetzt überall reingepumpt wird, es wird gedruckt und damit die Inflation angeheizt. Diese Antwort habe ich jetzt die letzten Wochen von den angeblichen Fachjournalisten kein einziges Mal gehört.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.