"Hart aber fair" Plätzchenbacken oder Komasaufen?

Auch Nüchternheit kann erhellend sein: Bei "Hart aber fair" wurde über den steigenden Alkoholkonsum und die ebenso steigende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen diskutiert. Statt neuer Erkenntnisse gab es unterhaltsame Bekenntnisse.

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Da haben sich zwei richtig lieb, von denen man das nicht erwartet hat. Wahrscheinlich hatten die WDR-Redakteure den Erziehungswissenschaftler Professor Reinhart Wolff und den Schauspieler Claude-Oliver Rudolph bewusst nebeneinander im Talkplenum platziert, um den konfrontativen Charakter der Sendung zu stärken – und dann so was: Wolff, der sanfte Vater der Kinderladenbewegung und Kämpfer gegen alles Autoritäre, und der notorische Bad Guy Rudolph lagen pädagogisch ganz auf einer Wellenlänge.

Schauspieler und Ex-Haudegen Rudolph: Plädierte überraschend für sanfte Pädagogik
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Schauspieler und Ex-Haudegen Rudolph: Plädierte überraschend für sanfte Pädagogik

Frank Plasberg wollte die Frage "Wohlstandsjugend im Saufkoma – Wie viel Strenge braucht Erziehung?" diskutieren, und dass zwei der potenziellen Kontrahenten den Schulterschluss übten, war dem Streitklima nicht eben förderlich. Der wunderbar vernarbte Claude Oliver Rudolph, der ja eher ein Visagenverleiher denn ein klassischer Mime ist, verkörperte mit zum Teil heruntergelassener Sonnenbrille zwar vortrefflich die Rolle des bösen Buben, berichtete von seinen frühen Drogenexkursionen nach Holland sowie von seinen Erfahrungen als Türsteher – bekannte sich als Vater zweier Kinder aber auch zur milden Pädagogik der Waldorfschulen. Ob er denn auch Plätzchen backen würde, hakte Plasberg provozierend nach. Doch da schwieg Rudolph, die Brechstange, nur sanft. Und Professor Wolff, der einstige Stratege der antiautoritären Erziehung, lächelte selig über so viel Friedfertigkeit.

Es wurde also ein Abend der Bekenntnisse, nicht jedoch der neuen Erkenntnisse. Das lag auch an der Konzeption der Sendung, für die man zwar auf Konfrontation setzte, aber eben auch keinen Alarmismus verbreiten wollte. Das war löblich, bremste jedoch die Debatte allzu früh aus.

Dabei hatte man die Talkrunde mit einer drastischen Statistik eröffnet: So seien die jugendlichen Gewalttaten unter Alkoholeinfluss in Hessen über die letzten fünf Jahre um fast 250 Prozent angestiegen. In anderen Bundesländern zeigt die Gewaltkurve nahezu ebenso steil nach oben. Außerdem stellte man den Diskutanten bei "Hart aber fair" ein für die Sendung erdachtes "Wörterbuch der jugendlichen Trinkkultur" vor, das von "Bier-Bong" bis "Flatrate-Saufen" die wichtigsten gegenwärtigen Alkoholisierungstechniken junger Menschen erläuterte. Die meisten Talkteilnehmer, darunter auch Hessens Innenminister Volker Bouffier, zeigten sich betroffen und forderten klarere Richtlinien und Regeln im Umgang mit Hochprozentigem, aber auch mit Bier. Unter anderem plädierte man auch für ein Verbot des "Flatrate-Saufens", bei dem Wirte ihrer jungen Kundschaft gegen einen vorher vereinbarten Festpreis unbegrenzte Alkoholzufuhr garantieren.

Bizarre Saufgewohnheiten

Gleichzeitig aber wurde die Aufregung um die neuen Saufgewohnheiten der Jugend von Frank Plasberg relativiert, indem er darauf verwies, dass sich noch jede ältere Generation über die echte oder vermeintliche Verlotterung der jüngeren beklagt hätte. Sind uns also die Trinkrituale unserer Kinder einfach nur so fremd wie die einst von uns selbst praktizierten unseren Eltern gegenüber waren? Um zu zeigen, dass es auch in den guten alten Zeiten recht brutale, vorzivilisatorisch anmutende Umgangsformen unter jungen Menschen gab, wurde ironisch eine Gewaltszene aus der alten Kästner-Verfilmung von "Das fliegende Klassenzimmer" gezeigt. Die Jugend gab sich also schon immer gerne die Kante.

So richtig und so wichtig solche Verweise sind – sie nahmen dem Streitgespräch doch schnell das Feuer. Und so erzählten die Kontrahenten bald nur noch von ihren Erfolgen und Misserfolgen in der Erziehung der eigenen Kinder. Die übertriebener Gewaltanwendung unverdächtige Publizistin Wibke Bruhns etwa berichtete: "Ich habe meine Tochter einmal so verprügelt, dass sie am nächsten Tag nicht in die Schule konnte." Darauf sei sie schuldbewusst zum Kinderpsychologen gegangen, was die Tochter dann irgendwie lächerlich fand. Der Schauspieler Rufus Beck, Groß und Klein als Stimme der "Harry Potter"-Hörbücher bekannt, plädierte indes für mehr Autorität und fand auch die in der Sendung angerissenen quasi-totalitären Thesen des Internatsdirektors und Bestsellerautors Bernhard Bueb ("Lob der Disziplin") sehr ansprechend. Schauspielerkollege Claude-Oliver Rudolph hatte da ganz andere Ansichten zur Internatspädagogik à la Bueb: "Dafür gibt’s doch den Knast. Und den gibt’s sogar umsonst."

Damit machte er sich natürlich noch beliebter beim antiautoritären Sturmgeschoss Professor Wolff. Als nach eineinhalb Stunden plauschigen Gesprächs in der Schlussrunde jeder Gast sagen sollte, wen er sich von seinen Talk-Kontrahenten am ehesten als Mutter oder Vater wünschen würde, lächelte Kuschelpädagoge Wolff deshalb sanft Richtung Kampfmaschine Rudolph. Rührend.

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