Musik gegen Rassismus Mit der Blockflöte gegen die Blökflotte

Hassmails bekommt unser Korrespondent Hasnain Kazim täglich. "Beweisen Sie, dass Sie Deutscher sind!!!", schrieb jemand neulich. Kazims Antwort macht Furore - selbst in Japan.

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Bösartige Botschaften erhalte ich jeden Tag. In Internetforen, die ich schon seit Langem nicht mehr lese, per Facebook, Twitter, per E-Mail. Täglich mehrere, manchmal, wenn gerade Artikel von mir veröffentlicht wurden, auch mehrere hundert oder mehr als tausend. Dabei muss ich gar nicht einmal einen Kommentar über Flüchtlinge oder einen Artikel über Fremdenfeindlichkeit geschrieben haben. Es reicht ein harmloser Text über eine Radtour - mein fremd klingender Name genügt, um manche Leute in Wallung zu bringen.

Am Wochenende schreibt mir Georg W.: "Beweisen Sie, dass Sie Deutscher sind!!! Ein deutscher Pass genügt nicht!!!" Das ist keine ungewöhnliche Zuschrift. Immer wieder versuchen Leute, mich auszugrenzen, oder fordern mich auf, Deutschland doch bitte endlich zu verlassen, zumindest aufzuhören, für ein deutsches Medium zu schreiben oder, wie sie es formulieren, "doch einfach mal die Fresse zu halten als Ausländer". Ich nehme diese Trottel nicht ernst. Meist antworte ich ihnen nicht.

Georg W. schreibt mir, wie er selbst bekundet, aus Zwickau, in Sachsen. Aus jenem Bundesland also, in dem die AfD bei der Bundestagswahl am 24. September stärkste Kraft geworden ist, was ich entsprechend kommentiert habe. Georg W. regt sich wahrscheinlich darüber auf.

Was ist deutscher als die Nationalhymne auf Blockflöte?

Ich musste an den Begriff "Blockflöten" denken, wie die Mitglieder der Blockparteien in der DDR genannt wurden, weil sie letztlich alle im Block mit der SED stimmten. Der Begriff war im Volksmund geläufig, er wurde auch in Westdeutschland abschätzig für Ostdeutsche ganz allgemein verwendet.

Als Kind habe ich mal Blockflöte gelernt, musikalische Früherziehung, typisch deutsch, irgendwie. Vermutlich hat jedes Kind in Deutschland Blockflöte gespielt. Kürzlich brachte meine Schwiegermutter meinem Sohn ihre alte Blockflöte mit. Das Instrument liegt nun bei uns in der Wohnung herum. Ich denke mir: Warum nicht mal die deutsche Nationalhymne darauf versuchen? Das kann doch nicht so schwer sein! Das könnte ich doch aufnehmen und Georg W. als Antwort schicken. Wenn ihm der deutsche Pass nicht reicht - was wäre mehr Beweis für mein Deutschsein als die Nationalhymne auf der Blockflöte?

Gesagt, getan: Ich übe nicht erst, sondern spiele einfach drauf los, in meinem Büro, und nehme das als Filmchen auf. Ich freue mich, denn nach dreieinhalb Jahrzehnten Pause kriege ich die Töne noch halbwegs hin. Flötespielen ist wohl wie Fahrradfahren: Man verlernt es nicht, jedenfalls nicht prinzipiell. Aber klar, es klingt schief und krumm. Es gelingt mir nicht, meine Lachanfälle während des Spielens zu unterdrücken. Egal. Immer weiter! Bis zum bitteren Ende! Hauptsache, man steht das Stück durch! Niemals aufgeben!

Georg W.s Brief, darunter: "Na gut, Georg, alte Blockflöte, hier der Beweis!" und das Video als Antwort poste ich auf Facebook.

Am Abend schaue ich nach und sehe: Es wurde 100.000 Mal angesehen. Weil den Leuten mein Flötenspiel offensichtlich gefällt, nehme ich ein weiteres auf, diesmal die alte DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen", ebenfalls Georg W. und außerdem allen AfD-Wählerinnen und Wählern in Sachsen gewidmet.

Am nächsten Morgen hat das erste Video schon 150.000 Aufrufe. Jetzt, ein paar Tage später, sogar 250.000. Verrückt. Ein paar Medien greifen das auf, Tag24.de, Meedia, die Huffington Post. Eine Freundin schreibt mir, sie habe mich im Deutschlandfunk flöten hören. Im Deutschlandfunk! Ich! Flöte spielend! Da hat sich die musikalische Früherziehung echt gelohnt!

"DEUTSCH AS FUCK", nennt mich eine New Yorker Kulturseite

Den schönsten Text entdecke ich auf der New Yorker Nachrichten- und Kulturseite "The Awl". Die Kollegin beschreibt dort den in Deutschland verbreiteten Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit. Und über mich schreibt sie, ich sei "ein in Deutschland geborener und in Deutschland erzogener Deutscher, der die deutsche Militäruniform getragen hat und derzeit auf Deutsch schreibt und redigiert, für Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin", und daher "DEUTSCH AS FUCK". "Ich habe noch nie eine deutschere Person gesehen als dieses Individuum". Und sie nennt mich "den gutaussehenden bebrillten Journo". Ich muss mich erst einmal hinlegen. Und ich hoffe, die Neonazis und AfD-Wähler lesen das.

Mehrere Journalisten rufen an und wollen Interviews oder wenigstens ein paar Worte darüber, was ich mir bei der Aktion gedacht habe. Sogar ein japanischer Fernsehsender meldet sich, die Kollegin will wissen, was das für ein Lied sei, das ich da spiele, und warum im deutschen Internet so viel darüber geredet werde.

Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Nur, dass ein paar Leute sich das Video anschauen werden, dass ein paar lachen, ein paar sich ärgern werden. Dass sich so viele dafür interessieren, hat mich überrascht.

Wer glaubt, ich würde immer mit Humor auf Leute wie Georg W. reagieren - stimmt nicht. Ich ärgere mich oft über den Dreck, der da ausgekippt wird über Andersaussehende, Andersdenkende, Andersglaubende, Andersliebende.

Und ich bin erschrocken darüber, dass das zunimmt. Dass immer mehr Menschen glauben, es sei in Ordnung und von der Meinungsfreiheit abgedeckt, verletzendes, fremdenfeindliches, rassistisches Zeug von sich zu geben. Und noch erschrockener bin ich darüber, wie viele Menschen wegschauen oder schulterzuckend zuschauen, schweigen oder sagen: "Stell dich nicht so an!" oder "Wenn so viele Menschen das denken, ist vielleicht was dran!" Ich stelle eine Erosion des Widerstands fest, ein Fehlen von Haltung. Das ist das eigentliche Drama.

Wenn ich mich jetzt über das weltweite Interesse freue, liegt das vor allem daran, dass es mich an eines erinnert: Es gibt doch eine Menge Leute, die Zuschriften wie die von Georg W. inakzeptabel finden. Und die ihrer Haltung Ausdruck verleihen, indem sie mir schreiben und sich über mein Flötenspiel freuen.

Darüber bin ich sehr, sehr glücklich.

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