S.P.O.N. - Oben und unten Nimm die Hand aus der Hose, wenn ich mit dir rede

Sie schreibt einen Text, er wünscht ihr den Tod: Kolumnistin Margarete Stokowski antwortet einem Pöbelbriefschreiber. Ausnahmsweise.


Du antwortest mir nicht mehr im Facebook-Chat, dabei hatte ich dich gefragt, warum genau du mir den Tod wünschst, Ruven. So heißt du wohl, oder auch nicht. Schöner Name.

Auf Baby-Vornamen.de steht, dass dein Name bedeutet: Seht, ein Sohn. Als würden deine Eltern fortwährend jubilieren, dass es dich gibt, und vielleicht ist es auch so. Aber was macht dieser Sohn? Er schreibt fremden Frauen auf Facebook, dass sie sterben sollen: "Hallo Dummsau. Ich hoffe du ertrinkst in einem deiner Transgender-Klos." Das war dein, nun ja, Leserbrief, zu meiner vorletzten Kolumne. Und weil das nicht reicht, schickst du noch hinterher: "Fuck you." Wohl um sicherzugehen, dass ich den Tonfall richtig verstehe.

Ich hatte dann gefragt, was dich treibt. "Sehr geehrter Herr [Nachname], warum genau hoffen Sie das? Viele Grüße, Margarete Stokowski" - und darauf hast du zumindest kurz geantwortet. "Weil mir dein Geplapper schon lange zum Hals raushängt. Und jetzt, so höflich, willst du meine Freundin auf FB werden? Nur wenn du Nacktbilder schickst!"

Tja, Ruven. Es gibt so schöne Fotos von mir. Aber das war nicht unser Thema, hm? Nimm die Hand aus der Hose, wenn ich mit dir rede. Ich hab noch ein zweites Mal gefragt, was genau dich stört und so schlimm stört, dass ich sterben soll. Was geht mit deinem Frauenbild, Ruven?

Ist das alles, was du zu bieten hast im Umgang mit Frauen, deren Meinung dir nicht passt? Dass sie wahlweise sterben sollen oder dir zur Wichsvorlage dienen? Das ist wenig, Ruven! Wo ist der Sohn, über den deine Eltern sich so gefreut haben? Schreibst du Männern, die nicht deine Meinung haben, dasselbe? Hast du Jakob Augstein nach Nacktfotos gefragt?

Haten ist kein gutes Konzept

Es würde dir gut ins Weltbild passen, wenn ich dich hasse, aber ich kann damit nicht dienen. Selbst wenn ich alle negativen Emotionen, die ich gerade habe, zusammenkratze, kommt da kein Hass raus. Ich hab Fotos von dir auf Facebook gesehen und auch gelesen, dass du gesundheitliche Probleme hast. Gute Besserung, Ruven. Ich wünsche dir Zufriedenheit, ganz unironisch. Und zwar nicht, weil ich einen Hippie gefrühstückt hab. Sondern, weil du auf den Fotos unglücklich aussiehst.

Ich glaube nicht, dass es eine gute Lösung für irgendwas ist, im Internet rumzuhassen, vor allem nicht auf Kosten anderer Leute. Heute kriegst du Aufmerksamkeit dafür, aber das ist morgen schon wieder vorbei. Es ist einfach kein gutes Konzept. Ich habe gelesen, dass du einen Herzinfarkt hattest, Ruven. Stell dir vor, du hast noch einen, und das Letzte, was du getan hast, war eine kleine, hässliche Nachricht zu schicken, die vielleicht nie gelesen wird.

Natürlich hast du es nicht verdient, dass ich mich so lang mit dir beschäftige. Pures Glück, Ruven. Du bist auch, offen gestanden, gar kein so besonderer Fall. Es gibt andere, die schreiben mir härter und öfter als du. Sie schreiben, dass ich von einer großen Gruppe Araber vergewaltigt werden soll und dann erst sterben. Oder sie schreiben von blutiger Rache und kompletter Vernichtung. Du schreibst mir nur, dass ich ertrinken soll, in einem Klo. Es ist wohl wahrscheinlicher, dass ich von Jan Böhmermann auf einem Segway überfahren werde, als dass ich in einem "Transgender-Klo" ertrinke, aber die Gedanken sind frei.

Schon Einstein hat Marie Curie geraten, keine Onlinekommentare zu lesen, sozusagen. Natürlich ging es nicht ums Internet. Aber die Botschaft war klar: "Wenn der Pöbel sich weiter mit Ihnen beschäftigt, dann lesen Sie diesen Quatsch einfach nicht." Bist du der Pöbel, Ruven? Ich schreibe dir, weil ich mich frage, warum Menschen solche Hassnachrichten verschicken. Ich schreibe dir sicher auch, weil ich deinen Vornamen hübsch finde, der vielleicht gar nicht dein Vorname ist, vielleicht heißt du eigentlich Manuel Neuer.

Und weil ich in der Stadt, in der du wohnst, mal im Urlaub war. Eine beeindruckende Stadt, die davon geprägt ist, dass da Menschen mit verschiedenen Religionen sehr nah beieinander leben. Weiß Gott nicht immer friedlich. Aber die meiste Zeit kriegen sie es hin. Geht es dir auf den Sack, Ruven? Dass Leute mit unterschiedlichen Weltbildern parallel existieren? Mir wird das manchmal vorgeworfen: Dass ich es nicht aushalte, dass Leute andere Meinungen haben. Die Wahrheit ist, dass ich es ganz gut aushalte und praktisch sogar davon lebe.

Warum wünschst du mir den Tod?

Vielleicht würdest du jetzt sagen: Wer austeilen kann, muss auch einstecken können. Das stimmt sogar. Punkt für dich, Ruven. Aber ich glaube, der Spruch ist so gemeint, dass man Meinungen für Meinungen und Ohrfeigen für Ohrfeigen aushält und nicht Todeswünsche für Meinungen.

Warum, Ruven? Warum wünschst du mir den Tod, oder war das eine Metapher? Wofür? Ich hab mal einen Roman gelesen, da hieß die Hauptfigur wie du, und dieser Ruven spielte Geige, ein unglaubliches Talent, aber am Ende auch ein völlig zerstörter Mensch. Spielst du auch ein Instrument, Ruven? Arschgeige zählt nicht. Liest du gern Romane? Oder lieber Sachbücher? Oder hast du keine Zeit für Bücher, weil du Kolumnen lesen musst? Ärgerlich. Zwingt dich deine Mutter dazu?

Kennst du diese Untersuchung vom "Guardian", wo sie 70 Millionen Onlinekommentare analysiert haben? Obwohl beim "Guardian", wie eigentlich überall, die meisten Meinungstexte von weißen Männern geschrieben werden, sind unter den zehn meist beleidigten Autorinnen und Autoren acht Frauen und zwei schwarze Männer. Die Themen, bei denen die meisten Kommentare geblockt werden mussten, waren Israel/Palästina, Feminismus und Vergewaltigung. Die Themen mit den meisten okayen Kommentaren waren Kreuzworträtsel, Cricket, Pferderennen und Jazz.

Ich weiß, dass mir noch viel mehr Leute wie du schreiben würden, Ruven, wenn ich zum Beispiel ein Kopftuch hätte. "Ich habe keine Lust mehr, Putzfrau der Nation zu sein", hat Kübra Gümüsay am Mittwoch auf der re:publica gesagt, "den Gedankendreck anderer zu putzen, immer und immer wieder." Man kann Leute auszehren, indem man ihnen Hassbotschaften schickt. Aber das Paradoxe ist, und jetzt pass auf, Ruven: Wenn man in diesen Nachrichten nicht argumentiert, sondern nur rumpöbelt, dann ändert sich gar nichts. Es ist die dümmste Art zu reagieren. Heute ist der einzige Tag in deinem Leben, an dem ich mir Zeit nehme für dich, und guck, du hast es komplett verspielt, ich bin immer noch Feministin und für "Transgender-Klos". Das ist doch blöd. Es wär deine Chance gewesen, Ruven, so klein sie auch war.



Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 294 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
neutlant 05.05.2016
1.
Super Antwort, Frau Stokowski.
Hackwar 05.05.2016
2.
Vielen Dank. Ich habe sehr geschmunzelt. (Lachen kann man über so ein Thema eigentlich nicht...) Ich wundere mich auch immer, was für Fluten von Hass sich z.B. in den Youtube Kommentaren oder auch hier ergiessen.
myonium 05.05.2016
3.
Schöner Text, Danke! Das blöde ist nur - wie immer bei solchen Texten -, dass ihn die, die es angeht, nicht lesen oder nicht verstehen werden ... Allerdings haben Sie sich trotzdem einen bösen Kommentar verdient. Meinung ist Meinung - OK. Aber aus dem schönen (?) Wort "okay" ein Adjektiv zu machen, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der "okaye Kommentar" erinnert mich doch zu sehr an den "appen Arm" von Helge Schneider. Nur: Helge darf das. Nur Helge darf das.
prometheus37 05.05.2016
4.
Findet man immer wieder solche Hirnakrobaten. Warum nicht einfach den Ignomodus aktivieren und die Flatulenzen welche aus manchen Mündern entweichen einfach mit dem Fächer der Nicht-Wahrnehmung hinfortwedeln.
weltbürger78 05.05.2016
5. Gut - aber zu lang
Ein klasse Beitrag, leider gleitet er irgendwann ab und wirkt wie eine stetige Wiederholung der selben guten Argumente, die dadurch an Wirkung verlieren. Vor der Böhmermann Analogie die Marie-Curie Analogie und den Absatz über das Austeilen und Einstecken gebracht und dann Schluss - das wäre schön rund gewesen. Ich fürchte Intellektuelle verlieren den Meinungskampf in online Medien auch weil sie immer zuviel argumentieren wollen - es geht schliesslich nicht darum ihresgleichen zu überzeugen, sondern darum die Leser & Schreiber von prägnanten Kommentaren wie "Hallo Dummsau. Ich hoffe du ertrinkst in einem deiner Transgender-Klos. Fuck you".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.