2020 - Die Zeitungsdebatte

Raus aus der Wiederholungsschleife!

Die Journalistin Hatice Akyün liest keine Tageszeitung mehr, sie seien eintönig, redundant, überflüssig. Dabei könne die Zeitung eigentlich viel mehr, sagt Akyün, sie könnte sogar besser sein als alle anderen Medien.

Wenn man mich fragt, ob ich eine Tageszeitung abonniert habe, so muss ich das verneinen. Wie kann es sein, Journalistin zu sein, aber selbst nicht mindestens ein Abonnement zu haben? Das ist schnell erklärt: Es sind die Lebensumstände. Wäre ich Feuerwehrfrau, würde ich auch keine Löschdecken und Feuerlöscher zu Hause horten. Wäre ich Sterneköchin, kochte ich zu Hause nur Hausmannskost.

Ich habe kein Zeitungsabo, weil ich die Tageszeitung erst aus dem Briefkasten ziehen würde, wenn mein halber Arbeitstag schon vorüber ist. Weil mir die Zeitungen entgegenquillen würden, wenn ich von einer längeren Lese- oder Recherchereise zurückkehrte. Auf die technische Möglichkeit, mir per App meine Zeitung auf mein iPad zu laden, verzichte ich auch. Die News-Plattformen verschaffen einen Überblick über die Hauptmeldungen aller Tageszeitungen.

Zu Hause in Duisburg, wo ich aufgewachsen bin, hatten wir lange keine Tageszeitung. Das änderte sich erst, als ich, Kind von türkischen Einwanderern, selbst alt genug war, um am sozialen Leben aktiv teilzunehmen. Das Kinoprogramm, Spiele des MSV, Konzerte, Ausstellungen und Kommunalpolitik interessierten mich. Ich wollte wissen, was in meiner unmittelbaren Umgebung passiert.

In meinem Berliner Bezirk organisiert sich das Leben über andere Netzwerke. Über den Kindergarten, die Schule, die Termine des Bezirksamts. Mein Leben läuft nicht nach einem Nine-to-Five-Schema, so dass ich als zeitversetzte Arbeiterin an der organisierten Zivilgesellschaft mit geregeltem Leben nicht teilnehmen kann. Eine Zeitung zu abonnieren, um auf einer oder zwei Seiten zu erfahren, was sich in meinem Bezirk tut, bringt mir keinen Nutzen. Und was in Berlin, in Deutschland, in Europa, in der Welt geschieht, erfahre ich - mal besser, mal schlechter - zeitaktueller aus anderen Medien.

Genau genommen, und hier setzt die größte Kritik an der Presselandschaft für mich als Konsument an, gibt es einen Redundanz-Overkill. Viele schreiben irgendwie dasselbe, beziehen sich auf die gleichen Quellen, wortgleiche Zitate, nur gering voneinander abweichende Tendenzen und Folgerungen. Sorgsam gleich gebürstet, bieten Ereignisse nur eine Schlussfolgerung und nur eine Konsequenz. Das gebotene Sowohl-als-auch, für den Fall, dass ich nicht übereinstimme, püriert das, was geschieht, zusätzlich und nivelliert Positionen, die so keinen Sinn ergeben, da ja jeder Standpunkt dem Standpunkt und nicht dem Inhalt dient.

Jede Woche stolpere ich über mindestens drei Themen, über die ich berichten könnte. In der Regel nimmt man derartige Vorschläge in den Redaktionen als Nischenthemen achselzuckend zur Kenntnis, oder sie werden wegen des Aufwands, sie einigermaßen erhellend aufzubereiten, als zu teuer und als nicht umsetzbar beschieden. Dinge, die Einblicke quer oder tief aus einer anderen Richtung offenlegen, seien nicht mainstreamig, könnten aber als Inseln der Vernunft in einem Meer der Eintönigkeit den Medien ein Stück Glaubwürdigkeit und Empathie zurückgeben.

Obwohl Medien alles andere als monochrom konstruiert sind, kommt man als Konsument nicht umhin, über viele Indizien zu stolpern. Sie bedeuten, dass in den Kontrollständen der großen Medienunternehmen der Versuchung nicht widerstanden wird, Meinung in bestimmte Richtungen zu lenken. Auch wenn über Bande gespielt wird, jede Richtung eine Gegenrichtung erlaubt und jede Fokussierung Möglichkeiten der Antithese eröffnet. Auf den Hauptverkehrstrassen der Berichterstattung ziehen immer größere Konvois der gleichen Karawane hinterher, die dann nur so schnell sind wie das langsamste Kamel. Ob sich diese gefühlte "embedded information policy" in einer höheren Akzeptanz der Rezipienten niederschlägt, wage ich zu bezweifeln. Das ist so ähnlich wie mit den inflationären Kochsendungen im Fernsehen. Signifikant mehr und besser wird in Deutschland deswegen auch nicht gekocht.

Wenn man glaubt, dem potentiellen Leser leicht verdauliche Info-Häppchen anbieten zu müssen, garniert in einer Werbekulisse, die sich in der Produktpalette dem Leserprofil oder vorerst zumindest in idealer Verbindung zum Artikel präsentiert, dann ist der Axel Springer Verlag auf dem richtigen Weg. Werbefinanziertes Infotainment mit Premium-Angeboten für Leser, die für Content zu zahlen bereit sind. Ob das dann noch in die Kategorie Journalismus passt, werden die Leser entscheiden. Eine verlängerte Werkbank, die sich an den Interessen der Hersteller von Produkten und Dienstleistungen ausrichtet, wird zum Onlineshop mit Produkt-PR, zum digitalen Quelle-Katalog, in der die Models als namenlose Avatare Sprechblasen absondern.

Was kann also die Zeitung besser als andere Medien? Sie kann berichten mit Fakten und Tiefe. Sie kann Strukturen offenlegen und dokumentieren. Sie kann mehrere Standpunkte nebeneinander in den Wettbewerb treten lassen. Aber dafür braucht sie Protagonisten, die selbst für etwas stehen. Zeitung ist keine Berichterstattung aus der Zuschauerdemokratie, von oben oder mit festgelegtem Blickwinkel. Zeitung ergreift Partei nicht für eine Seite, sondern für alle Seiten. Zeitung baut Brücken und leuchtet in die Tiefe. Zeitung, die nur über das Geschehen wischt, verliert ihren Vorteil, über das gedruckte Wort den Leser zu eigenen Gedanken zu motivieren.

Den Nachteil der Langsamkeit durch Oberflächlichkeit auszugleichen, macht die Zeitung zum ausgedruckten Webbrowser auf Papier und damit überflüssig. Vielfalt, Erkennbarkeit und Kante brauchen alle Medien. Für eine Zeitung sind sie die Grundnahrungsmittel. Und dafür gibt es heute nicht nur eine Berechtigung, sondern auch mehr Bedarf denn je.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zur Autorin
  • André Rival
    Hatice Akyün lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul. Die deutsch-türkische Autorin ist freie Journalistin und hat die wöchentliche Kolumne "Meine Heimat" beim "Tagesspiegel". Sie veröffentlichte die Bestseller "Einmal Hans mit scharfer Soße" und "Ali zum Dessert". 2009 wurde Hatice Akyün mit dem Preis für Toleranz und Zivilcourage ihrer Heimatstadt Duisburg ausgezeichnet, 2011 bekam sie den Berliner Integrationspreis für ihre Beiträge zur Debatte um Einwanderung und Integration. Im September 2013 erscheint ihr neues Buch "Ich küss dich, Kismet - Eine Deutsche am Bosporus".
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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