Theater: Die fünf Revolutionen des Matthias Lilienthal

Von Christine Wahl

2. Teil: Neues Publikum für ein neues Theater

Popkünstlerin Peaches: Auftritt in der Titelrolle der Oper "L'Orfeo" am HAU Zur Großansicht
Getty Images

Popkünstlerin Peaches: Auftritt in der Titelrolle der Oper "L'Orfeo" am HAU

Ortstermin Stresemannstraße, Berlin Kreuzberg: Der Tanz-Nachwuchs gibt auf der Bühne des HAU 1 eine kleine Rap-Zugabe. Das Parkett tobt; die Mütter und Väter in den ersten Reihen haben sich längst zu stehenden Ovationen erhoben. Wer nicht weiß, dass er hier in ein hochkarätiges Tanzprojekt der Choreografin Constanza Macras mit Neuköllner Kids geraten ist, dürfte sich eher wie auf einer kiezeigenen Großfamilienparty fühlen. Einen Abend später: kompletter Szenarienwechsel. Im HAU 1 herrscht Berghain-Flair: Die queer community feiert die kanadische Sängerin Peaches in der Titelpartie von Monteverdis "L'Orfeo".

Tatsächlich schauen die Zuschauersäle des Kreuzberger Theaterkombinats nach allem Möglichen aus, nur nicht nach dramatischer Hochkultur. Wo andere Häuser hinter vorgehaltener Hand gern mal die Vormachtstellung des grauhaarigen Bildungsbürgertums beklagen, tummelt sich im HAU tatsächlich jedes soziale Splittergrüppchen, vom Hauptschüler bis zur Poptheoretikerin, vom Politikstudenten bis zur Computerspielexpertin - wenn auch nicht unbedingt am selben Abend.

Theaterchef Matthias Lilienthal sieht mit seiner auf Hüfthöhe herumrutschenden Jeans zum Schlabber-T-Shirt selbst eher nach Berliner Subkultur aus und lässt auch ansonsten sämtliche Statussymbole des klassischen (Kultur-)Funktionärs vermissen. In der Szene hat der 52-Jährige, der in Berlin-Neukölln aufwuchs, allerdings eine der größten Erfolgsgeschichten geschrieben. Er hat es geschafft, das HAU zu einem zeitgemäßen Großstadt-Theater zu machen. Kultur meint hier nicht bildungsbürgerliche Deutungshoheit über Shakespeare und Schiller, sondern Angebot zur lustvollen Wirklichkeitsbewältigung - ohne intellektuelle Abstriche.

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