Theater: Die fünf Revolutionen des Matthias Lilienthal

Von Christine Wahl

3. Teil: Ein anderer Blick auf die Wirklichkeit

Alles ist eine Bühne: HAU-"Weltausstellung" auf dem Tempelhofer Feld Zur Großansicht
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Alles ist eine Bühne: HAU-"Weltausstellung" auf dem Tempelhofer Feld

Tagesaktuelle Gesellschaftsprobleme gehören bekanntlich zu den Lieblingsthemen des Theaters. Allerdings ist das soziale Drama eines der klischeegefährdetsten Genres: Man kennt die Abende, an denen unfreiwillige Karikaturen von Hartz-IV-Empfängern über die Bühne stolpern und statt der versprochenen Realität eher die Realitätsferne ihrer Schöpfer entlarven.

Diesem Problem sind die HAU-Künstler von Anfang an clever aus dem Weg gegangen. Sie haben den Spieß einfach umgedreht und dabei en passant einen völlig neuen Theaterbegriff entwickelt: Statt am Versuch zu scheitern, die Wirklichkeit auf die Bühne zu holen, erklärten sie die Realität kurzerhand selbst zur Bühne. Kreuzberger Schulen, abgewickelte Ostberliner Vergnügungsparks, vietnamesische Märkte in Berlin-Lichtenberg - alles konnte unter HAU-Regie zum Theaterszenario werden. Kunstbewusst gondelte man durch den gefluteten Palast der Republik oder entdeckte, unterwegs mit einem bulgarischen Fernfahrer im verglasten LKW, den nächtlichen Charme von Berliner Umland-Rastplätzen.

Archetypisch für diesen sogenannten ortspezifischen Zugriff, den Matthias Lilienthal zwar nicht erfunden, aber salonfähig gemacht und mit seinen Künstlern weiterentwickelt hat, ist das Format "X Wohnungen" - mittlerweile ein Theaterexportschlager von Istanbul über New York bis Tokio. Dabei werden Privatwohnungen bespielt, wahlweise von den realen Bewohnern oder von Profi-Darstellern.

Die Zuschauer finden sich auf ihrer mehrstündigen Apartement-Tour Tee trinkend auf dem Sofa einer türkischen Familie wieder, entdecken in einem runtergerockten Plattenbau plötzlich eine romantische Panorama-Aussicht, geraten mit einem Kreuzberger Urgestein über die Ästhetik des Widerstands aneinander - und bekommen die Wirklichkeit dabei vor allem deshalb so klischeefrei in den Blick, weil es beim HAU-Ansatz nicht um einen platten Abbildungsversuch sozialer Milieus geht. Sondern der Trick besteht darin, dass der komplette Kiez zu einer Art Readymade wird: Spätestens nach der zweiten Station nimmt man jeden Baum am Straßenrand als Requisit und jeden Passanten, der einem zufällig über den Weg läuft, als Theaterstatisten wahr.

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