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01. Juni 2012, 12:12 Uhr

Theater

Die fünf Revolutionen des Matthias Lilienthal

Von Christine Wahl

Drei Provinzbühnen wurden zu Deutschlands aufregendster Avantgarde-Adresse: Intendant Matthias Lilienthal hat das Berliner HAU umgekrempelt. Vom Publikum bis zu den Stücken blieb nichts, wie es war. Jetzt hört der gefeierte Theatermacher auf - und hinterlässt ein gewaltiges Erbe.

Drei kleine Bühnen im Berliner Szene- und Migrantenbezirk Kreuzberg, nah beieinanderliegend, aber aus unterschiedlichen Gründen dringend erneuerungsbedürftig: So präsentierte sich das Theaterkombinat Hebbel am Ufer 1 bis 3 (kurz: HAU) bei seiner Neugründung 2003. Dass Matthias Lilienthal der Richtige für die Leitung der neuartigen Spielstätte sein würde, vermuteten viele - schließlich hatte er als Frank Castorfs Chefdramaturg maßgeblich zum Aufstieg der Berliner Volksbühne beigetragen. Mit einem derartigen Erfolg dürfte trotzdem kaum jemand gerechnet haben: Lilienthal machte das HAU in Rekordgeschwindigkeit zu einer der Avantgarde-Adressen überhaupt. Gleich in der ersten Saison wurde die neue Theater-Trias in vom Fachblatt "Theater heute" zur Bühne des Jahres gekürt.

Ende Juni verabschieden sich Lilienthal und sein Team nun vom HAU. Aus freien Stücken, weil der Theater-Workaholic zu jenen Leuten gehört, die lieber alle zehn Jahre etwas Neues tun als auf ihren angestammten Posten alt und starrsinnig zu werden. Aus diesem Anlass ziehen wir eine Bilanz in fünf Thesen, wie Lilienthal das HAU verändert hat - und die deutsche Theaterszene gleich mit.

Neues Publikum für ein neues Theater

Ortstermin Stresemannstraße, Berlin Kreuzberg: Der Tanz-Nachwuchs gibt auf der Bühne des HAU 1 eine kleine Rap-Zugabe. Das Parkett tobt; die Mütter und Väter in den ersten Reihen haben sich längst zu stehenden Ovationen erhoben. Wer nicht weiß, dass er hier in ein hochkarätiges Tanzprojekt der Choreografin Constanza Macras mit Neuköllner Kids geraten ist, dürfte sich eher wie auf einer kiezeigenen Großfamilienparty fühlen. Einen Abend später: kompletter Szenarienwechsel. Im HAU 1 herrscht Berghain-Flair: Die queer community feiert die kanadische Sängerin Peaches in der Titelpartie von Monteverdis "L'Orfeo".

Tatsächlich schauen die Zuschauersäle des Kreuzberger Theaterkombinats nach allem Möglichen aus, nur nicht nach dramatischer Hochkultur. Wo andere Häuser hinter vorgehaltener Hand gern mal die Vormachtstellung des grauhaarigen Bildungsbürgertums beklagen, tummelt sich im HAU tatsächlich jedes soziale Splittergrüppchen, vom Hauptschüler bis zur Poptheoretikerin, vom Politikstudenten bis zur Computerspielexpertin - wenn auch nicht unbedingt am selben Abend.

Theaterchef Matthias Lilienthal sieht mit seiner auf Hüfthöhe herumrutschenden Jeans zum Schlabber-T-Shirt selbst eher nach Berliner Subkultur aus und lässt auch ansonsten sämtliche Statussymbole des klassischen (Kultur-)Funktionärs vermissen. In der Szene hat der 52-Jährige, der in Berlin-Neukölln aufwuchs, allerdings eine der größten Erfolgsgeschichten geschrieben. Er hat es geschafft, das HAU zu einem zeitgemäßen Großstadt-Theater zu machen. Kultur meint hier nicht bildungsbürgerliche Deutungshoheit über Shakespeare und Schiller, sondern Angebot zur lustvollen Wirklichkeitsbewältigung - ohne intellektuelle Abstriche.

Ein anderer Blick auf die Wirklichkeit

Tagesaktuelle Gesellschaftsprobleme gehören bekanntlich zu den Lieblingsthemen des Theaters. Allerdings ist das soziale Drama eines der klischeegefährdetsten Genres: Man kennt die Abende, an denen unfreiwillige Karikaturen von Hartz-IV-Empfängern über die Bühne stolpern und statt der versprochenen Realität eher die Realitätsferne ihrer Schöpfer entlarven.

Diesem Problem sind die HAU-Künstler von Anfang an clever aus dem Weg gegangen. Sie haben den Spieß einfach umgedreht und dabei en passant einen völlig neuen Theaterbegriff entwickelt: Statt am Versuch zu scheitern, die Wirklichkeit auf die Bühne zu holen, erklärten sie die Realität kurzerhand selbst zur Bühne. Kreuzberger Schulen, abgewickelte Ostberliner Vergnügungsparks, vietnamesische Märkte in Berlin-Lichtenberg - alles konnte unter HAU-Regie zum Theaterszenario werden. Kunstbewusst gondelte man durch den gefluteten Palast der Republik oder entdeckte, unterwegs mit einem bulgarischen Fernfahrer im verglasten LKW, den nächtlichen Charme von Berliner Umland-Rastplätzen.

Archetypisch für diesen sogenannten ortspezifischen Zugriff, den Matthias Lilienthal zwar nicht erfunden, aber salonfähig gemacht und mit seinen Künstlern weiterentwickelt hat, ist das Format "X Wohnungen" - mittlerweile ein Theaterexportschlager von Istanbul über New York bis Tokio. Dabei werden Privatwohnungen bespielt, wahlweise von den realen Bewohnern oder von Profi-Darstellern.

Die Zuschauer finden sich auf ihrer mehrstündigen Apartement-Tour Tee trinkend auf dem Sofa einer türkischen Familie wieder, entdecken in einem runtergerockten Plattenbau plötzlich eine romantische Panorama-Aussicht, geraten mit einem Kreuzberger Urgestein über die Ästhetik des Widerstands aneinander - und bekommen die Wirklichkeit dabei vor allem deshalb so klischeefrei in den Blick, weil es beim HAU-Ansatz nicht um einen platten Abbildungsversuch sozialer Milieus geht. Sondern der Trick besteht darin, dass der komplette Kiez zu einer Art Readymade wird: Spätestens nach der zweiten Station nimmt man jeden Baum am Straßenrand als Requisit und jeden Passanten, der einem zufällig über den Weg läuft, als Theaterstatisten wahr.

Überforderung als Lustprinzip

Dass das HAU keine Kuschelinstitution sein will, war schon mit der ersten Werbekampagne klar. Kurz vor der Eröffnung im Herbst 2003 schauten einem von sämtlichen Berliner Plakatwänden Boxerinnen und Boxer entgegen: Sehr jung, sehr stolz - und mit mindestens einem blau geschlagenen Auge.

Den Slogan "Hau rein" haben sich allerdings nicht nur die Zuschauer zu Herzen genommen, die sich der intellektuellen wie physischen HAU-Überforderung aussetzten, sondern auch Lilienthal und sein gerade mal 24 feste Mitarbeiter zählendes Team selbst: Weit mehr als tausend Produktionen gingen in den vergangenen neun Jahren über die drei HAU-Bühnen; etwa 120 pro Jahr. Klassische Stadt- und Staatstheater kommen - nur mal zur Orientierung, wenngleich man die Produktionsbedingungen freier Häuser nicht mit denen von Ensemble- und Repertoirebühnen vergleichen kann - auf 20 bis 25.

Dass bei so einer Taktung nicht alle Projekte in die Theater-Annalen eingehen, ist klar: Der Mut zum Scheitern gehört zwangsläufig zum Experiment. Ähnlich wird die Bilanz auch beim letzten Parforce-Ritt mit dem durchaus ambivalent gemeinten Titel "Unendlicher Spaß" ausfallen, wenn dem HAU verbundene Künstler in einem 24-Stunden-Marathon die Überforderung des gleichnamigen David-Foster-Wallace-Romans in eine physische Theater- und Zuschauerüberforderung übersetzen. Oder bei Lilienthals zweitem Abschiedsprojekt "The World is not Fair" - einer Parodie auf die Weltausstellung auf dem Tempelhofer Feld, die so riesig angelegt ist, dass man sich am besten per Fahrrad von Pavillon zu Pavillon bewegt.

Während HAU-Fans das Theater zu Recht als ästhetisches und diskursives Zukunftsmodell feiern, geben Kritiker gelegentlich zu bedenken, dass Matthias Lilienthal nicht nur Theatergeschichte geschrieben, sondern auch ein neoliberales Bühnenmodell etabliert habe. Der extrem hohe Ausstoß nähme zwangsläufig die Selbstausbeutung von Künstlern und freien Mitarbeitern in Kauf: Ein Argument, bei dem man allerdings nicht verschweigen darf, dass das knappe HAU-Budget von weniger als fünf Millionen Euro kaum alternative Bedingungen zulässt, wenn man auf diesem Niveau agieren will.


"The World is not Fair - die große Weltausstellung 2012": 1. bis 24. Juni, Tempelhofer Park, Berlin. "Unendlicher Spaß von David Foster Wallace - 24 Stunden durch den utopischen Westen", ab 2. Juni.

Die Globalisierungsgeschichte wird umgeschrieben

Matthias Lilienthal ist alles andere als ein Mann der apodiktischen Botschaften. Einen Satz allerdings hörte man über die Jahre von ihm immer wieder: Er habe keine Lust, die Globalisierungsgeschichtschreibung den Investmentbankern zu überlassen. Tatsächlich hat niemand die deutschsprachige Theaterszene derart erfolgreich internationalisiert wie der HAU-Chef und sein Team. Wenn man im Berlin der Nullerjahre irgendwo ein entspanntes babylonisches Sprachengewirr vernahm, befand man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im WAU, der öffentlichen HAU-Kantine am Halleschen Ufer.

Denn sobald sich junge polnische Regisseure, sagen wir mal, mit dem Rechtsruck unter Lech Kaczynski anno 2005 auseinandersetzten, chinesische Subkultur-Performer die Widersprüche zwischen Wirtschaftskapitalismus und Staatssozialismus auf die Bretter hauten oder ein brasilianischer Choreograf mit Kindern in Favelas neue Bewegungsformen entwickelte, konnte man sicher sein, dass man es in Kürze im HAU zu sehen bekommt. Und zwar nicht als Betroffenheitstheater, sondern mit einer Extraportion intellektuellen Inputs.

Sofern irgend möglich, bündelte die HAU-Crew internationale Gastspiele in thematischen Festivals: Kaum glaubte man, eine vermeintliche Wahrheit über den polnischen, lateinamerikanischen oder japanischen Status quo im Sack zu haben, wurde sie von der nächsten Performance mindestens relativiert. Zusätzlich versorgten hochkarätige Theoretiker - Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, Querdenker - das Publikum mit Meta-Ebenen aus allen erdenklichen Perspektiven. Denn Theater und Performance wurden im HAU gleichsam selbst als Teile eines globalen Netzwerks aufgefasst, mit fließenden Übergängen zu Wissenschaft, bildender Kunst oder Klubkultur.

Nicht zuletzt Musikkurator Christoph Gurk bürgte für den Anschluss an den avancierten Popdiskurs - und sorgte dafür, dass es bei allem Anspruch auch noch ziemlich lässig aussah, wie das HAU das Theater von seinem staubigen Oberstudienrats-Image befreite.

Eine neue Avantgarde? Mehrere neue Avantgarden!

Schon in den Neunzigern, als Lilienthal als Chefdramaturg von Castorfs aufstrebender Volksbühne Künstler wie Christoph Schlingensief fürs Theater entdeckte, galt: Von Lilienthal lernen, heißt Avantgarde lernen. Seit seiner HAU-Übernahme 2003 gingen die meisten neuen Theater- und Performance-Impulse von hier aus - wobei man sich als Zuschauer immer wieder die Augen rieb, wie zahlreich die Alternativen zum klassischen Repräsentationstheater sein können.

Der Dokumentarregisseur Hans-Werner Kroesinger unterzog statt Shakespeare und Schiller lieber die Akten zum ruandischen Genozid von 1994 oder die Firmengeschichte von "Telefunken" einer klugen Bühnen-Analyse. Das Künstler-Trio Rimini Protokoll erfand ein inzwischen weltweit boomendes neues Genre, indem es statt Schauspielern sogenannte "Experten des Alltags" in die Spur schickte: Die Geschichten realer Vietnam-Veteranen, Bürgermeister-Kandidaten oder Kairoer Muezzins erzählten mit einer einzigen lässigen Wendung meist mehr über unsere Gegenwart als hundert angestrengte Problemstücke. Wer sich etwa in Rimini Protokolls "Call Cutta" via Smartphone von einer sympathisch-flirtiven Stimme, die sich direkt aus einem Callcenter im indischen Kalkutta ins Ohr schmeichelte, auf einem Spaziergang durch die unmittelbare HAU-Umgebung begleiten ließ, dürfte ein- für allemal verstanden haben, was Globalisierung heißt.

Zurzeit feiert die Nachwuchsgruppe machina eX am HAU mit der Idee Erfolge, die Dramaturgie von Computerspielen in die analoge Bühnenwelt zu übertragen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch das aufstrebende postmigrantische Theater seinen Ausgang am HAU nahm: In Abenden wie "Schwarze Jungfrauen" gewährten die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sowie der Regisseur Neco Celik Einblicke in die Köpfe junger Musliminnen, die alles andere als den klassischen pc-Standards entsprachen.

Und jetzt?

Ab Herbst 2012 führt Annemie Vanackere das HAU. Matthias Lilienthal tritt dann eine Professur in Beirut an. Natürlich ist das Erbe gewaltig. Aber die Vorzeichen für die belgische Theaterfrau, die von der Rotterdamse Schouwburg kommt und international bestens vernetzt ist, stehen gut.

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