Hauptschul-Drama in der ARD: Der Club der toten Schlichter
Rütli hin, Pisa her: So rigoros wie unaufgeregt erzählt Lars Kraume in seinem Drama "Guten Morgen, Herr Grothe" von den schwierigen Integrationsbemühungen eines Hauptschullehrers – ohne dabei in den Chor der Defätisten einzustimmen.
So ein Lehrer-Rendezvous ist frei von Romantik. Man isst Paprikascheiben aus der Plastiklunchbox und warnt einander davor, allzu emotional in dem Job aufzugehen. So wie Frau Kranz (Nina Kunzendorf) und Herr Grothe (Sebastian Blomberg), die einander mehr als beruflich zugetan sind, und während der gemeinsamen Pausenaufsicht auf dem Schulhof Probleme wälzen. Sie schenkt einer Sechstklässlerin mit Sprachfehler und hohem IQ ihre besondere Aufmerksamkeit, er arbeitet sich am Terrorjungen aus der Neunten ab. Nun weist ein Kollege den anderen zärtlich zurecht, dass man das wohl lieber sein lassen solle. Dienst nach Vorschrift – nur so könne man den aufreibenden Alltag an ihrer Haupt- und Realschule im Berliner Stadtteil Neukölln überstehen.
Integrations-Drama "Guten Morgen, Herr Grote": Auf Tuchfühlung mit den pädagogisch Verwahrlosten
Keine Angst, "Guten Morgen, Herr Grothe" verfolgt keineswegs die Stoßrichtung von pädagogischen Rührstücken wie "Dangerous Minds", wo das Lehrpersonal die Zöglinge mit Coolness und Schokoriegeln in bildungshungrige Intelligenzbestien verwandeln. Der Kampf des Herrn Grothe scheint über Strecken so gut wie aussichtslos: Mal sieht man ihn, wie er sich erschöpft und kreidebleich die Klinke der Klassenzimmertür hoch drückt, um den randalierenden, prügelnden und rotzenden Nico vom Unterricht auszuschließen. Ein anderes Mal verweist er stumpf einen Jungen nach dem anderen des Raumes, bis nur noch die Mädchen übrig bleiben. Aber auch da passiert auf einmal etwas Unerwartetes: Eine Schülerin trägt einen Aufsatz vor, in dem sie erstaunlich präzise ihre Sehnsüchte formuliert.
Zurzeit herrscht in der Bildungs- und Integrationsdebatte ja ein Defätismus, der sich auch in den jüngsten Filmen zum Thema niedergeschlagen hat: Ob man Detlev Bucks Kinoproduktion "Knallhart" oder Züli Aladags kontrovers diskutierten Fernsehfilm "Wut" nimmt – ein bisschen schaudernd, ein bisschen voyeuristisch werden hier die Monstren aus der Parallelgesellschaft besichtigt. Die Erregung ersetzte die Analyse.
Kein Platz für Stereotypen
Den Machern von "Guten Morgen, Herr Grothe" indes gelingt es trotz des hysterisch aufgeladenen Themas konsequent, den Tonfall des Gesellschaftsschockers und des Thesenstückes zu vermeiden. Autorin Beate Langmaack schrieb zuvor die Bücher zu den besten Schweriner "Polizeirufen" der letzten Jahre, wo große gesellschaftliche Erosionen lakonisch in menschlichen Konflikten wider gespiegelt wurden, und Regisseur Lars Kraume hat sich mit Arbeiten wie "Keine Lieder über Liebe" zum Meister der Improvisation und des Quasi-Dokumentarischen entwickelt. Auch mag es von Nutzen gewesen sein, dass das Drehbuch schon vor den Vorfällen auf der Rütli-Schule in Neukölln fertig gewesen ist.
Den üblichen Alarmismus sucht man in dem Drama "Guten Morgen, Herr Grothe", das als einem der wenigen Fernsehfilme die Ehre zuteil wurde, in der Panorama-Sektion der Berlinale gezeigt zu werden, jedenfalls genauso vergeblich wie talkshowkompatible Heilsbotschaften: Ganz unaufgeregt wird in dem zum Teil mit Laiendarstellern besetzten Film auf Tuchfühlung mit den pädagogisch Verwahrlosten und gesellschaftlich Geächteten gegangen. Stereotypen haben hier keinen Platz; der Troublemaker Nico kommt aus einem relativ gut situierten deutschsprachigen Haushalt, die beiden ambitionierten Türkinnen in der ersten Reihe heben das Klassenniveau.
Die Perspektive ist konsequenterweise die des Deutschlehrers Grothe, der einige unerwartete Erfolge mit seiner unkonventionellen Methodik feiert und die Halbwüchsigen dazu animiert, sich mit den Tagebüchern verstorbener Persönlichkeiten zu beschäftigen – der aber vor allem auch gefährlich gestutzt wird in seinem Idealismus. Die Bilanz erscheint eher düster: Zwei Schüler unternehmen Selbstmordversuche, die sich anbahnende Lehrerromanze zwischen ihm und der Kollegin Kranz bleibt auf der Strecke. Es kann eben nicht aufgehen, dass die gesamten integrativen Erfordernisse dieser Tage, die eine gesellschaftliche Einigung bringen könnten, auf die Schultern der Lehrer zu packen. So wird Herr Grothes "Club der toten Dichter" zum "Club der toten Schlichter".
Und trotzdem bleiben hier ein paar Szenen zurück, in denen die jungen Delinquenten aus Neukölln vollkommen glaubhaft über jenen Status hinauswachsen, den die Gesellschaft und ihre gängige mediale Repräsentation für sie bereithält: Sie können sprechen, sie können schreiben, sie können sogar denken. In solchen Momenten macht sich in "Guten Morgen, Herr Grothe" trotz des rigorosen Realitätssinnes der Filmemacher Hoffnung breit: Rütli hin, Pisa her – vielleicht geht hierzulande ja doch noch was in Sachen Pädagogik.
"Guten Morgen, Herr Grothe", 2. Mai, 20.15 Uhr, ARD
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