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Hauptstadtkultur: "Es bleibt die Berliner Schnoddrigkeit"

Oper oder Gangster-Rap: Was prägt eigentlich zur Zeit die Berliner Kultur? André Schmitz, Kulturstaatssekretär der Hauptstadt, singt im SPIEGEL ONLINE-Interview ein Loblied auf die Kunstszene - ist vom Schmuddelimage der Metropole aber genervt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Hanseat und Kenner der Hochkultur, gelten als Bildungsbürger par excellence. Leiden Sie manchmal am Schmuddel-Image Berlins?

Schmitz: Einfache Antwort: ja. Auch nach all den Jahren stößt mir der hiesige Stil immer wieder auf. Es ist aber besser geworden. Seit der Wende hat es einen Austausch von einer Million Einwohnern gegeben. Die gesellschaftliche Schichtung dieser Stadt ist ein bisschen bunter geworden, es gibt wieder ein entstehendes Bürgertum. Sehen Sie sich die ganzen Fördervereine der Museen und Theater an, da ist eine Menge entstanden an bürgerschaftlichem Engagement. Es bleibt jedoch die Berliner Schnoddrigkeit: Man geht zum Bäcker und wird erst mal angeraunzt.

Kulturstaatssekretär Schmitz (SPD): "Berlin steckt voller Überraschungen"
DDP

Kulturstaatssekretär Schmitz (SPD): "Berlin steckt voller Überraschungen"

SPIEGEL ONLINE: Und viele assoziieren mit Berlin mittlerweile nicht mehr Museen und Theater, sondern Sido, den Gangster-Rapper mit Totenkopfmaske.

Schmitz: Vermutlich zu Recht. Aber meine Berlin-Assimilierung hat an der Volksbühne stattgefunden. Da habe ich verfolgen können, wie viele der Künstler, die Matthias Lilienthal und Frank Castorff in den letzten Eckkneipen aufstöberten, später den Weg durch die Institutionen machten. Das Tolle an Berlin: Es gibt beides, Hoch- und Subkultur. Bei aller Liebe zum wunderbaren Hamburg: Manchmal geht einem die gepflegte Langeweile dort auf den Keks. Was München und Hamburg haben, die starke Prägung durch eine bestimmte Mittel- bis Oberschicht, ist oft langweilig. Berlin hingegen steckt voller Überraschungen, die Stadt hat enorm viel kreatives Potenzial.

SPIEGEL ONLINE: In den Opern ist es zurzeit aber gut versteckt. Die Häuser haben sich von stimmgewaltigen Inszenierungen auf den Jammerchor der Bedürftigen verlegt, der ständig nach mehr Geld ruft.

Schmitz: Aktuell werden wir nicht gerade wegen unserer drei Opernhäuser wahrgenommen und auch nicht wegen unserer Sprechbühnen, selbst wenn sie eine große Tradition haben. Für Furore sorgt die Bildende-Kunst-Szene. Das ist der große Exportschlager der Berliner Kultur. Viele von den Künstlern, die auf der documenta ausstellen oder in Venedig, arbeiten in Berlin.

SPIEGEL ONLINE. Im Unterschied zu Berlin gäbe es im langweiligen Hamburg aber Leute, die sich diese Kunst auch leisten können.

Schmitz: Stimmt: Den geringsten Anteil der Käufer stellt Berlin. Hier bezahlt die Stadt für Deutschland seinen historischen Preis: Dass hier nicht soviel Kaufkraft ist, hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, der Teilung der Stadt, dem Mauerbau und Abzug der großen Firmen. Bis 1945 hatten annähernd alle größeren deutschen Unternehmen ihren Hauptsitz in Berlin, Berlin war vor dem Ruhrgebiet die Stadt mit den meisten industriellen Arbeitsplätzen. Was wir hier nach der Wende geglaubt haben, dass man nahtlos an diese Tradition würde wieder anknüpfen können, hat sich als frommer Wunsch erwiesen. Nach '89 haben wir noch mal 160.000 Industrie-Arbeitsplätze verloren. Und Bertelsmann kann heute von Gütersloh aus einen internationalen Konzern leiten, die müssen nicht mehr wie früher in der Nähe der Regierung sitzen. Für die Galeristen spielt dies jedoch nur eine marginale Rolle. In Berlin etabliert sich ein nationaler und internationaler Markt, die Käufer kommen aus aller Welt.

SPIEGEL ONLINE: Tourismus wird immer wichtiger für Berlin. Mit 17 Millionen Touristen steht die Stadt in Europa an dritter Stelle, nach London und Paris, noch vor Rom. Im Sommer schließen dennoch die meisten Theater und Opern. Warum denkt die Branche nicht um?

Schmitz: Die Zahlen sehen anders aus. Die Sommerbespielung war bislang leider enttäuschend. Die Komische Oper hat es versucht, die Deutsche Oper wird diesen Sommer mit einem Musical einen neuen Anlauf machen. Während der WM haben die Museen längere Öffnungszeiten angeboten - ohne Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Neben drei Opern leistet sich Berlin noch eine weitere kostspielige Baustelle: den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Die Arbeiten sollen 2010 starten. Kosten: 480 Millionen. Nennen Sie uns bitte einen triftigen Grund, warum Berlin und Deutschland das Humboldt-Forum brauchen.

Schmitz: Wenn man vom Ausland auf Deutschland schaut, schaut man auf Berlin. Da steht es uns in einer globalisierten Welt gut zu Gesicht, wenn neben der Präsentation unserer alten Kultur, der europäischen Kultur von der Antike bis zum 19. Jahrhundert auf der Museumsinsel auch unsere großartigen Sammlungen außereuropäischer Kunst zu sehen sind. Bislang werden sie noch in Dahlem präsentiert, wo seit der Wiedervereinigung kaum noch jemand hingeht. Diese Schätze am wichtigsten Ort der Stadt zu präsentieren ist auch eine Verneigung vor nicht europäischen Nationen. In einer globalisierten Welt den Blick friedlich mit kultureller Vermittlungsarbeit auf andere Kulturen zu richten, das ist doch eine geniale Idee für die Mitte Deutschlands im Herzen Europas.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gibt es massive ideologische Vorbehalte gegen den Wiederaufbau.

Schmitz: Problem ist die Fassade des Forums. Da wurden schwere Geschütze aufgefahren: Das Hohenzollernschloss kehrt zurück und damit die Rückkehr des Militarismus. Ähnliche Diskussionen gab es bereits beim Umzug des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin: Wir knüpfen wieder ans militaristische Preußen an, hieß es da. In Deutschland werden Diskussionen nach wie vor sehr schnell zu Grundsatzdebatten.

SPIEGEL ONLINE: Mit einem modernen Bau hätte man solche Kritik umgehen können.

Schmitz: In Berlin, dieser schwer kriegsverwüsteten Stadt, haben wir keinen Mangel an moderner Architektur. Architekten aus aller Welt haben nach der Wiedervereinigung in Berlin gebaut, und nicht alles ist gelungen. Dass es auf der anderen Seite eine gewisse Sehnsucht nach einer Rekonstruktion der Innenstadt gibt, kann ich nachvollziehen und finde es gut.

SPIEGEL ONLINE: Operndebakel, Schlossaufbau, Kunst-Förderung: eine Menge anspruchsvoller Projekte. Als bekannt wurde, dass Klaus Wowereit Kultursenator wird, unkten viele: Wowi geht auf Partys, Schmitz zur Arbeit. Wie sieht die Realität heute, nach dem ersten halben Jahr Zusammenarbeit, aus?

Schmitz: Wir haben einen guten Konsens gefunden. Wowereit ist immer im Kulturausschuss, er ist intensiv in die Themen involviert. Und für einen Kulturstaatssekretär ist es gut zu wissen, dass wenn im Senat bestimmte Probleme angesprochen werden, man die Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters hat. Nehmen Sie die den Kauf zusätzlicher Flächen für das Technikmuseum. Schon seit den achtziger Jahren war geplant, das Grundstück zu erwerben, ich hätte das Geld im Kulturhaushalt gar nicht gehabt. Wenn der Regierende sagt, das ist sinnvoll, das wird jetzt gemacht, dann fließt Geld. Die Stimme der Kultur hat nun mal ein anderes Gewicht, wenn der Regierende Bürgermeister sie vertritt. Das konnten Sie erst jüngst bei der Beteiligung Berlins am Humboldt-Forum beobachten.

Das Interview führte Daniel Haas. Mitarbeit: Severin Weiland

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