Hegemann-Kommentar in der "FAZ" Dichter Grünbein plagiiert zum Plagiat

Mit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literaturdebatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt - und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben.

Dichter Grünbein: "Und wenn es so wäre?"
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Dichter Grünbein: "Und wenn es so wäre?"

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Eigentlich sollte in der Aufregung um "Axolotl Roadkill" schon alles gesagt sein und tatsächlich auch von jedem. Doch mit einer beinahe dadaistischen Plagiatsaktion hat der Dichter Durs Grünbein der ausufernden Diskussion noch einmal einen Höhepunkt gegeben. Er lieferte zur Plagiatsdebatte selbst ein Plagiat - und niemand merkte es.

Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vom Dienstag erschien ein Text, in dem Grünbein den Hegemann-Kritikern vorwarf, sie seien "sonderbare Persönlichkeiten" und hätten "sonderbare Vorstellungen" über Stoff und Dichtung, "sonderbare Gefühle" und "sonderbare Nerven" für die Eindrücke, die "sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!" Grünbein bejubelt in dem Text die "Inspiration einer großen Schöpferin", von der "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird".

Das war ein ganz und gar Grünbein-untypischer Sound, und der tägliche Feuilleton-Dienst "Perlentaucher" lästerte prompt: "Wes Herz der Liebe zur jungen Literatur voll ist, des Zunge quillt oder schwillt oder, na ja." Auch in den Kommentaren im "FAZ"-Online-Forum löste der Text eine rege Debatte aus: "Himmel, welch ein dürftiger Kommentar des Herrn Grünbein. Im Grunde will er uns wohl in verschwurbelter Sprache sagen, der Zweck heilige die Mittel", regte sich ein User auf.

"Der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen"

Doch was da unter dem Namen Grünbein in der "FAZ" erschien, ist auf ganz andere Weise der Kommentar des Dichters zur Debatte. Nach SPIEGEL- Informationen ist dieser Grünbein-Text über das Plagiat selbst ein Plagiat.

Der Originaltext, den Grünbein offenbar nur aktualisierte und in dem er ein paar Namen änderte, ist von Gottfried Benn und erschien in den zwanziger Jahren in der "Vossischen Zeitung". Benn verteidigte damals die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen Plagiatsvorwürfe zu ihrem Roman "Das verlorene Kind". Auch der erschien damals - wie heute Hegemanns Buch - im Ullstein-Verlag.

Grünbein sagte auf Anfrage nur: "Und wenn es so wäre?" - und verwies auf die "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Der Text stammt fast zu 99 Prozent von Gottfried Benn, auch der Titel 'Plagiat' ist von ihm." Die Idee zu der Aktion habe Grünbein gehabt. "Er wollte damit der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen."

Im "FAZ"-Online-Forum war mancher auch schon auf der richtigen Spur gewesen: "Wird dies nun der endgültig letzte Kommentar zum Fall Hegemann sein? Jetzt spricht ein Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen." Einen kleinen Hinweis hatte die "FAZ" ihren Lesern offenbar selbst geben wollen. Die Überschrift zu Grünbeins Text erschien in doppelten Anführungszeichen: ""Plagiat"".



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
billy pilgrim 23.02.2010
1. Der Autor ist tot...lang lebe der Autor!
Zitat von sysopMit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literatur-Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,679857,00.html
Grandios! Endlich wird die Debatte zu dem was sie sein sollte: Eine Auseinandersetzung um Poetologie. Die Schlüsselfrage zu Hegemanns Roman - dies hat Florian Illies sehr schön in der letzten ZEIT beschrieben - ist nicht, ob sie plagiiert hat, sondern wie sie es getan hat. Verbirgt sich in ihrem Verfahren ein literaturwissenschaftlicher Mehrwert, so wie andere AutorInnen vor ihr bereits umarkierte intertextuelle Bezüge in eigenen Texten plaziert haben (Elfriede Jelinek, Thomas Mann...) - oder besitzt der Text diesen Mehrwert nicht? Darum sollte sich die Debatte drehen.
Björn Borg 23.02.2010
2. Ruhe bewahren
Zitat von billy pilgrimGrandios! Endlich wird die Debatte zu dem was sie sein sollte: Eine Auseinandersetzung um Poetologie. Die Schlüsselfrage zu Hegemanns Roman - dies hat Florian Illies sehr schön in der letzten ZEIT beschrieben - ist nicht, ob sie plagiiert hat, sondern wie sie es getan hat. Verbirgt sich in ihrem Verfahren ein literaturwissenschaftlicher Mehrwert, so wie andere AutorInnen vor ihr bereits umarkierte intertextuelle Bezüge in eigenen Texten plaziert haben (Elfriede Jelinek, Thomas Mann...) - oder besitzt der Text diesen Mehrwert nicht? Darum sollte sich die Debatte drehen.
Sie haben hoffentlich Ihre Blutdrucktabletten eingenommen!?
GWM, 23.02.2010
3. ttt
Zitat von sysopMit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literatur-Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,679857,00.html
Das Fölledong kreist um sich selbst. Lassen wir es kreisen, und Copycat Hegemann dahin verschwinden wo sie gehört: In der Versenkung.
hansmeisterdermeister 23.02.2010
4. Lachhaft ist diese Diskussion
Oh man wie kann man nur so einen Wirbel darum, machen dass eine Autorin ihr Werk von irgendjemandem abgeschrieben hat??? Wie viele Bücher,Texte und Geschichten existieren auf der ganzen Welt?? Wie soll man es da schaffen nicht von jemand anderem abzuschreiben? Auf Ideen kommen die Schriftsteller doch auch nur weil sie selbst etwas lesen und Teile davon weiterverarbeiten. Na und? Es wiederholt sich halt alles irgendwann mal, so viel kann man sich nicht aus dem Hirn saugen, das man hinterher sagen könnte sowas hats noch nie gegeben und keiner hatte vorher diese Ideen und ich habe auch von keinem auch nur ein Sätzchen abgeschrieben. Ich hab das Buch nicht gelesen, klingt nicht gerade spannend und natürlich gibt es eine Menge Bücher die ähnlich sind. Also was solls? Wenn Leute dieses Buch gut finden, hat es seine Daseinsberechtigung ob abgeschrieben oder nicht ist doch wirklich egal.
sam clemens, 23.02.2010
5. Man ...
... könnte meinen, Hegemann und Grünbein haben das gleiche Problem - ihnen fällt zu ihrem jeweiligen Thema nichts Eigenes ein.
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