Heidi Klums Modelshow Das magere Dutzend

Heidi Klum, eine der letzten Ikonen der Supermodelära, macht sich als Talent-Scout verdient. Einmal in der Woche moderiert sie nun auf ProSieben Deutschlands erste Nachwuchsshow für Mannequins - und profiliert sich erneut als Gallionsfigur teutonischer Disziplin.

Von Daniel Haas


Das Mädchen weint. "Ich bin voll die Mimose", sagt sie und wischt sich nach einer misslungenen Laufstegrunde die Tränen ab. Die Mimose, jenes zarte, empfindsame Gewächs, hat keinen Platz auf dem Exerzierplatz stundenlanger Schminksessions und Phototermine. "Kopf hoch, Nase hoch, und einfach weiter", erinnert sich Heidi Klum an die Anfänge ihrer Karriere. Im harten Modelgeschäft zählen Ausdauer, Disziplin, Belastbarkeit.

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Heidi Klum: Aus dem Leben eines Topmodels

Deshalb sind deutsche Mannequins so beliebt im Ausland. "Wenn man ihnen sagt, dass sie um fünf Uhr morgens ein Shooting haben, sind sie pünktlich und ausgeschlafen am Set", freute sich der Pariser Booker Jürgen Wagner in einem Interview. Die Aufgeweckteste von allen war immer schon Heidi Klum. Seit sie 1992 den RTL-Modelwettbewerb gewann und bei der begleitenden Show auf Deutschlands zweite Superblondine Thomas Gottschalk traf, war klar: die Bergisch-Gladbacherin hat das Zeug zum Weltstar. Zielstrebig marschierte sie über die Laufstege der Welt bis ganz an die Spitze. Neben Claudia Schiffer, Naomi Campbell und Linda Evangelista gehörte sie in den Neunzigern zum Club der Supermodels, heimste einen Werbevertrag nach dem andern ein (McDonald's, Otto, Douglas) und ist jetzt, nach zwölf Jahren, wieder dort gelandet, wo sie gestartet ist: im Fernsehen.

Dort moderiert sie seit gestern einmal pro Woche einen Schönheitswettbewerb, an dem 32 ausgesuchte Mädchen teilnehmen, die Sendung für Sendung gecoacht, gedrillt und ausgemustert werden, bis am Ende eine Siegerin zu "Germany's Next Top-Model" gekürt wird.

Das weinende Girl war eine der Aspirantinnen, die sich gestern den Traum vom Laufstegruhm gleich wieder abschminken konnten. So ging es 20 der Mädchen, die Klum für das Geschäft mit der Schönheit fit machen will. Übrig blieb ein mageres Dutzend, das nächste Woche in die zweite Runde (Photoshooting in New York) geht. Beim Auftakt mussten die Mädchen, viele kaum älter als 16, einen Laufstegtest absolvieren, sich im Bikini zeigen und zum Abschluss vor den Kumpels einer Duisburger Zeche eine Modenschau bestreiten.

Der Bergarbeiter als ultimative Verkörperung männlicher Schaulust: Die Inszenierung ließ keinen Zweifel offen, wo Klum und ihr Team die Voraussetzungen für eine Modelkarriere sehen. Dass Mannequins sich konsequent zum Objekt des Blicks entpersönlichen müssen, weiß jeder. Wenn aber eine Gruppe labiler Teenager in hautfarbenen Bodys in der Umkleidekabine einer Zeche bibbert, hat das Business sich eine neue emblematische Szene geschaffen. Mode im Untergrund, und wie immer geht es um Kohle.

Das weiß Klum besser als viele andere: Sie wurde vor dem 11. September zum Star, als Hedonismus noch kein Schimpfwort war und Werbung mit Topmodels für Mode- und Kosmetikkonzerne zum guten Ton gehörte. Heute haben die gespannte wirtschaftliche Lage und Konsumangst die Unternehmen vorsichtig gemacht.

Zwar belegt Klum im Ranking des internationalen Markenwerts mit 28,3 Millionen Euro immer noch Platz drei, nach Newcomerin Julia Stegner (36,5 Millionen) und Spitzenreiterin Karolina Kurkjova. Doch genau das ist auch ein Problem: In der Öffentlichkeit dominieren nach wie vor die Veteranen die Szene; hinzukommen Kino- und Popstars, die auf die Titelseiten der Modemagazine drängen. Es herrscht also Nachwuchsmangel, nicht unbedingt an Couture-Hungerhaken, sondern an Werbeträgerinnen, die sich vielfach einsetzen lassen.

Klum erweist mit ihrer Show deshalb gleich mehreren Branchen einen Dienst: dem Sender, der um die Show einen lukrativen Mix aus Kosmetikspots platzieren kann; der Agenturszene, die, abhängig von den Launen der Top-Designer und Fotografen, zunehmend die Übersicht verliert und hier schon einmal den amtlich getesteten Nachschub inspizieren kann.

Und nicht zuletzt erteilt sie der deutschen Fernsehnation eine weitere Lektion in Sachen teutonischer Selbstdisziplin. "Wer hält es aus? Wie beißen die sich durch?" Das sind die zentralen Fragen, die die ehemalige Victoria's-Secret-Ikone stellt. Mit Nachlässigkeit jedenfalls nicht: "Du hast eine Null-Bock-Einstellung. Du brauchst aber eine Bock-Einstellung!", erklärt Klums Beauty-Coach einer missmutigen Schönen.

Die Bock-Einstellung ist natürlich nicht nur in Modelkreisen, sondern landesweit gefragt. Im pragmatischen Klima der Nach-Rot-Grün-Ära heißt es Ärmel hochrollen, mitmachen, nach vorne schauen. Wer könnte diese Idee besser verkörpern als Klum, die demnächst für eine WM-Kampagne zur Verfügung steht und neben dem stressigen Beauty-Geschäft auch noch liebende Mutter zweier Kinder ist. Wenn sie mit ausgeprägtem Familiensinn und einer effizienten Mischung aus Humor und Strenge ihre Mädels gleich Töchtern für die Selbstvermarktung drillt, wird klar: Heidi Klum ist die Ursula von der Leyen der Modelszene.

"Je unsicherer die Welt wird, je mehr wir die negativen Folgen der Individualisierung spüren, desto mehr konzentrieren wir uns auf die Dinge, die wir überhaupt noch beeinflussen können", sagte die Familienministerin gerade in einem Interview mit der "Zeit". Der Körper liegt in diesen flexiblen, unüberschaubaren Zeiten immer noch ganz vorn, wenn es um Gestaltungsmöglichkeiten geht. "Du bist nicht zu dick, du musst härter werden, definierter", sagt Klum einem der Mädchen. Ihre Elevinnen gehen in eine andere Schule als jene, die Kate Moss besuchte: Nicht die glamouröse, enthemmte Eigendemontage steht hier auf dem Lehrplan, sondern die willentliche Selbstmobilisierung als lukrative Ware. Zum Heulen schöner Voluntarismus. Oder wie Klum in ihrem Ratgeber "Natürlich erfolgreich" schrieb: "Du musst es wollen, Baby!"





"Germany's Next Top Model". ProSieben, mittwochs, 20.15 Uhr



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