Heinz Bennent ist tot Trauer um einen bescheidenen Bühnengiganten

Er hätte sich nie als Star bezeichnet, aber er war eine der wichtigsten Film- und Theatergrößen des 20. Jahrhunderts: Heinz Bennent, Kinoschauspieler  in Truffauts "Die letzte Metro", Bühnengigant als Don Carlos, ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Schauspieler Bennent (2001): "Ich finde mich nie gut"
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Schauspieler Bennent (2001): "Ich finde mich nie gut"


Lausanne/Berlin/Hamburg - Heinz Bennent wäre wahrscheinlich viel zu bescheiden, um sich als Star zu bezeichnen, aber es gibt wohl kaum einen deutschen Schauspieler, der sich mit wenigen Mitteln eindrucksvoll auf Bühne oder Leinwand zu inszenieren wusste. Bennent arbeitete mit Regie-Größen wie Ingmar Bergman, Klaus Michael Grüber, Volker Schlöndorff und Dieter Dorn - hielt sich aber, wenn es ging, gerne abseits des großen Ruhms. Rampenlicht auf der Bühne war in Ordnung, Blitzlichtgewitter musste nicht sein.

So passt es, dass Heinz Bennent besonders eindringlich Außenseiter, Einsame und Sonderlinge verkörperte: Mit seinen mehr als 150 Rollen für Theater, Film und Fernsehen erwarb er sich den Ruf eines großen Künstlers. Am Mittwoch ist Bennent nun im Alter von 90 Jahren in Lausanne gestorben, wie das Berliner Renaissance Theater unter Berufung auf Bennents Familie mitteilte.

Einen seiner größten Erfolge feierte er in Francois Truffauts Meisterwerk "Die letzte Metro" (1980) als ein von den Nazis verfolgter jüdischen Theaterdirektor in Paris. Weitere wichtige Filme waren "Das Schlangenei" (1977) von Ingmar Bergman und "Im Jahr der Schildkröte" (1988) von Ute Wieland. Bennent wirkte in zahlreichen französischen Film- und Fernsehproduktionen mit und war zeitweise in Frankreich populärer als in Deutschland.

Besonders eindrücklich in Erinnerung sind die gemeinsamen Auftritte mit seinen ebenfalls schauspielernden Kindern Anne und David Bennent. Mit seinem 1966 geborenen Sohn stand er schon in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Günter Grass' "Blechtrommel" (1978) vor der Kamera: Vater Heinz als der seltsame Gemüsehändler Greff und Sohn David als kleinwüchsiger Trommler Oskar Matzerath. Seine letzte Kinorolle spielte Bennent vor zehn Jahren in der Verfilmung des Ingrid-Noll-Krimis "Kalt ist der Abendhauch". "Film kann jeder", sagte er damals in einem Interview. Denn darin gehe es nicht um Spielen, "im Film muss man sein - man selbst sein."

"Ich bin ein Prinz!"

Trotz der Film- und Fernsehrollen blieb die Theaterarbeit für den gebürtigen Nordrhein-Westfalen das Wahre: "Auf der Bühne habe ich alles in der Hand. Dort bestimme ich den Rhythmus", sagte er einmal. Er trat an vielen namhaften Theatern von Basel über München bis Hamburg auf, allerdings ohne sich an einem Ort auf Dauer zu etablieren. Ein Triumph wurde die Inszenierung von Samuel Becketts "Endspiel" (1995) in Lausanne mit Sohn David als Partner - eine in ganz Europa umjubelte Tournee.

Zuletzt ging er mit einer Lesung von Friedrich Hölderlins Briefroman "Hyperion" auf Europatour. "An Hölderlin kann man ein Leben lang arbeiten, bis man das Wesentliche trifft. Für mich sind große Texte und große Autoren eine Beglückung."

Bennent, der eigentlich Heinrich August heißt, wurde am 18. Juli 1921 in Stolberg bei Aachen geboren. In dem kleinen, laut Bennent katholischen Dorf wuchs er als jüngstes von sechs Kindern eines Buchhalters auf. Er erzählte einmal, nach einer Schulaufführung habe er im Bett gelegen und gedacht "Ich bin ein Prinz! Das war ein Moment so reinen und grenzenlosen Glücks, wie ich ihn vielleicht nie mehr erlebt habe."

Aus der Hitler-Jugend wurde er wegen "mangelnden Gehorsams" ausgeschlossen. Er sei "äußerst allergisch gegen Autorität", erklärte er einmal. Aus einer von den Eltern erzwungenen Schlosserlehre rettete er sich 1940 mit einem freiwilligen Einsatz beim Bodenpersonal der Luftwaffe. Dort spielte er in der Freizeit mit Kameraden Theater.

Nach dem Krieg nahm er Schauspielunterricht und begann seine Bühnenlaufbahn am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, wo er als Don Carlos debütierte. Es folgten mehr als 20 Stationen. Bennent feierte Erfolge in Inszenierungen von Hans Lietzau, Ingmar Bergman, Klaus Michael Grüber und Dieter Dorn, spielte auch auf Bühnen in Frankreich und bei den Salzburger Festspielen. Besonders gefeiert wurde er in "Don Carlos", "Die Nacht des Leguan", "Hedda Gabler" und "Betrogen". Auch Per Olov Enquists "Aus dem Leben der Regenwürmer" in einer Inszenierung von Ingmar Bergmann und die Uraufführung von Botho Strauß' "Besucher" (1988) gehören zu seinen größten Bühnenerfolgen. "Von Aischylos bis Beckett habe ich die Weltliteratur gespielt", sagte er.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann würdigte Heinz Bennent am Mittwoch als "großen deutschen Charakterschauspieler". Bennent habe das Kino mit herausragenden und unvergessenen Filmen bereichert. Auch denkwürdige Theaterinszenierungen seien mit seinem Namen verbunden. "Theater und Deutscher Film sind um einen einzigartigen Künstler ärmer geworden", so Neumann.

Ein Kritiker schrieb einmal: "Heinz Bennent spielt von unten nach oben, von innen nach außen. Die Figuren, die er verkörpert, haben auf wehtuende Weise Manieren und Contenance. Sie benehmen sich tadellos, aber es sind Wölfe, auf deren Schafspelz allein Verlass ist."

Bennent lebte mit seiner nach Angaben des Berliner Renaissance-Theaters inzwischen verstorbenen Frau, der Tänzerin Paulette Renou (Künstlername: Diane Mansart) abwechselnd in ihrer Heimatstadt Lausanne und auf einem nahegelegenen Bergbauernhof.

Im Interview mit dem SPIEGEL sagte Heinz Bennent einmal, er habe kein "Talent zur Selbstzufriedenheit": "Ich gehöre auch zu der Sorte von Schauspielern, denen es unbehaglich ist, sich selbst auf der Leinwand zuzuschauen. Ich finde mich nie gut."

bor/dpa/dapd



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