S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Der Sex der Anderen

Verfluchter Sommer: Durch geöffnete Fenster werden wir Zeugen der Liebesspiele fremder Leute. Die Stadt ist voll von Verbalakrobatinnen, Sex-Orchestern und Kollektivstöhnern. Da bleibt nur die Forderung nach neuen Lärmschutzmaßnahmen.

Sommerliche Sexaktive!

Menschen, die mich kennen, wissen, ich höre Phantomsexgeräusche. Ich höre Sex, wo keiner ist. Vor allem in Hotels. Ich habe mich mal mit einen Mann unterhalten, der hört in Hotels Phantomduschen. Kaum liege er im Bett, vernimmt er, dass in einem der angrenzenden Zimmer die Brause aufgedreht wird. Was ihn um den Schlaf bringt.

Ich höre - wie gesagt - Sex. Das aber vor allem morgens. Insbesondere, wenn vor dem Hotel ein Teich ist, auf dem schnatternde Enten schwimmen oder alte Hunde in der Nähe leben, deren altersschwaches Bellen kaum mehr über ein Krächzen hinauskommt, missdeute ich die Geräusche. So groß ist meine Befürchtung, Leuten beim Liebesakt zuhören zu müssen, dass die befürchteten Laute nach dem Prinzip des vorauseilenden Gehorsams in mein Ohr kriechen.

Nun ist wieder Sommer und meine Befürchtung beschränkt sich nicht auf Orte, an denen man fürs Schlafen zahlen muss. Sondern erweitern sich auf das städtische Zusammenleben. Dicht an dicht stehen Häuser, deren Fenster jetzt nachts geöffnet sind. Manche sperrangelweit. So muss man bei jedem nächtlichen Spaziergang, bei jedem Glas später Brause auf dem Balkon fürchten, Zeuge des Treibens zu werden, das sich bei YouPorn in allen Variationen betrachten lässt und dem zuzuhören ebenso befremdlich ist, wie der Drang seine Ausschweifungen ins Netz zu stellen.

Die Frau stöhnt, ihre Nachbarn auch

Vor ein paar Jahren sah ich mich gezwungen, einen Zettel ins Nachbarhaus zu hängen, der mit den Worten "Liebe laute Frau!" begann und der meine Bewunderung für ihr Durchhaltevermögen und die Mannigfaltigkeit ihrer Expressionsmöglichkeiten zum Ausdruck brachte.

Einem Orchester gleich, schien die Dame in der Lage, unterschiedlichste Instrumente zum Klingen zu bringen und verschiedenste Stimmungen, Lenkungsappelle und Tempi in kürzester Zeit abwechseln zu lassen, so dass sich der Nachbarschaft nachts um eins eine abwechslungsreiche, in allen Stufen der Intensität und mitunter herausgeschriene Verbalsexkomposition darbot. Eine Komposition, die sich dergestalt im Gang zwischen zwei Häusern fing, dass ich mich ehrlich gesagt genötigt sah, zwei Zettel aufzuhängen, da eine Zuordnung, in welchem Haus die Dame sich so freudig erregen ließ, nicht zu treffen war.

Freunde nannten mich spießig, aber ich brauchte meinen Schlaf. Und: Ich war neugierig. Zu gern wollte ich wissen, wie die Verbalakrobatin aussieht, aber obschon ich in meiner schriftlichen Bitte um akustische Schutzmaßnahmen meine Neugier ansprach und meine Adresse und Telefonnummer beigab, hatte sie leider keine Lust oder Zeit, sich zu melden.

Eine Ente ruft nicht: "Ja, ja, fester!"

Entscheidend für den Schritt, um Lärmschutzmaßnahmen wie etwa das Schließen des Fensters zu bitten, war jedoch die Wirkung, die das Akustiktreiben hatte: Es riss den Damm der Hemmung und Zurückhaltung ein. Kaum hatte die Frau geendet, kaum war das letzte weibliche Tremolo verklungen, erklang aus einer anderen Häuserecke die ungezähmten Ausstöße weiblicher, sexueller Begeisterung. Dass ich in meinem Wunsch nach Schlaf nicht unter Phantomgeräuschen litt, ist unumstritten. Weder Enten noch Hunde rufen: "Ja, ja, fester!"

Jetzt war es wieder so weit. Ich hatte gestern Morgen um halbzehn auf dem Weg zum Wochenmarkt den hübschen Einfall, einen alten Hinterhof anzuschauen. Historische Arbeiterhäuser stehen hier, eines neben dem anderen. Meine Freundin war bei mir. Wir schauten uns um und lobten den hübschen Anblick, als in der Höhe komische Geräusche erklangen. An Tauben erinnerten die kehligen Laute. Eigenartigerweise hörte die Taube aber nicht mehr auf. Und zu sehen war sie auch nicht. Nur weitgeöffnete Fenster. Langsam kam die Taube in Ekstase. Oder aber: Der Vogel ist echt und leidet an einer ernsthaften Erkrankung der Atemwege.

In meinen sehr jungen Jahren bin ich grundsätzlich nur allein ins Theater gegangen - Ende der achtziger Jahre hatten es sich die Regisseure zur Aufgebe gemacht, selbst Lessings "Emilia Galotti" mit eindringlichem Beischlaf auf die Bühne zu bringen. Heute würde ich gern ab und zu mal an einem Sonnabendmorgen einen Hinterhof angucken, abends auf dem Balkon sitzen oder durch die Straßen gehen, ohne zum Publikum eines Aktes zu werden, der mich unangenehm berührt, weil ich meine, dass er mich nichts angeht.

Entsprechend klar ist meine Vorstellung der Helden der Gegenwart in der Sommerzeit: Es sind jene Menschen, die beim Bumsen die Fenster schließen. Danke fürs Verständnis!

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Silke Burmester

Facebook