S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Der Selbsthass der Deutschen

Helfen ist gut, helfen ist edel. Aber warum haben die Menschen das nicht schon lange vor dem Eintreffen der Geflohenen getan?

Eine Kolumne von


Erinnern sie sich eigentlich an die DDR? Also weitergehend als: Tag der Einheit, Neonazis, alle reden sächsisch? Der fundamentale Freudentaumel, das: Schwestern und Brüder an sich zu drücken, sich neugierig am Kanonenofen die letzten 30 Jahre zu erzählen, Ost-West, die großartigen Wenderomane, Filme, Musicals, gab es nicht. Das Leben der Anderen. Okay, der hat es nach Hollywood geschafft. Aber sonst? Will doch keiner wissen. Die Maueröffnung bedeutete für die meisten: Nach einem Tag erregt Fremde mit Bananen Füttern merkten die Deutschen aus beiden Systemen: Schau an, die sind ja irgendwie genauso scheiße wie wir.

Da haben wir es wieder - viele Biodeutsche, ein Wort wie Steckrübe, kennen, die eigene Herkunft betreffend, nur Gefühle, die zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex hin- und herschnellen wie Flipperkugeln. Das Volk mag sich nicht, es ist nur zusammen laut, um die Abscheu voreinander nicht zu hören. Deutsche vergruppen sich meist nur im Ausland. Wenn sie umgeben sind von Leuten, die ihnen noch unangenehmer sind als sie selber: Ausländer. In den vergangenen Jahrzehnten schien die Autoaggression der Bevölkerung unter Kontrolle. Sie zeigte sich in restweltkompatiblem Maß in Zaunkriegen und in ein wenig Rechts-links-Demoausschreitungen, in Hooliganexzessen und im Leserbriefschreiben.

Doch gerade erleben wir das typische Schnellkochtopfprinzip. Ein kleiner Fehler im Getriebe fliegt dem Land um die Ohren. Es wird sich offen verachtet. Angeschrien, angepöbelt, gehasst. Und es ist, als ob Menschen ihr Spiegelbild ohrfeigen.

Es hätte auch früher einiges zu tun gegeben

Die Deutschen waren Charlie, sie waren Paris. In Istanbul wurden zehn - oder sind es unterdessen elf - Deutsche ermordet, es scheint keinen zu interessieren. Nicht einmal die übliche einwöchige Medienhysterie findet statt. Es sind nur Deutsche. Mit grauen Haaren. Wie der Nachbar. Was all diese wirren Beobachtungen mit Selbsthass zu tun haben, ist nun die Frage, die ich wissenschaftlich beantworten möchte. Betrachten wir also die im Moment stark ausgeprägte Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung.

Die eine Fraktion hilft Flüchtlingen, die andere will den Frauen helfen. Und den Armen. Den Hartz-IV-BezüglerInnen. Sie drehen fast durch, vor Sorge um die Armen und die Frauen, und die Flüchtlinge, und das ist so angenehm. Wer hätte gedacht, dass so viel Gutes in der als etwas unterkühlt geltenden Nation wohnt? Alle sind irgendwie geeint in Nächstenliebe, und das ist sehr gut, warmherzig, und nur eines ist nicht zu verstehen. Warum haben die Menschen das nicht schon lange vor dem Eintreffen der Geflohenen getan? Dieses seltsame: Helfen? Sich sorgen?

All jene, die jetzt um andere Menschen besorgt sind, hätten schon seit Jahren Gelegenheit gehabt, sich um die Geknechteten zu kümmern. Hätten mit den Feministinnen kämpfen, sich gegen Gewalt engagieren können. Es hätte viel zu tun gegeben, tolle Klubs für traurige Kinder, Spiel und Spaß, Bildung und Engagement für und mit zugezogenen überforderten Jugendlichen. Hilfe für Obdachlose, in Not geratene Alleinerziehende, ohne den Einsatz und die Fürsorge der Menschen heute infrage zu stellen, es hätte auch früher einiges für mitfühlende Menschen zu tun gegeben. Warum haben so viele erst jetzt ihre Hilfsbereitschaft entdeckt? Warum ist helfen interessanter, wenn es sich nicht um Schutzbefohlene handelt, die bereits in Deutschland leben?

Verblüfft mögen Sie jetzt über der hochkomplizierten Logik dieses Gedankenganges innehalten. Dann leise nicken und murmeln: Stimmt, so habe ich das noch nie gesehen. Vielleicht ist es ein wenig Selbsthass. Der nächste Schritt, denn Texte verändern nachweislich die Welt, wird vermutlich sein, dass alle vereint als ein Volk der gütigen Menschen auf den winterlichen Straßen Notleidenden helfen, Flüchtlingen, Deutschen, die gegen sexuelle Gewalt kämpfen und für mehr Gerechtigkeit ohne Ansehen der Rasse. Sich gegenseitig stützend und zuhörend, einander verstehend, endlich geeint. In dem Bewusstsein, dass das Leben zu kurz ist, um neben allen anderen auch noch sich selber zu hassen. Amen, man.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
pumpernickl1811 06.02.2016
1. ja stimmt, interessant
aber warum ist das so? Gilt das nur für Deutsche oder auch für andere Nationalitäten? Sie hätten das ruhig etwas weiter ausführen können.
rantzau 06.02.2016
2. Danke
mein Credo. Ich arbeite seit 20 Jahren mit Flüchtlingen, vollbezahlt und ausserhalb Deutschlands. Bei Heimatbesuchen war das Interesse an meinem Beruf zero. Was ich nicht schlimm finde, denn wie gesagt, ich war ausserhalb Europas. Allerdings fand ich es schon seltsam, daß erst als die Leutchen hier eintrafen, auf einmal so ein Hype enstand. Und vor allem, habe ich das Gefühl, vielen Menschen ging es eher um sich denn um die Sache. In der Kirche redete die Pastorin von Flüchtlingen, während das arme Rentnermütterchen in der Bank saß. Alles, was ein bisschen warnte (auch ich und meine Kollegen) musste aufpassen. Die "Flüchtlinge" sind zum grössten Teil perspektivsuchenden Migranten. Überall in den Talkshows sassen wütende LAGESO Kritikerinnen (meistens weiblich und sehr radikal, und Soialarbeiterinnen), es wurde achtlos am Penner,vorbeigestürmt. Refugees Welcome. OIch finde und fand das grottig. Kein Land würde so seine eigenen Schwachen vernachlässigen und sich auf Neuankömmlinmge stürzen.
1qwert1 06.02.2016
3.
Ein wirklich guter Artikel und interessante Betrachtungsweise. Allerdings stört mich erneut der Begriff "biodeutsch" massiv. Sorry, aber ich empfinde ihn als zutiefst menschenverachtend.
frank2013 06.02.2016
4. willkommen bei uns selbst !
Wir haben ein narzistisches Selbstbild von uns und immer noch einen reflexhaften Nachkriegskomplex. Wir lieben uns selbst, weil wir ja so gut sind und hassen den Nachbarn, weil er ja ein Nazi ist, dabei wohnt in jedem von uns ein kleiner Blockwart. Wir sehen in uns den Samariter, der dem Fremden hilft, aber der Nachbar ist ein Loser, wenn er es nicht geschafft hat. Ich wohnte in der Ausbildung bei bürgerlichen Leuten, Akademikern, in Berlin. Als der Irakkrieg lief, wurde ein weißes Laken rausgehängt und als ein amerikanischer Offizier aus der Nachbarkaserne kam, eine amerikanische Flagge, im Urlaub in Südfrankreich war man selbstverständlich in einer Ecke des Campingplatzes nur mit einheimischen Franzosen zusammen, selbstverständlich. Im Zusammenhang mit einer Flüchtlingsdiskussion auf dem Sender Phönix äußerte sich irgendein Professor über die Deutschen am unteren Rand, an die der Moderator erinnerte, worauf der Prof.entgegnete, die könne man nicht in den Arbeitsmarkt integrieren, weil sie von der Quaifikation her nicht zur hochtechnisierten Wirtschaft passten, ach so? Das wird ja besser, weil man ja Flüchtlinge, die nicht mal die Sprache sprechen und oft keinen Abschluss haben, qualifizieren kann. Es ist richtig, im Moment giften wir uns alle an, weil das Fremde ja so viel besser ist, als wir. Ausländer merken diesen Selbsthass und verachten uns dafür. Sie verstehen das nicht und meinen, wir würden uns immer wieder in die Ecke drängen lassen. Ein türkischer Museumswärter sagte mir kürzlich, dass die Deutschen immer für alles zahlen müssen und in die Ecke gestellt werden. Ausgerechnet ein gedemütigtes, sich vor Schuld verzehrendes Volk, dass es bis heute es nicht schafft, sich selber zu achten und zusammenzuhalten, sieht im Fremden die Medizin gegen sich selbst, eine Gewaltbehandlung, die nach hinten los geht. Man kann dem Fremden nur auf Augenhöhe begegnen, wenn man zu sich selbst steht. Wieso hat die ganzen Jahre kaum jemand daran gedacht, Kinder in unseren prekären Familien zu unterstützen, etwa durch Vorlesen, Nachhilfe, Musik etc, Jugendämter schauten bei Misshandlungen weg, nicht aufgearbeitet sind die Missbrauchsfälle in den Internaten und Kirchen,Schulen verrotten, um ausgegrenzte Jungnazis in vielen Regionen hat sich kein Schwein gekümmert, statt zu versuchen, sie mit Nachschulungen, Sportangeboten, Handwerkswerkstätten mit diversen Angeboten etc etc. mit geeigneten Sozialarbeitern aus der ehemaligen Szene zurückzuholen.Es gibt zu wenig Stiftungen für Benachteiligte aus unserer Gesellschaft, aber beim anderen machen wir es ja besser.Deutschland, wir sind noch nicht reif für neue Experimente, das wird - nochmal - nach hinten losgehen, solange wir noch nicht unsere Mitte gefunden haben und lernen, dass die Achtung vor dem Fremden den Respekt uns selbst gegenüber und untereinander voraussetzt.
rheinläufer 06.02.2016
5. Verbinden statt spalten!
Was für eine verquere Meinung. So werden die Probleme und Phänomene nur herbei geredet. Und die Bevölkerung wird weiter gespalten. Vielmehr wäre es jetzt Aufgabe des Journalismus, Brücken zwischen den Lagern zu bauen!
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