Helmut Lang als Künstler Ein Meister der Coolness sieht schwarz

Bekannt wurde Helmut Lang als Lieblingsschneider der Intellektuellen und Kreativen - in Hannover präsentiert er sich jetzt als Künstler. Auf seiner ersten großen Ausstellung zeigt der Meister des "Minimal Chic" Karges und Düsteres: monochrome Bilder und Montagen aus Fundstücken und Teer.


Hannover - "Ich wollte Künstler werden, aber ich hatte zu großen Respekt davor", das sagte Modemacher Helmut Lang im Jahr 1998. Jetzt, knapp zehn Jahre später, scheint die Ehrfurcht geschrumpft. 1999 verkaufte er den Hauptteil seines Labels an die Prada Group verkauft, 2005 hörte er auf als Designer zu arbeiten, und jetzt hat er seinen ersten großen Auftritt in einer neuen Profession: als Künstler.

Seine Schau in der Kestnergesellschaft ist das spektakulärste Element eines 1,3 Millionen Euro teuren Projekts in Hannover, zu dem sich – bisher einmalig in der deutschen Kulturlandschaft - zehn Museen und Kulturinstitutionen zusammenfanden. Zwar klingt das Motto "Hannover Goes Fashion" vor allem nach dreistem Städtemarketing; die zehn Ausstellungen zu "Kunst und Kultur der Mode" formieren sich aber zu einem amüsanten Parcours.

Was sich Veit Görner, Direktor der Kestnergesellschaft, für sein Haus ausgedacht hatte, funktionierte allerdings erst einmal nicht: Er wollte Helmut Lang als den Modemacher präsentieren, der die Mode der neunziger Jahre im Geiste des Minimal Chic geprägt und mit seinen Dekonstruktionen die Brücke zur bildenden Kunst geschlagen hat. War Jil Sander die "Queen of Less", so war Lang der "King of Less", und Kreative wie Intellektuelle hatten den "Vater der Coolness" zu ihrem Lieblingsschneider erwählt.

Doch Görners Anfragen im Büro des in New York und auf Long Island lebenden Lang blieben erfolglos: Mode käme nicht in Frage, Lang sei jetzt Künstler. Und obwohl der eigensinnige Österreicher bis jetzt lediglich in einem kleinen Projektraum in Williamsburg ausgestellt hat, erlaubte Görner Langs erste wirkliche Show im neuen Metier.

Und Lang legte sich mächtig ins Zeug. Er suchte sich selbst einen Sponsor, schaltete Anzeigen in zehn internationalen Kunstzeitungen und dachte sich ein fein ziseliertes Ausstellungskonzept aus. Nur nach Hannover kommen, das wollte er nicht. Weder zur Vorbesichtigung der eigenwilligen Ausstellungsräume in einem ehemaligen Hallenbad, noch zum Aufbau und auch nicht zur Eröffnung.

Helmut Lang sieht die Ausstellung nur virtuell

Kurzum: Lang ist scheu. Schließlich hatte er die persönlichen Auftritte auf den Catwalks auch nie geliebt. Und im Jahr 2000, als ihm einer der begehrten American Fashion Awards in Uptown New York verliehen werden sollte, erschien er einfach nicht. Während die damalige "Interview"-Chefredakteurin Ingrid Sischy stellvertretend seinen Preis entgegen nahm, tat er Downtown vermutlich dasselbe wie sonst: arbeiten.

In die hannoverschen Ausstellungsräume hat er sich nur anhand von Plänen und Modellen eingedacht. Bei der Installation war er virtuell vor Ort: über die in den Sälen installierten Webcams und lange Telefonate mit den Kuratoren. Trotzdem ist eine Ausstellung entstanden, die mit viel Gefühl für die Räume und die genaue Positionierung der Objekte arrangiert ist.

Eine Videoprojektion imprägniert den Betrachter gleich am Eingang mit dem, wofür der Name Helmut Lang in den vergangenen Jahren stand: Bilder seiner Modeschauen huschen über eine verspiegelte Plexiglaswand, so dass sich das Bildnis des Betrachters ins vielfach gespiegelte Schemenspiel der traumschön daherstelzenden Models mischt, während ihn ihre Blicke dann und wann flüchtig streifen.

Doch dann wird's karg, als wolle der einstige Modemagier demonstrativ allem verführerischen Tand entsagen. Monochrom schwarze Bilder, düster wirkende Objekte aus Fundstücken und Teer, ein Maibaum aus PVC-Rohren und rostigen Drahtkränzen. Der aber ist nicht wie sein volkstümliches Vorbild als viriles Zeichen senkrecht in die jungfräulich frühlingshafte Erde gerammt; er hängt stattdessen, von Latten gestützt, nur halb aufgerichtet schlaff im Raum herum.

Am eindrücklichsten wirken drei kleinere Wandarbeiten. Die von Stahlschienen gehaltenen Gummistücke sind Puffer, wie sie an Laderampen vor Kollisionen schützen. Als Skulpturen sehen sie aus, als hätten die Minimal-Künstler Donald Judd und Robert Morris gemeinsam Hand angelegt.

Schichtungen, Übergänge und Verletzbarkeit sind Motive, die sich durch die Ausstellung ziehen. Grübelnd, tiefgründig, treibt hier einer Minimal Art mit den Materialien der Arte Povera, als habe er vom Clean Chic seiner Mode zu einem Shabby Chic der Kunst gefunden. Eine klar konturierte, eigenständige Position präsentiert sich hier aber noch nicht. "Alles gleich schwer" hat Lang die Schau genannt. Vielleicht aber ist Kunst, zumindest am Anfang, doch etwas schwerer.

Helmut Lang: "Alles gleich schwer", Kestnergesellschaft, 31. August bis 2. November



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