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Henning Mankell: Krebs als öffentliche Angelegenheit

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Henning Mankell (hier 2010): Die Perspektive des Lebens einnehmen Zur Großansicht
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Henning Mankell (hier 2010): Die Perspektive des Lebens einnehmen

Das Private ist öffentlich. Eines der letzten Tabus ist gefallen: Die mediale Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit, wie sie nun auch der an Krebs leidende Henning Mankell betreibt - doch die entscheidende Frage bleibt außen vor.

Henning Mankell hat Krebs. Das hat er nun in einer schwedischen Zeitung öffentlich gemacht. Fast scheint es, als wolle er sich für diesen Schritt rechtfertigen: Es sei ein Leiden, das viele betrifft, so Mankell, er aber wolle darüber in seiner Kolumne nicht aus der Perspektive des Todes schreiben, sondern aus der des Lebens. Ein nobles Unterfangen, angesichts dessen man ihm alles Gute wünschen möchte - und bei dem man doch nicht umhin kommt, ein Wort mitzudenken, das mit dem Wort Krebs nicht nur den Anfangsbuchstaben gemein hat: Kampf.

Sobald von Krebs die Rede ist, ist auch die Rede vom Kampf. Wer kämpft gegen Demenz, wer gegen den Schlaganfall oder einen Herzinfarkt? Gekämpft wird gegen den Krebs.

Wenn Mankell sich vornimmt, über seine Krankheit aus der Perspektive des Lebens zu schreiben, hat auch er diesen Kampf aufgenommen. Und gerade, weil Krebs, wie Mankell schreibt, ein Leiden ist, das viele betrifft, wird auch sein Kampf große Aufmerksamkeit erfahren. Doch mit welchem Ende?

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Todesverdrängung. Das Sterben findet mittlerweile fast unsichtbar statt: Nicht mehr in der Familie, sondern in Hospizen und Palliativstationen. Je mehr sich die moderne Gesellschaft säkularisierte, desto mehr hat sie auch ihre Augen verschlossen vor jener einzigen Gewissheit, die das Leben bietet: dass an seinem Ende der Tod steht. Wer nicht mehr ans Jenseits glaubt, ist geradezu verdammt dazu, für die ewige Jugend zu kämpfen, sei es mittels Kosmetik, Sport, Ernährung oder positiven Denkens. Was, wenn am Ende die Krankheit doch ausbricht wie ein Vorbote des Todes, womöglich sogar in ihrer weithin gefürchtetsten Form, Krebs - ist dann der Betroffene selbst Schuld?

Susan Sontag hat in ihrem berühmten Essay "Krankheit als Metapher" diese Ansicht aufgegriffen: Krebs entstehe auch, weil die Betroffenen ihre Gefühle nicht ausgelebt hätten. Wer hätte angesichts dessen über seine Krankheit gesprochen? Krebs war, noch mehr als der Tod, ein Tabuthema, befrachtet mit Ängsten, der fast irrationalen Vorstellung vom Fluch dieser Krankheit, die eher an die Dämonen des Mittelalters erinnert, als an die eigentlich nüchterne Moderne.

Das Private ist währenddessen öffentlich geworden. Nicht nur im "Big Brother"-Container, in Internet-Videos oder den gern beschworenen sozialen Netzwerken verschwanden die Grenzen zwischen Inszenierung und Intimität. Zuletzt berichten die Medien sogar über das, was einstmals ein Staatsgeheimnis war: eine Liebesaffäre des französischen Präsidenten.

Auch die Krankheit als eines der wenigen, übrig gebliebenen Tabus der Gesellschaft ist von dieser Entwicklung erfasst. Ganz egal, ob ein Popstar wie Kylie Minogue, ein Fußballtrainer wie Tito Vilanova oder ein Regisseur wie Helmut Dietl sein Leiden publik macht - Krebs hat sich zur öffentlichen Angelegenheit entwickelt. In Deutschland waren es, wie man sagt, "vor der Zeit", als vergleichsweise junge Menschen Erkrankte, die einen neuen, medialen Umgang mit Krebs befördert haben: Christoph Schlingensief, Jahrgang 1960, Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965.

Herrndorf erkämpfte sich, trotz einer niederschmetternden Hirntumordiagnose noch über drei Jahre Leben. Das Schreiben darüber - in seinem später als Buch veröffentlichten Blog "Arbeit und Struktur" - diente ihm dabei ganz offensichtlich als ein Mittel, die Krankheit, wenn nicht zu meistern, so doch zu beherrschen. Hätte die Öffentlichkeit an seinem Schicksal ebenso Anteil genommen, wenn er das bloße Siechtum beschrieben hätte und nicht vor allem die Auflehnung dagegen?

Der Kampf Herrndorfs mag letztlich aussichtslos gewesen sein. Entscheidend war, dass er ihn aufgenommen hat. Wer heute über Krebs spricht oder schreibt, versucht die Krankheit zu beherrschen. Eine Gesellschaft, die sich dieser Kommunikation öffnet, hofft, dass diese Beherrschung gelingt.

Henning Mankel ist gute Besserung zu wünschen, auch das Wunder einer baldigen Genesung. Wohl jeder ist glücklich, wenn ein Angehöriger seine Krebserkrankung überwindet, wenn sich eine Diagnose als Fehler herausstellt. Auch mag es tröstlich sein, vielleicht sogar förderlich für die individuelle Genesung, die Perspektive des Lebens einzunehmen.

Und doch werden wir, sollten wir irgendwann den Krebs beherrschen, feststellen müssen, dass wir den Tod nicht beherrschen können - und dass unsere Angst vor Krebs auch eine Angst vor dem Tod ist.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Diagnose Krebs, von Menschen erstellt.
coolvirgin 29.01.2014
Der Autor dieses Artikels beleuchtet viele interessante Facetten der Krankheit Krebs. Wobei ein Satz jedoch selten dämlich ist. O-Ton Hammelehle: Wer nicht mehr ans Jenseits glaubt, ist geradezu verdammt dazu, für die ewige Jugend zu kämpfen, sei es mittels Kosmetik, Sport, Ernährung oder positivem Denken. Nur wer selbst betroffen ist kann auch nur ansatzweise nachvollziehen, was Krebs bedeutet. Der religiöse unsinnige Hinweis auf ein Leben nach dem Tod nützt den Betroffenen ziemlich wenig.
2. Liebe coole Jungfer,
erich21 29.01.2014
da. scheint schlicht etwas an Ihnen vorbei gegangen zu sein. Der Autor konstatiert lediglich den Verlust der transzendten Perspektive, er beklagt ihn weder, noch fordert er eine solche religioese Perspektive ein. Er teilt lediglich die Beobachtung mit, dass sich in dervsaekularisierten Welt europaeischer Gegenwart, der Druck auf das Individuum unhemein erhoeht, mit dem unausweichlichen fertig zu werden. Die psychosoziale Last, die mit dieser Entwicklung ganz und gar beim Individuum landet, ist nicht zu unterchaetzen und bedarf mehr als lediglich kurz greifender Reflexe, denn die Endlichkeit unseres Daseins muessen alle fuer sich annehmen religioese wie saekulare Menschen! Wichtig ist, dass wir uns eine Kultur der Anteilnahme schaffen, sowohl fuer die akut persoenlich betroffenen, als auch fuer die, die ihnen nahe stehen.
3. so dämlich....
Degster 29.01.2014
ist der Satz gar nicht. Ich habe keinen Krebs aber ich weiß in was für ein Loch man fallen kann, wenn der Glaube an...... zusammenbricht und man anfängt, die Realität zu sehen. Plötzlich erkennt man: Geburt-Leben-Tod, nicht mehr nicht weniger! Dass da einige in Jugendwahn verfallen kann ich schon verstehen.
4. Kaempfen ? Wogegen ?
guelphite 29.01.2014
Ich habe auch Krebs. Mich stoert das Reden vom Kaempfen. Besonders die implizierte Annahme: wo die Therapie nicht hilft, fehlt der Kampfeswillen. Es gibt keinerlei Beweise dafuer, trotz vieler Behauptungen, dass die Einstellung zum Krebs einen Einfluss auf den Verlauf der Krankheit hat.
5. Sterberomantik
firenafirena 29.01.2014
Mir gefällt der etwas missbilligende Ton nicht, in dem auf die Tatsache hingewiesen wird,dass nicht mehr so viel zu Hause gestorben wird. Stärkste Schmerzen, Kämpfe, Übelkeit, etc. lassen sich in einem guten Hospiz oder auch in einer Klinik nun mal besser behandeln als zu Hause. Eine würdevolle Betreuung ist nicht von der Umgebung abhängig.
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