Darger-Ausstellung Monster in meinem Kopf

Henry Darger war Hausmeister in einem Krankenhaus. Niemand ahnte, was für eine fantastische Welt er in seiner Freizeit schuf: die Geschichte der Vivians in unzähligen Aquarellen und Zeichnungen. Jetzt wird sein Werk in Paris gezeigt.


Hinter Henry Dargers Fenstern im zweiten Stock eines Chicagoer Backsteinhauses war es abends oft lange hell. Dann drangen seltsame Stimmen aus der Wohnung. Einmal klopfte der Vermieter und mahnte, Besuch sei über Nacht nicht zugelassen. Kein Problem, antwortete der Sonderling dann, er sei allein. Wenig später aber war hinter der Tür seine warnende Stimme zu hören: "Ich sage dir ja: Sei nicht so laut!"

Wahrscheinlich hat Darger seinen Vermieter nicht getäuscht. Er lebte tatsächlich allein - und hatte den Besuch nur in seinem Kopf. Denn in seinen anderthalb Zimmern entfaltete sich ein Fantasiereich, das von selbsterfundenem Personal bevölkert war. Diese ganz verschiedenartigen Bewohner bannte er auf Papier. Jahrzehntelang ahnte niemand etwas von dem Werk des zeichnenden und schreibenden Krankenhaus-Hausmeisters. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1973 entdeckte Dargers Vermieter das gigantische Opus.

Henry Dargers Heldinnen waren die Vivians: sieben Mädchen, die er mit einem gigantischen Roman "The Story of the Vivian Girls in the Realms of the Unreal" in die Welt gesetzt hatte. In dem Roman führt der Mädchentrupp einen langen und grausamen Kampf um die Befreiung von Kindern, die von brutalen Männern tyrannisiert werden. Als kleiner Junge hat Darger selbst einige Jahre in einem Heim in Illinois verbracht, an das er sich mit sehr gemischten Gefühlen erinnert.

Darger hat die Handlung des Romans auch in 300 hinreißende Aquarellzeichnungen übersetzt. In der Kunstwelt wurden sie als Sensation gefeiert. Kürzlich gelangten 45 von ihnen durch eine Schenkung in den Besitz des Pariser Musée d'Art Moderne. Zusammen mit Leihgaben aus diversen Sammlungen werden sie ab Freitag dort ausgestellt.

Fantastische Kampf- und Massakrierszenarien

Henry Darger hat keine Ausbildung genossen, er stammte aus armen Chicagoer Verhältnissen. Er war nicht nur literarisch und künstlerisch außergewöhnlich begabt, er hatte auch ein besonderes Talent, Stimmen zu imitieren. Mal sprach er in seiner Kammer mit den Stimmen der Vivians, mal ahmte er die herrischen Laute der Schwestern in den Krankenhäusern nach, in denen er sich seinen Unterhalt verdiente.

Als Zwölfjähriger war er nach einer dubiosen Diagnose in das Heim "für geistig Minderbemittelte" gesteckt worden, hatte seelische und körperliche Misshandlungen erlebt. Die Eltern hatte er früh verloren. Begegnungen mit Menschen suchte er möglichst zu vermeiden. Lieber verstrickte er sich in Selbstgespräche, streifte in einem langen, abgetragenen Militärmantel durch die Straßen und durchflöhte die Mülleimer nach Dingen, die seine Fantasiewelt anregten.

Manchmal zog er Fäden aus dem Müll, verknotete sie und wickelte sie zu Wollknäueln auf. Vor allem aber sammelte er Gedrucktes, das sein Zimmer bald zustapelte. Aus diesem Stoff nährte er seine literarischen und bildlichen Welten. Die meisten Figuren zeichnete er nicht, sondern pauste ihre Konturen aus Anzeigen, aus Mal- und Kinderbüchern ab und fügte sie mit Kohlepapier in seine fantastischen Kampf- und Massakrierszenarien ein. Anschließend kolorierte er.

Fiktive Ersatzhandlungen

Dargers "Reich des Irrealen" wurde bisher nur in Auszügen veröffentlicht und vermutlich hat es noch niemand ganz gelesen. Seine Aquarellzeichnungen wurden erst als Folk Art, Art Brut oder Outsider-Kunst entdeckt. Spätestens seit einer Ausstellung, die 2000/2001 im New Yorker PS1 und in den Berliner Kunstwerken zu sehen war, ist sein Werk in den Kunst-Kanon des 20. Jahrhunderts eingegangen und wurde in Sammlungen wie die des Smithsonian oder des MoMA aufgenommen.

Darger hatte ein besonderes Gespür für eine fein nuancierte Farbgebung. Seine geflügelten Schlangen-Mensch-Wesen, "Blengins" genannt, können gut etwa neben den fantastischen Imaginationen von Max Ernst bestehen. Und seine collagierten Kompositionen lassen manchmal an die Figurenkonstellationen bei Neo Rauch denken.

Man kann den Kampf der Vivians als Auseinandersetzung mit den Grausamkeiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts sehen. Sicher aber ist er zugleich Ausdruck einer produktiven Bewältigungsstrategie, mit deren Hilfe Darger seine Traumata verarbeitete.

So scheinen kleine Mädchen für ihn, seit seine Mutter bei der Geburt seiner Schwester gestorben war, besonders zwiespältig besetzt gewesen zu sein: Sie lösten in ihm Sehnsucht, idealisierende Schwärmerei und einen Beschützerinstinkt aus, aber auch Wut und Aggression.

Dass er die nackten Mädchenfiguren seiner Arbeiten eigentümlicherweise mit einem fein skizzierten Penis ausstattete, kann man als Markierung dieser Ambivalenz sehen. Auf jeden Fall soll Darger, so beschreibt es jedenfalls der Katalog der Pariser Ausstellung, wenn er betrübt war oder Schmerzen ihn plagten, das Kinderpersonal seiner Werke besonderen Grausamkeiten unterworfen haben - um sie dann in Gestalt anderer Alter Egos wieder zu retten.

Mithilfe seiner fiktiven Ersatzhandlungen gelang es Darger offensichtlich, Begehren und Aggression zu sublimieren. Trotz der heilsamen Abenteuer in seinem "Reich des Irrealen" aber blieb er ein einsamer Mann. "Ich hatte ein elendes Weihnachten", schrieb er zwei Jahre vor seinem Tod. "In meinem Leben gab es nie ein glückliches. Ich bin bitter, aber ich sehne mich glücklicherweise nicht nach Rache."


Henry Darger. 1892-1973. 29. Mai bis 11. Oktober im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris.



insgesamt 3 Beiträge
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ontwoone 27.05.2015
1. Darger und seine Vivian Maier
Wenn man beide Berichte hintereinander liest, fallen viele Parallelen auf. Chicago, Vivian, Einzelgänger, Bilder, Kinder, Mädchen... Die beiden kannten sich bestimmt, oder wussten voneinander. Eine gemeinsame Ausstellung wäre sicherlich interessant.
Maler 27.05.2015
2.
"Die meisten Figuren zeichnete er nicht, sondern pauste ihre Konturen aus Anzeigen, aus Mal- und Kinderbüchern ab" Der General in der Fotoserie ist Nikolaus II, der letzte Zar. Ohne Zweifel sind Dargers Phantasien ein fantastisches, künstlerisch hochstehendes Werk. Der Mann war sehr begabt. Und obwohl er alt wurde ist es seltsam und auch etwas traurig, das dieses Talent sich so versteckte, das niemand aus der Welt der bildenden Kunst zu seinen Lebzeiten davon Kenntnis erhielt.
metalslug 27.05.2015
3. Traurig
Googleeinträge ohne Ende aber kein glückliches Weihnachten - was für ein Mist!!!
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