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Henryk M. Broder: "Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen"

2. Teil: "Ich habe mich immer für die Aggression entschieden"

Ich hatte es mir vorgenommen, heute ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus zu sagen, der die Tradition des Faschismus und Kommunismus aufnimmt, um sie diplomatisch und technologisch weiterzuentwickeln. Ich mag mich nicht wiederholen. Freilich: Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose "Nie wieder!"- und "Wehret den Anfängen!"-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind. Das Engagierteste, das man von ihr erwarten kann, ist das alljährliche Gedenken an die Befreiung von Auschwitz, denn nicht nur in Deutschland, in ganz Europa wird der Kampf gegen die Nazis umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reich tot ist.

Wenn sich aber ein deutscher Angler in Grenzgewässern versegelt und anschließend zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wird oder fünfzehn britische Soldaten festgenommen und der Welt als Spione vorgeführt werden, dann macht sich Ratlosigkeit breit; man möchte den Dialog mit dem despotischen Regime nicht gefährden und auf keinen Fall mit Sanktionen drohen, denn das würde die Lage nur verschlimmern.

Einer der britischen Soldaten brachte die Situation nach seiner Freilassung und Heimkehr auf den Punkt. Er sagte: Fighting was no option. Wozu wird dann einer Soldat, wenn Kämpfen keine Option ist? "Fighting is no option" wäre ein schönes Motto für die europäische Verfassung, man sollte den Satz auch auf alle Euroscheine drucken.

Aber ich will heute nicht granteln und nicht zürnen, mich nicht über den Verfall der Werte und die Volksmusikabende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufregen. Ich will mich am liebsten überhaupt nicht mehr aufregen. Ich finde die vielen hauptamtlichen Aufreger nur noch lächerlich. Sie sitzen bei Christiansen, bei Illner oder im Presseclub und geben Sätze von sich, die sich so anhören wie ein rostiges Gartentor, das man vor zehn Jahren zuletzt geölt hat. Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden. Das erschien mir bekömmlicher. Inzwischen freilich suche ich nach einem dritten Weg, nicht weil ich weiser, sondern weil ich müder geworden bin. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Blick öfter von Anzeigen für Seniorenresidenzen und den Treppenlift von Lifta als von der Werbung für Dessous von Victoria's Secret angezogen wird. Ich bin darüber so erschrocken, dass ich mich inzwischen dazu zwinge, Berichte über das Liebesleben der Jungs von Tokio Hotel zu lesen, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren.

Aber diese Strategie der Ablenkung kostet Kraft, und sie funktioniert nur bedingt. Denn allen guten Vorsätzen zum Trotz rege ich mich immer noch auf, öfter und heftiger, als ich es möchte. Um am Ende immer wieder bei der Frage zu landen: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Ist es wirklich wahr, oder habe ich es mir nur eingebildet, dass der Intendant eines Berliner Theaters über die Killer, die unter dem Markenlogo RAF anderer Menschen Blut vergossen haben, sagt, sie seien "keine gewöhnlichen Mörder" gewesen, "die töteten, um sich zu bereichern", sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die "etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen" in Vietnam unternehmen wollten?

Abgesehen davon, dass auf dem Höhepunkt der RAF-Aktionen der Vietnamkrieg schon vorbei war, müsste nach einem solchen Satz die Erde beben - so lange, bis der Intendant vom eigenen Orchestergraben verschluckt wird.

Kann es wirklich sein, dass der rechtskräftig verurteilte Mörder eines elfjährigen Kindes mit einer Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolg hat, weil seine Menschenrechte durch die Androhung körperlicher Schmerzen beim polizeilichen Verhör verletzt wurden? Er habe, berichtete der Anwalt der Mörders, "ergriffen und tief berührt" auf die gute Nachricht aus Straßburg reagiert, dass der Gerichtshof seine Beschwerde zur Entscheidung angenommen habe. Und wenn das Verfahren aufgerollt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mit einem Freispruch beendet wird, weil die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt wurden.

Ich weiß, auch ein Mörder hat einen Anspruch auf einen Prozess nach den Regeln der Strafprozessordnung, aber ein elfjähriges Kind, dessen Recht auf Leben missachtet wurde, hat einen Anspruch darauf, dass der Mörder nicht zum Opfer seiner eigenen Tat stilisiert wird. Theoretisch sind das alles Selbstverständlichkeiten, über die man eigentlich nicht reden müsste.

Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.

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