Henryk M. Broder: "Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen"

3. Teil: "Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?"

Ja, sie haben sich nicht verhört: Ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.

Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten.

Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird.

Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf "Ehrenmorde" und andere Kleinigkeiten nicht mit dem "kulturellen Hintergrund" der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.

Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und Osama Bin Laden seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus.

Vor kurzem hat ein Berliner Verwaltungsgericht zugunsten einer politischen Gruppe entschieden, die zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen hatte. Der Berliner Polizeipräsident hatte den Veranstaltern untersagt, bei der Demo Fahnen und andere Symbole der Hisbollah zu führen. Die Demonstranten aber fühlten sich eines Grundrechts beraubt und riefen das Gericht an. Das entschied, die Hisbollah sei Partei in einem bewaffneten Konflikt, bei dem man sowohl die eine wie die andere Seite unterstützen könne. Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren.

Womit ich wieder bei der Mutter aller Fragen wäre: Bin ich verrückt, weil ich so etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden? Habe ich ein Wahrnehmungsproblem oder der Präsident des Frankfurter Landgerichts, der mich wegen Beleidigung angezeigt hat, weil ich mir erlaubt habe, darauf hinzuweisen, die Richter der Bundesrepublik seien "die Erben der Firma Freisler"? Offenbar habe ich etwas übersehen. Die Bundesbahn ist die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der Reichswehr und der Wehrmacht, die ganze Republik trägt schwer am Erbe des Dritten Reiches. Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst.

Ich bin mir durchaus der Absurdität des Augenblicks bewusst. Ich bekomme einen Preis, der nach einem Juden benannt ist, der an Deutschland gelitten hat. An Deutschland zu leiden scheint überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit. Ich weiß, welche Rolle ich spiele: die des jüdischen Pausenclowns, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf. Ich will gar nicht bestreiten, dass es mir Spaß macht und dass ich es gerne mache, meine Clownereien sind ein Beweis dafür, wie liberal die Gesellschaft geworden ist, die sogar meine Grenzverletzungen goutiert, solange sie dabei unterhalten wird.

Ich habe mich in einer Nische eingerichtet, aus der ich manchmal zu entkommen versuche: nach Island, nach Kalifornien, weit weg von deutschem Größenwahn, jüdischer Wehleidigkeit und multikulturellen Missverständnissen. Und dann zieht es mich doch zurück in die Arena der Eitelkeiten, zu den anderen Pausenclowns, die mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig vorwerfen, Profiteure der repressiven Toleranz zu sein.

Die Frage, ob ich verrückt bin oder die anderen, werden wir heute nicht klären können, sie muss offen bleiben, vorläufig. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der sie sich stellt. Jemand, dem ich viel verdanke, bei dem ich viel gelernt und einiges geklaut habe, hat sie sich immer wieder gestellt: der Geschichtenerzähler und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das Schwarze Schaf vom Niederrhein. Hüsch war, ohne selbst den Anspruch zu erheben, ein Philosoph oder, wie man auf Jiddisch sagen würde: a Mensch. Er hat von der "Solidarität der Einzelidioten" gesprochen und viele wunderbare Texte geschrieben, darunter einen, der in meinem Kopf rumort, seit ich ihn das erste Mal gehört habe. Erlauben Sie mir, als Verbeugung vor einem großen Meister der Sprache Ihnen diesen Text vorzulesen:

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen

Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten
Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen
Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden

Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu packen
Die freundlich auf den Dächern springen
Für diese Leute will ich singen
Die in den großen Wüsten sterben

Den Schädel längst schon voller Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren
Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen blicken
Den ganzen Schwindel auf dem Rücken

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen.

Hanns Dieter, ich danke dir. Und ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.

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