Theaterklamauk von Herbert Fritsch Maßlos Molière

Herbert Fritsch macht Champagner-Theater: keck blubbernde, belebende, bezaubernde Abende, die die Zuschauer zuverlässig in alberne Stimmung versetzen. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg hat er nun Molières "Die Schule der Frauen" aufgefritscht.

Szenenbild aus Molières "Schule der Frauen" am Hamburger Schauspielhaus
Thomas Aurin

Szenenbild aus Molières "Schule der Frauen" am Hamburger Schauspielhaus

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Wie ein Holzbrett ist der Vorhang gemasert, und als er sich hebt, gibt er den Blick frei auf einen Bretterboden, auf dem eine Bretterbude steht. Dahinter: ein himmelblauer Bühnenhorizont, bemalt mit weißen Wattewölkchen. Kulissenhafter kann eine Kulisse nicht sein. Und theaterhafter kann ein Abend im deutschsprachigen Stadttheater zurzeit nicht werden. Denn drauflos brettern wird hier und heute Herbert Fritsch, einst Volldampf-Schauspieler, jetzt Volldampf-Regisseur. Sein Programm: radikale Künstlichkeit.

Fritsch hat sich vor einigen Jahren angeschickt, zwei Ex-Partner zu versöhnen und neu zu vermählen: das Stadttheater und den Humor. Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg exerziert er sein Erfolgsrezept nun anhand Molières Beziehungskomödie "Die Schule der Frauen": einer grob gezimmerten Farce, in der die Logik zu kurz kommen mag, das Lachen sicher nicht. Der alternde Zyniker Arnolphe spottet über all die Ehemänner seiner Stadt, die sich von durchtriebenen Frauen betrügen lassen. Er selbst glaubt, vorgesorgt zu haben: Er hat sich schon vor Jahren des Mädchens Agnès angenommen, um es in einem Kloster zu Demut, Duldsamkeit und vor allem Dummheit erziehen zu lassen; nun will er sie heiraten. "Die Hässlichste, selbst wenn's mein Auge kränkt, zög ich der Schönsten vor, die zu viel denkt." Agnès jedoch hat sich in Horace verguckt, und so gerät Arnolphe gründlich auf den Holzweg.

Runtergerocktes Rokoko

Fritsch hat Victoria Behr, seine kongeniale Kostümbildnerin, mit nach Hamburg gebracht. Schon mehr als ein Dutzend seiner Produktionen hat sie ausgestattet - und sich nun erneut für Kostüme entschieden, die knallen und kreischen bis unters Schauspieldach. Sie impfen den Schauspielern einen Schuss Wahnsinn ein: grell zerschminkte Gesichter, zauselige Perücken und Haartürme, zerschlissene Klamotten, die aus den staubigsten Tiefenschichten des Kostümfundus zu stammen scheinen. Runtergerocktes Rokoko.

So künstlich die Schauspieler aussehen, so künstlich spielen sie, angetrieben vom Elektro-Rokoko des Musikers Ingo Günther: Joachim Meyerhoff als Arnolphe tänzelt und tickt und zuckt x-beinig über die Bühne, als hänge er an Fäden. Josef Ostendorf und Bettina Stucky näseln als Diener in einem clownesk karikierten Französisch. Bastian Reiber gibt Horace als Gecken, der einer Sketch-Kiste von Didi Hallervorden entsprungen sein könnte; es fehlt nur das gelegentliche Palim, Palim. Karoline Bär spricht Agnès mit glockenheller Unschuldsstimme, sieht aber sündig aus wie ein zuckriger Lollipop: ein Funkenmariechen, dessen weißblondes Rapunzelhaar länger ist als ihr cremeweißes Röckchen. Die Schauspieler laufen ab wie Spieluhren: so sehr in ihrem bonbonbunten Bühnenelement, dass sie auch dann nur kurz stocken, als ein Zuschauer einen Schwächeanfall erleidet. Und weiter geht's.

Der Regisseur Fritsch mag keine lockeren, coolen, authentischen Schauspieler: keine Schauspieler, die auf der Bühne so tun, als seien sie gar nicht auf der Bühne. Er mag Schauspieler, denen die Bühne die Glieder verrenkt, die Gesichter verzerrt, die Augen verdreht: Schauspieler, die alles dafür tun, dass alle Blicke auf sie gerichtet sind. Und so ist das Fritsch-Theater ein Hochrisiko-Theater: Sylvester Stallone in "Cliffhanger" ist nichts gegen Meyerhoff und Reiber in "Die Schule der Frauen"; die beiden reiten über den Dachfirst der Bretterbude, bis auch die letzten Zuschauerhände schweißnass sind. Größer als das Risiko, sich zu verletzen, ist nur das Risiko, sich mit all den Bühnenblödelein zu blamieren: Fritsch-Schauspieler entblößen sich, ohne sich auszuziehen.

Saubeutel-Fassung

Die Dramaturgin Sabrina Zwach hat Molières Verskomödie für die Inszenierung neu übersetzt und bearbeitet: eine frische Fassung mit viel Tempo, die in den Proben noch mit allerlei Albernheiten gepimpt worden ist: Arnolphe geht nicht zu Grunde, sondern zu Gründgens; das Chaos treibt ihn nicht in den Ruin, sondern den Urin; einem Amen wird noch schnell ein Samen hinterhergereimt. Es ist eine Saubeutel-Fassung. Und eine Fassung des Übermuts: Bei Molière macht Horace in einer Szene einen falschen Abgang und kommt zweimal zurück. Bei Fritsch kommt er viermal zurück. Fritsch ist Molière im Quadrat. Molière auf Bluthochdruck.

Der Abend ist zwei Stunden und 50 Minuten lang. Mindestens eine halbe Stunde zu lang. Andererseits: Das Fritsch-Prinzip heißt nun mal Maßlosigkeit, und all der maßlose Klamauk putscht auch so sehr auf, dass am Ende keiner wirklich in den Seilen hängt. Außer Fritsch selbst.

Gesichert mit Klettergurten, schwebt der Zeremonienmeister in den Saal. Bereit zur minutenlangen Applaus-Choreografie.


Molières: "Die Schule der Frauen". Inszenierung von Herbert Fritsch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Nächste Vorstellungen am 13., 17. und 27. April. Karten unter Telefon 040 248713.



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