Grönemeyer gegen "Bild" Diese Bilder lügen schon

Das Oberlandesgericht Köln hat in einem Urteil festgestellt, dass "Bild" in einem Paparazzi-Video einen Vorfall mit dem Sänger Herbert Grönemeyer "bewusst unvollständig" dargestellt hat.

Herbert Grönemeyer
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Der Videoclip war eine Delikatesse für ein Unterhaltungsportal wie Bild.de. Herbert Grönemeyer ist darin zu sehen, wie er mit einem Kameramann und einem Fotografen am Flughafen Köln/Bonn aneinander gerät. Grönemeyer wirkt wie ein Einmann-Feuerwerk, das plötzlich explodiert, nur weil eine Kamera vor ihm auftaucht.

Das Video ist vom Landgericht Köln verboten worden und wird bei "Bild" nicht mehr gezeigt. Der Grund: Dass der Künstler zuvor schon auf der Rolltreppe und auf der Herrentoilette beobachtet wurde, die Paparazzi unvermittelt zu fotografieren begannen und Grönemeyer durch das Rufen von "Keine Bilder! Wir sind privat hier!" deutlich zeigt, dass er nicht fotografiert werden möchte, wird in dem Film verschwiegen.

Doch "Bild" wollte das Urteil nicht auf sich sitzen lassen und ging in Berufung. Das Ergebnis: Deutschlands größte Tageszeitung hat abermals bestätigt bekommen, eine mindestens irreführende Version der Geschichte verbreitet zu haben.

Die obergerichtliche Entscheidung fällt in eine Zeit, in welcher der Begriff Fake News Karriere macht. Die drei Kölner Richter urteilen nicht lange um den heißen Brei herum. Sie werfen "Bild" vor, die Situation zulasten von Grönemeyer verfälschend dargestellt zu haben.

Das Gericht nennt das Video "bewusst unvollständig"; die Boulevardzeitung verschweige dem Zuschauer wesentliche Tatsachen, die allerdings "für die Bildung eines im Kern zutreffenden Urteils unerlässlich" seien. Auf gut Deutsch: "Bild" suggeriert einen anderen Hergang der Ereignisse am Flughafen als sie wirklich stattgefunden haben. Der durchschnittliche Zuschauer müsse zu dem Schluss kommen, dass Grönemeyer schon allein wegen des Anblicks einer Kamera ausrastet - denn das Drumherum sei für die Bewertung der Geschehnisse aber unablässig.

Gleich dreimal bekommt der "Bild"-Nutzer eine Bildsequenz zu sehen, in der Grönemeyer eine Tasche in Richtung der Paparazzi schleudert - einmal davon in Zeitlupe. "In plakativer Weise" stelle "Bild" so die Spitze der Eskalation in den Mittelpunkt. Das Gericht hält die Ereignisse im Video für chronologisch unzutreffend wiedergegeben. Man müsse den Film mehrmals anschauen und das Rohmaterial kennen, um den wahren Ablauf erschließen zu können.

Lebensgefährtin und Sohn nicht von öffentlichem Interesse

Die Entscheidung, ob das Video rechtmäßig bei Bild.de zu sehen war oder nicht, ist juristisch nicht ganz trivial. Grönemeyer ist eine Person der Zeitgeschichte, die Presse muss einen breiten Spielraum besitzen, nach dem sie entscheiden kann, was von öffentlichem Interesse ist und was nicht. Explizit nimmt das Gericht in seiner Begründung davon auch unterhaltende Beiträge - vulgo: Boulevardjournalismus - nicht aus. Und doch hat nach Ansicht der Kölner Richter "Bild" es in diesem Fall übertrieben und darf deshalb das Video nach wie vor nicht mehr verbreiten.

Medienmacher argumentieren gern, dass Prominente vor allem im Umfeld einer Plattenveröffentlichung oder eines neuen Buchs einer wahren Selbstdarstellungsmanie verfallen würden und sich nur zu gerne in Funk, Netz und Fernsehen profilieren. Sie würden sich dann aber gern beschweren, wenn sie gerade kein neues Produkt in irgendeine Kamera zu winken haben, aber trotzdem über sie berichtet werde.

Tatsächlich war kurz vor dem unrühmlichen Aufeinandertreffen am Kölner Flughafen ein neues Album Grönemeyers auf den Markt gekommen. Doch die Richter urteilen eindeutig, dass "Bild" das zusammengestrickte Video nicht mit Herbert Grönemeyers Plattenpromo rechtfertigen kann: Unstreitig seien die Aufnahmen darauf angelegt, Grönemeyer in seinem privaten Bereich in Begleitung seiner Lebensgefährtin und seines Sohnes zu fotografieren, die beide bis zu diesem Zeitpunkt weder in der Öffentlichkeit aufgetreten noch fotografisch dargestellt worden waren.

"Videomaterial bewusst manipuliert"

Der Axel-Springer-Verlag, in dem neben der "Bild"-Zeitung auch die Tageszeitung "Die Welt" erscheint, sieht sich trotz Niederlage bestätigt. "Das OLG erkennt in seinem Urteil durchaus ein erhebliches Berichtsinteresse an dem Vorgang, weil der Kläger als prominente Person Leitbild- und Kontrastfunktionen erfüllt und so Orientierung bei Lebensentwürfen gibt. Insofern sehen wir uns in unserer Berichterstattung über derartige Vorfälle auch im Videobild grundsätzlich bestätigt", teilt ein Sprecher mit.

Grönemeyers Anwalt, der Berliner Medienrechtler Christian Schertz, sieht in dem Urteil hingegen eine "Grundsatzentscheidung": "Die Feststellungen, die das Gericht hier 'Bild' ins Stammbuch geschrieben hat, sprechen eine ungewöhnlich eindeutige Sprache zur Frage, wie hier bewusst Videomaterial für Bild.de manipuliert wurde."

Erst im Februar ernannte "Bild" den Journalisten Ernst Elitz zum Ombudsmann. An ihn sollen sich Leser wenden können, wenn sie Zweifel am Wahrheitsgehalt einer Geschichte haben.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
spon_2294391 28.04.2017
1. Bild reagiert
wie Trump. Wirr.
falco1001 28.04.2017
2. schwaches Urteil
Gut, es nennt das Video bewusst irreführend. Es hätte aber klarstellen müssen, dass es überhaupt kein öffentliches Interesse daran gibt, Grönemeyer und Familienmitglieder bei einer Privatreise zu filmen.
dakkie 28.04.2017
3. was soll man . . .
. . . von einem solchen Blatt schon erwarten? Allein die Chuzpe, eine krachende Ohrfeige vor Gericht als Sieg zu deklarieren, spricht Bände. Warum dann die aussichtslose Berufung?
Mieze Schindler 28.04.2017
4. Ein alter Hut!
Es hat doch schon Heinrich Böll in seinem Buch "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" festgestellt, dass "Bild" und Wahrheit zwei verschiedene Dinge sind.
alternativloser_user 28.04.2017
5. Drecksblatt
Die Bild ist sowas von eklig. Die Leute sollten sich mal klarmachen was sie mit dem Kauf dieser Zeitung anrichten. Die Bild Zeitung zerstört mit ihrer Berichterstattung Menschenleben. Ich hoffe wirklich inständig dass irgendein Richter mal den Mut hat die Bild zu einer richtig saftigen Schadensersatzsumme zu verurteilen die der Zeitung auch wehtut.
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