"Wo kommst du her?" Der ethnische Ordnungsfimmel

Wer sich über die Wo-kommst-du-her-Frage ärgert, bekommt zu hören: Das sei bloß Interesse. Aber wenn dann etwa Dieter Bohlen "Herne" als Antwort nicht reicht, zeugt das von einem problematischen Herkunftskonzept.

Dieter Bohlen
RTL/ Stefan Gregorowius

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Kennen Sie das, dass Sie wildfremde Leute einfach so für nichts und wieder nichts loben? "Sie sprechen aber gut Deutsch!" Oder dass sie Ihr Aussehen kommentieren? "Sie sehen gar nicht türkisch aus, kommen wirklich beide Eltern aus der Türkei?" Ich leider schon. Übergriffige Bemerkungen zu Aussehen, Aussprache und der Ahnengalerie gehören zum Alltag vieler Menschen, wenn sie einen erkennbaren Migrationshintergrund haben.

Besonders die verbale Ausbürgerung - "Wo kommst du her?" - kann einen jederzeit und überall treffen. In der U-Bahn, beim Arzt oder in einer Casting-Show. Diese Woche beschäftigte das Internetvolk ein Ausschnitt von "Das Supertalent" (RTL), in der Juror Dieter Bohlen ein fünfjähriges Mädchen auf der Bühne fragt, wo es herkommt. Aus Herne, lautet die Antwort. Leider fragt Bohlen weiter:

Er: "Und Mama und Papa? Philippinen, oder...?"

Sie: "Die sind auch in Herne."

Er: "Wo kommt ihr her, aus welchem Land, gebürtig?"

Sie: "Ich weiß es nicht."

Er: "Oma und Opa oder so...?"

Bohlen lässt erst von ihr ab, als die Mutter vom Bühnenrand "Thailand" sagt. Das Interessante an der Szene: Das kleine Mädchen kapiert gar nicht, worauf der Mann hinaus will. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die nicht nur mit 60 Jahren Altersunterschied erklärt werden können. Offenbar hat die kleine Melissa, so heißt das Mädchen, ihre Karriere als "Deutsch-Asiatin" noch nicht angetreten. Das Kind dachte bis zu dieser Begegnung doch tatsächlich, es sei aus Herne und von hier. Leider wird ihr im Laufe ihres Lebens wohl noch öfter klargemacht, dass das nicht so sei.

Mit dieser Erfahrung ist sie nicht allein. Bis zu einem gewissen Alter bleibt man vom ethnischen Ordnungsfimmel verschont. Aber dann, irgendwann, merkt man es: dass man immer gefragt wird, wo man herkommt - andere aber nicht. Dass bei dir "Herne", "Peine" oder "Nürnberg" als Antwort nicht ausreicht. Dass die Fragerei erst aufhört, wenn du Türkei, Iran oder Thailand gesagt hast. Auch, wenn du selbst findest, dass du von hier bist.

Millionen von Menschen werden immer wieder zwangsmigrantisiert und viele sind genervt davon. Doch jedes Mal, wenn man darüber diskutieren will, sind die Herkunftsdetektive überrascht, warum sich die muffeligen Migranten schon wieder so anstellen. Wo doch die Fragesteller*innen nur Interesse an der Person zeigen und Smalltalk führen wollen. Wo bitte ist das Problem?

Ein Typ erklärte auf Twitter ganz selbstverständlich, Melissa sei halt noch zu klein, um zu wissen, wo sie herkommt. Und genau da liegt das Problem: Er meinte, wo sie wirklich herkommt, also ethnisch, mit Vorfahren, Wurzeln und allem drum und dran.

Deutschsein - als Clan, als Dorf, als Blutsgemeinschaft

Wer selbst nicht ständig auf die Herkunft angesprochen wird, merkt es vielleicht gar nicht, aber: Wir sind in Deutschland besessen von Wurzeln. Wir reden über Stämme, Herkünfte und Kulturen, als sei es das Natürlichste der Welt, Menschen in diese Schubladen zu stecken. Wir finden es überhaupt nicht völkisch, wegen äußerlichen Merkmalen auf eine ausländische Herkunft zu schließen, weil es nun mal interessant ist, danach zu fragen. Weil es angeblich etwas über die Person aussagt. Und weil es nicht böse gemeint ist.

Ich meine es auch nicht böse, wenn ich jetzt Folgendes schreibe:

Es geht nicht darum, wie die Fragen gemeint sind, sondern darum, dass der hölzerne Wurzel-Smalltalk ein problematisches Selbstbild offenlegt. Die "Wo kommst du her"-Frage ist ein Relikt aus dem völkischen Nationalismus, der viele Staaten seit Jahrhunderten begleitet. So wie die Frage meistens gemeint ist, könnte sie auch lauten: Du bist offensichtlich nicht volksdeutsch, welcher Ethnie gehörst du an? Und nach einem Kompliment für die "afrikanischen" Haare und die unerwarteten Kenntnisse der Landessprache geht es gemütlich weiter: Was machst du beruflich?

Die Wurzelmanie zeigt vor allem, wie wir das Deutschsein verstehen - nämlich als Clan, als Dorf, als Blutsgemeinschaft. Richtig deutsch bist du nur, wenn du einen teutonischen Stammbaum vorweisen kannst, Wolfgang oder Susanne heißt und so aussiehst, wie sich die meisten echte Wurzeldeutsche vorstellen. Wie kann es sein, dass wir noch immer so einen primitiven Blick auf Menschen haben?

Wir müssen endlich Klartext darüber reden, wer dazu gehört und warum wer nicht. 2016 befasste sich eine repräsentative Studie mit der Frage, was die Leute unter nationaler Identität verstehen und wie wichtig "deutsche Vorfahren" dabei sind. Fast 37 Prozent der Befragten fanden die Sache mit den Ahnen und Genen fürs Deutschsein entscheidend. Mehr als jede*r Dritte. Immerhin: Zehn Jahre zuvor dachte noch fast jede*r Zweite so. Hoffentlich schrumpft die Gruppe weiter und immer mehr Menschen sehen in Melissa einfach nur ein Kind aus Herne, das vermutlich viel zu jung in eine Castingshow geschickt wurde.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Natürlich kann man nach der Herkunft fragen, das mache ich auch manchmal. Aber man sollte die Antwort annehmen, egal wie sie ausfällt, auch, wenn sie Wurzeldetektive nicht zufrieden stellt. Noch galanter wäre, man lässt den nationalistischen Smalltalk weg und kommt gleich zum Wetter.

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insgesamt 432 Beiträge
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Seite 1
goethestrasse 23.02.2019
1.
Entweder wir mache alle auf GLEICH oder es gibt eben Unterschiede und wir sind nicht alle GLEICH.
dosmundos 23.02.2019
2.
Warum das Interesse an den ethnischen Wurzeln eines Gesprächspartners in irgendeiner Weise bedeuten sollte, dass man dem Gegenüber das “wahre Deutschsein” abspricht, erschließt sich mir nicht. Meine halbmexikanischen Kinder jedenfalls haben genug Selbstbewusstsein, um keine Zweifel an ihrer Nationalität UND ihren Wurzeln zu haben...
wasistlosnix 23.02.2019
3. Kenne ich auch
Wenn ich dann sage Stuttgart dann kommt die Frage und wo da genau. Wahrscheinlich kennen sich Menschen geografisch besser in der näheren Umgebung auf. Man fühlt sich auch als Schwabe nicht als Deutscher akzeptiert. Den Sachsen geht es wahrscheinlich noch schlimmer. Es ist ja schon mal eine Errungenschaft das man nicht mehr nach dem Dorf gefragt und eingruppiert wird. Wichtig wäre das Menschen keine Mauern in Ihre Köpfe bauen. Der Moslem, der Katholik, der Sachse, der Italiener, der Münchner, der Bauer. Das sind alles nur Bezeichnungen und keine Definition wie der Mensch vor einem ist.
basileus97 23.02.2019
4. Identität
Wie soll sich jemand mit Deutschland identifizieren wenn einem immer eingeredet wird man sei nicht von hier?
user1000 23.02.2019
5. Bohlen hat nicht gut gefragt, es geht um ein Kind
Aber überall auf der Welt wird man gefragt woher man stammt. Das ist doch ganz normal.
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