Herlinde Koelbls Fotoprojekt "Targets" "Feindbilder kann man im Katalog bestellen"

Araber, Russen - und Blondinen: Die große deutsche Fotografin Herlinde Koelbl hat auf Truppenübungsplätzen in aller Welt Zielscheiben fotografiert. Jetzt ist ihre Fotoserie "Targets" in Berlin zu sehen.


Zur Person
  • DPA
    Herlinde Koelbl, 74, ist bekannt für ihre Langzeitstudien, wie etwa "Das deutsche Wohnzimmer" oder "Spuren der Macht" über Bundespolitiker. Sie arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Fotografin und Dokumentarfilmerin und lebt in München.

    http://www.herlindekoelbl.de
SPIEGEL ONLINE: Frau Koelbl, Sie haben Zielscheiben von 31 verschiedenen Armeen fotografiert, auch in der Ukraine. Ihr Projekt ist plötzlich sehr aktuell.

Koelbl: Ja, was in diesen Tagen in der Ukraine passiert, zeigt, wie brüchig der Frieden geworden ist. Heute wäre es nicht mehr möglich, eine Fotoerlaubnis für die Übungsplätze in der Ukraine zu bekommen. Auch in Polen oder Russland zu fotografieren, wäre heute nicht mehr denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Das erste Foto entstand vor 30 Jahren, mitten im Kalten Krieg. Es zeigt eine zerlöcherte deutsche Zielscheibe in einem Acker. Warum haben Sie aus dem Thema eine Serie gemacht?

Koelbl: Das Foto hat mich einfach nicht losgelassen. Es war Winter, es war kalt, dazu die aufgehende Sonne, die durch die Schusslöcher schien: Diese Szene hat eine Schönheit und ist zugleich Symbol für Schrecken, Gewalt und Tod. Weil mir die Militärwelt sehr fremd war, beschloss ich vor sechs Jahren, dem nachzugehen. Ich wollte wissen, wie die Schießziele aussehen, auf die Soldaten in der ganzen Welt konditioniert werden. Wie sieht der Feind aus? Ist er abstrakt, hat er ein Gesicht?

SPIEGEL ONLINE: Und, wie sieht der Feind aus?

Koelbl: In Amerika gibt es diese grüne Figur, Iwan genannt, mit dem roten Stern am Helm. Damit sind die Soldaten noch bis vor einiger Zeit trainiert worden. Jetzt sind manche der Figuren orientalisch gekleidet, mit arabischem Tuch. Aber ich fotografierte weltweit, weil ich zeigen wollte, dass jeder ein anderes Feindbild hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Libanon etwa dient eine spärlich bekleidete Frau mit tiefem Dekolleté und Waffe als Zielscheibe - stellvertretend für die freizügige westliche Kultur?

Koelbl: Die Erklärung ist simpler: Es gibt einen Katalog, aus dem man Feindbilder bestellen kann. Das sind bedruckte Plakate, mit denen vor allem die Spezialeinheiten trainieren, weil sie gezielt bei Geiselnahmen eingesetzt werden und sich von nichts überraschen lassen dürfen - auch nicht von bewaffneten Frauen. In Frankreich war es eine Frau mit blonden Haaren und Jeans. Wer ein Gewehr in der Hand hat, hat die Macht: Die Gefahr ist überall.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Militär reagiert, als Sie sagten: Zeigt mir eure Pappkameraden?

Koelbl: Sie waren überrascht, dass jemand nur Schießziele fotografieren will - und keine Action, keine Soldaten, die martialisch rumrennen, nicht die Panzer, nicht das Waffenarsenal. In armen Ländern oder zum Beispiel bei der PKK bestanden die Zielscheiben meist nur aus einem Papier, auf das mit Filzstift ein Kreis gemalt worden war. In Westsahara schossen sie auf kleine Dosen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben auch Soldaten porträtiert.

Koelbl: Auf einem der großen Schießplätze wurde mir erklärt, dass sie mit dem Simulationssystem arbeiten. Der Soldat und die Waffe sind elektronisch vernetzt. Man sieht sofort, ob jemand verletzt ist. Die eigenen Kameraden agieren als Feind und sind somit lebende Ziele. Deshalb habe ich auch Soldaten aus allen Ländern porträtiert.

SPIEGEL ONLINE: War es denn schwer, die Fotoerlaubnis zu bekommen?

Koelbl: Das Militär ist immer sehr misstrauisch, eine geschlossene Gesellschaft. Die Genehmigungen zu bekommen, war daher ein langwieriger Prozess, viel lief über Diplomaten und Attachés. Auf das Okay für die Vereinigten Arabischen Emirate wartete ich vier Jahre, für Russland zwei, auch bis ich in China fotografieren durfte, dauerte es ewig. Aber ich wollte eben alle Regionen der Welt dabei haben. Sodass man einen Eindruck davon erhält, wie der Stand der Dinge heute überall beim Militär ist.

SPIEGEL ONLINE: Na ja, die Bundeswehr nutzt immer noch das Modell, das Sie in den Achtzigerjahren fotografierten. Und dazu Pappmodelle, die so ungelenk aussehen wie von Drittklässlern gebastelt. Kriegstraining des 21. Jahrhunderts stellt man sich anders vor.

Koelbl: Als ich diese Pappzielscheiben und Pappkühe sah, fand ich das schon surreal. Diese Schablonen werden von Handwerkern in der Werkstatt hergestellt - diese haben ja nicht auf der Kunstakademie studiert. Sie fräsen die Ziele nach Umrissen aus und gestalten sie dann. Das hat den Eindruck von naiver Malerei.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch selber mal geschossen?

Koelbl: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Die Philosophin Susan Sontag verglich die Fotokamera immer mit einer Waffe: Mit beidem schießt man. Wie oft ging Ihnen das durch den Kopf?

Koelbl: Überhaupt nicht. Weil ich so konzeptionell arbeite und keine Reportagefotografie mache, spielt dieser Vergleich für mich keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt für Langzeitstudien. Warum gefällt Ihnen das Format so?

Koelbl: Dadurch kann ich ein Thema tiefer ergründen und vielschichtiger darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich an den Übungsplätzen der Soldaten verändert?

Koelbl: Der Krieg ist asymmetrisch geworden. Er wird häufig in Städten und Dörfern ausgetragen. Aus diesem Grund gibt es in vielen Ländern Übungsplätze mit Häusern und Straßen. In den USA wurde ein Dorf von Hollywood-Designern entworfen, mit Moscheen samt goldener Kuppel, da hängen sogar Lämmchen am Haken, Teppiche an der Stange, es gibt einen Gemüsestand.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine Computerspiel-Simulation.

Koelbl: Nein, das wirkt sehr real. Wenn da US-Truppen in voller Montur und bewaffnet ihre Übungen praktizieren, ist das schon unheimlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Kriegsfotografie ohne Krieg gemacht?

Koelbl: Ich habe nur gezeigt, wie die Soldaten darauf vorbereitet werden. Ein Kommandeur sagte: Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen. Zu töten und zu überleben.

Das Interview führte Anne Haeming


DAS BUCH // DIE AUSSTELLUNG:

Herlinde Koelbl: "Targets", Prestel 2014, 240 Seiten, 49,95 Euro. Die Ausstellung "Targets" ist vom 9. Mai bis 5. Oktober 2014 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
roland.vanhelven 10.05.2014
1. mangelhaft
Zitat von sysopHerlinde KoelblAraber, Russen - und Blondinen: Die große deutsche Fotografin Herlinde Koelbl hat auf Truppenübungsplätzen in aller Welt Zielscheiben fotografiert. Jetzt ist ihre Fotoserie "Targets" in Berlin zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/herlinde-koelbl-targets-deutsches-historisches-museum-dhm-berlin-a-967935.html
das wichtigste fehlt. wie immer. Department of Homeland Security in den USA haben etwas ganz besonderes : zielscheiben, die schwangere, schulkinder und senioren darstellen. alles weisse kaukasier. genannt wird die serie "No More Hesitation". so SPON, jetzt zeigt mal rueckgrat ! http://communities.washingtontimes.com/neighborhood/high-tide-and-turn/2013/feb/28/dhs-training-practice-targets-featuring-children-p/ http://www.examiner.com/article/company-selling-targets-with-images-of-americans-to-dhs-for-firearms-training
felisconcolor 10.05.2014
2. weil ihr die Militärwelt
fremd war. Hat sie angefangen Zielscheiben zu fotografieren. So kann man sich sein Weltbild auch zusammen basteln. Ein ziemlich kleines und grob gestricktes Weltbild. puh. Jedem das seine. Aber damit auf Ausstellungen hausieren gehen. Vielleicht hätte sie sich mal die Mühe gemacht auf den Schauplätzen der Welt mit dem gemeinen Soldaten zu sprechen. Aber nein sie zitiert am Ende des Artikels EINEN 1 Kommandeur. Der natürlich jetzt wieder stellvertretend für die generell vorherrschende Meinung ALLER Kommandeure steht. Sehr sehr armes Weltbild
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