Hermann Nitsch in Neapel Der Blutfürst hält Hof

Der Hohepriester des krassen Körpersäfte-Spektakels hat einen neuen Tempel: Anhänger aus aller Welt pilgerten zur opulenten Eröffnung des Hermann-Nitsch-Museums nach Neapel. Der Erlebnisraum des Theater-Berserkers aus Österreich passt gut in die morbide Atmosphäre der italienischen Metropole.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Buon Giorno, Maestro! Wie einen Guru empfangen die Mitarbeiter des neuen Hermann-Nitsch-Museums in Neapel ihren Meister. Wie wohl kein anderer Künstler seit Joseph Beuys wird der österreichische Aktionskünstler von seiner Anhängerschaft frenetisch verehrt und gefeiert. Hunderte von Wegbegleitern, Sammlern und Freunden aus aller Welt, vor allem aber aus Österreich, sind an diesem Wochenende in die Stadt am Vesuv gereist, um mit einem dionysischen Fest das neue Privatmuseum zu feiern.

Wie immer, wenn Hermann Nitsch, 70, etwas veranstaltet, wird groß aufgefahren: 2000 Liter Wein, 120 Kilogramm Büffelmozzarella, 5000 frittierte Spezialitäten, 5000 Blumen und, als Geschenk aus der Heimat, 50 echte Sachertorten. Der Leibkoch brutzelt "Trippa", die in Napoli beliebten Kutteln, nicht jedermanns Sache vielleicht, aber für den Erfinder des Blutrünstigen natürlich genau richtig.

Hermann Nitsch nimmt den Rummel um seine Person gelassen. Der kleine, rundliche Mann mit dem voluminösen grauen Vollbart kontrolliert in der ihm eigenen Gemächlichkeit jedes Detail seiner Installationen: die Blumenarrangements, die altarartigen Präsentationen, die penible Aufschichtung der weißen Taschentücher, die Position der Kelche, Zuckerwürfel, Messgewänder und chirurgischen Instrumente. Seine schwarze Kleidung verleiht ihm die Aura eines katholischen Geistlichen.

Das Museo Nitsch ist eine reine Privatangelegenheit. Eine Angelegenheit unter Freunden. Als Hermann Nitsch 1973 zum ersten Mal nach Neapel kam, warf man ihn gleich wieder hinaus. Er zeigte rohes Fleisch und mit Blut gemalte Bilder in der Galerie von Guiseppe Morra, genannt "Peppe". "Meine erste Ausstellung in Morras Galerie war ein großer Erfolg bei den Besuchern", erzählt Nitsch. "Danach folgte der große Skandal. Wir alle wurden auf die Questura gebracht und mussten das schöne Neapel binnen 24 Stunden verlassen", erinnert er sich.

Farbe statt Blut

Tempi passati: 35 Jahre später rollt man ihm in Neapel den roten Teppich aus. Von Skandal keine Spur mehr, trotz Fotos und Videoaufnahmen von blutüberströmten Nackten, ans Kreuz gebundenen Jünglingen und orgiastischem Wühlen in Tiereingeweiden. "Natürlich gibt es auch heute noch Vorbehalte bei den Italienern", räumt Nitschs Pressedame Paola Marino ein. "Aber die Zeiten, als Nacktheit, Blut und Schlachttiere Skandale auslösten, sind vorbei."

In der Stazione Bellini, einem ehemaligen Elektrizitätswerk aus dem späten 19. Jahrhundert im zentral gelegenen Einfache-Leute-Stadtteil Avvocata, hat Nitsch-Freund und Sammler Peppe Morra dem Aktionskünstler jetzt zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Das in blendendem Weiß gestrichene Gebäude ragt aus dem wild zusammengewürfelten Häusermeer heraus wie ein Zahnimplantat aus einem maroden Gebiss. Es ist allerdings nicht der erste Tempel, der dem Meister gewidmet wurde. Im niederösterreichischen Mistelbach wurde bereits im vergangenen Jahr ein Hermann-Nitsch-Museum eröffnet.

Im brodelden Avvocata von Neapel zeigt man sich offen gegenüber den neuen Nachbarn. Eine auf Waschmittel spezialisierte Ladenbesitzerin gleich um die Ecke fragte sogar vorsichtig an, ob sie während der Eröffnungssause nicht lieber ihre Geschäftszeiten ausdehnen sollte. Doch Waschmittel wird diesmal keines gebraucht. Die bluttriefenden Aktionen des "Orgien Mysterien Theaters" finden vorerst nicht mehr statt. Seit der 122. Aktion, die 2005 in den heiligen Hallen des Wiener Burgtheaters zelebriert wurde, verzichtet Nitsch auf die kräftezehrenden Spektakel und malt oder schüttet nur noch mit Farbe.

"Seinsmystik", "Orgasmus", "Fleisch"

Das Museo Nitsch könnte dennoch zur Pilgerstätte der Nitsch-Anhänger werden. Das alte Kraftwerk wurde vom italienischen Architekten Rosario Boenzi großzügig und sachlich modern umgebaut. Auf 1800 Quadratmetern Ausstellungsfläche vermitteln Fotos, Videoaufnahmen und zahlreiche opulent arrangierte Relikte einen intensiven Eindruck der Nitsch-Aktionen, die bisher in Italien stattgefunden haben. Neben der großen offenen Halle, in die eine zweite Ebene eingebaut wurde, werden auch kleinere Kabinette und tunnelartige Räume im Untergeschoss bespielt.

Doch damit nicht genug. Aus Lautsprecherboxen wird der Besucher mit von Nitsch selbst komponierter Ritual-Musik beschallt. Und er wird Zeuge, wie Nitsch, dessen italienischer Akzent ein wenig an den des Papstes erinnert, mit heiserer Stimme Regieanweisungen gibt. Im Museo soll auch wissenschaftlich gearbeitet werden. Ein Video- und Musikarchiv, eine Mediathek für Forschungszwecke und ein Zentrum für Theaterworkshops vervollständigen die Institution.

Das Museum als Erlebnisraum also, denn auch Nitschs "Orgien Mysterien Theater" versteht sich als Gesamtkunstwerk, das hier nacherlebt werden kann. Begriffe wie "Seinsmystik", "Orgasmus" und "Fleisch" kommen ebenso vor wie "Auferstehung" und "Christus". In einem Geschmacks-, Geruchs- und Farblabor wird der Besucher unmittelbar mit dem Nitsch-Vokabular konfrontiert, dessen Bezüge vom Katholizismus bis in die Psychoanalyse reichen. Brot und Wein stehen für die Liebe. Gezuckertes Ziegenblut und heiße Tinte dagegen stehen für die Geschmacks- und Geruchsmotive des Todes: In der Nitsch-Philosophie sind das völlig normale Elemente, für zart Besaitete könnte es vielleicht ein wenig zu extrem wirken.

In Neapel, der Stadt des Blutwunders und der Camorra, der fröhlichen Folklore, der immer noch gut besuchten katholischen Messen und der theatralischen, stark emotionalen Gesten des Alltags, ist das Museo Nitsch offenbar genau an der richtigen Stelle gelandet.


Museo Nitsch, Vico Lungo Pontecorvo 29/d, Neapel



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