Fotoreportage zum Heroinhandel Blume des Bösen

Am Hindukusch entsteht der Stoff, aus dem Alpträume sind: Heroin. Von den Mohnfeldern Afghanistans zieht sich die Spur der Droge bis nach Europa. Zwei Reporter sind über 20 Jahre hinweg den Handelsrouten gefolgt. Ihr Fotoband rückt das Big Business mit der Droge ins Bild.

Robert Knoth/ Hatje Cantz

Von Gunda Schwantje


Stolz zeigt der afghanische Bauer Juma Khan sein neues Motorrad. "Es kostet 2400 Dollar", sagt er und fragt die Autorin, ob sie mitfahren wolle. Khan kurvt auf dem Acker herum, bleibt in einem Bewässerungsgraben stecken. Nach der Fahrt erklärt er dann, wie der freie Markt in der afghanischen Provinz Balkh einst begonnen hat: "Erst hatten wir die Taliban. Sie waren wirklich brutal. Dann hatten wir usbekische und tadschikische Plünderer. Die haben geraubt, was wir besaßen. Jetzt haben wir Demokratie, also bauen wir Opium an."

Das ist nur eine von vielen widersprüchlichen Episoden, die Antoinette de Jong und Robert Knoth in ihrem Band "Poppy - Trails of Afghan Heroin" gesammelt haben. An einer anderen Stelle wundern sich die Reporterin und der Fotograf über die "Bordkarten Lotterie" auf ihrem Flug von Kabul nach Dubai, die sieben Passagieren den Preis ihrer Flugtickets erstattet.

"Das ist kein Verlust für die Fluggesellschaft", erklärt der afghanische Begleiter den beiden Holländern. Denn, so stellen die Autoren in ihrem Buch fest: "Das tatsächliche Geschäft ist nicht, Passagiere zu transportieren, sondern das Bargeld afghanischer Drogenbosse nach Dubai zu fliegen." Fragen über die Herkunft des Geldes werden nicht gestellt. "Insbesondere dann nicht, wenn es um große Geldbündel geht oder um große, schwarze Lederkoffer, die Sitzplätze im vorderen Teil des Flugzeugs besetzen", wie es an anderer Stelle heißt.

Mohn, überall Mohn

Der Band mit dem Gewicht von drei Backsteinen ist das Ergebnis von 20 Jahren journalistischer Arbeit. Robert Knoth, der für den "Guardian" und die "New York Times" fotografiert und die Journalistin und Fotografin Antoinette de Jong, die unter anderem für den BBC World Service arbeitet, beschreiben die Spur der Verwüstung, die die Opiumpflanze - die Basis für Heroin - über den Globus gezogen hat. Sie zeigen, wie Kriege in Asien und Afrika mit dem Mohnanbau in Afghanistan verbunden sind. Sie analysieren, wie Staaten entlang der Schmuggelrouten Zentralasiens zerfallen. Und sie halten Chaos und Gewalt im Bild fest, die der Konsum von und der Handel mit Heroin mit sich bringt.

Ihre komplexe Geschichte rund um das Heroin aus Afghanistan begann 1993 mit einem Blick auf die riesigen Mohnfelder in der Ebene von Jalalabad. "Ich fand das unglaublich", erinnert sich Antoinette de Jong an eine Busreise. "Mohn so offen angebaut wie in den Niederlanden Kartoffeln." Bei jedem der zahlreichen Aufenthalte am Hindukusch sowie bei Reisen nach Pakistan, Tadschikistan oder der Ukraine verfolgte die beiden der Konflikt um das Heroin. So registrierten sie etwa, wie der Anbau von Mohn rapide zunahm nach der von den USA geführten Invasion Afghanistans und der Entmachtung der Taliban im Jahre 2001.

"Wir sind tatsächlich dem Weg gefolgt, den das Heroin nimmt. Stück für Stück haben wir die Routen bereist", erklärt de Jong. Fotograf Knoth ergänzt: "Wir wollten den Kontext ausleuchten, in dem der internationale Drogenhandel stattfindet." Die Spurensuche führte in zehn weitere Länder: nach Dubai, Pakistan, Somalia, Tadschikistan, in den Kosovo, nach Albanien, Kirgisien, Russland, Iran, England. Und in ihre niederländische Heimat, in die Hafenstadt Rotterdam, zu Dealern im Stadtviertel Spangen. Der Leser erfährt, dass jährlich 50 Milliarden Dollar mit afghanischem Heroin verdient werden, dass weltweit etwa 15 Millionen Menschen Heroin aus Afghanistan konsumieren und dass man die Zahl der Drogentoten auf 100.000 pro Jahr schätzt.

Die Reportagen in "Poppy" handeln von Prostituierten, Taliban-Kämpfern, Grenzsoldaten, HIV-Infizierten, Schmugglern, Warlords und Mohnbauern. All das erhellt, auf welche Weise die Droge aus Afghanistan verbunden ist mit Waffen- und Menschenhandel, mit Terrorismus und Armut, mit rasant zunehmenden HIV-Infektionen in Russland sowie der Ukraine. Klar wird außerdem, wie eng die aus dem Heroingeschäft resultierende Geldwäsche mit dem Immobiliengeschäft entlang der Küste Albaniens und in Dubai verflochten ist. "Opium gedeiht bei Armut und floriert in Kriegen und in Krisengebieten", schreiben die Autoren. "Opiumhandel liebt smuta, das russische Wort für Chaos und Verwirrung."

Die Fotografien zeigen Porträts drogensüchtiger Gefängnisinsassen in Kirgisien, mit gewaschenem Geld gebaute Apartmentkomplexe an der albanischen Küste, HIV-infizierte Russen in einem Sommercamp, süchtige Stripteasetänzerinnen in Odessa. Der Bilder- und Informationsstrom hat Tempo und entfaltet eine feine Dynamik. "Poppy" ist rau, direkt und knallhart. Und wie zwei erfahrene Reporter in Kriegs- und Konfliktgebieten reisen und arbeiten, erzählt der Band fast nebenbei.


Poppy - Trails of Afghan Heroin von Robert Knoth und Antoinette de Jong, Verlag Hantje Cantz, in Englischer Sprache, 384 Seiten, 39,80 Euro



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insgesamt 31 Beiträge
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Benjowi 16.08.2012
1. Schlimme Zusammenhänge!
Und daür sterben also unsere Soldaten in Afghanistan-unglaublich aber wohl leider wahr! Im Umkehrschluss ist der Krieg in diesem Land der Grund für mindestens einen Teil der 100000 Drogentoten pro Jahr. Wie dumm kann solche Politik noch sein?
pontifactus 16.08.2012
2. aberkannt
Und die Lösung ist so einfach, dass es schon fast wehtut. Eine ehrliche Aufklärung und Legalisierung. Ob´s legal ist oder nicht, es dauert nur paar Tage länger, bis ich es kriege, aber ich kriege es! Natürlich soll es nicht wie Süssigkeiten an der Kasse zu kriegen sein. In Apotheken zb?
spargel_tarzan 16.08.2012
3. dies ist alles hinlänglich bekannt..
Zitat von sysopRobert Knoth/ Hatje CantzAm Hindukusch entsteht der Stoff, aus dem Alpträume sind: Heroin. Von den Mohnfeldern Afghanistans zieht sich die Spur der Droge bis nach Europa. Zwei Reporter sind über 20 Jahre hinweg den Handelsrouten gefolgt. Ihr Fotoband rückt das Big Business mit der Droge ins Bild. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,848076,00.html
und birgt in sich keine neuigkeiten, die es zu bestaunen gilt. alles illegale erzeugt schattenwelten die erhebliche wirtschaftliche kraft entwickeln können und machstrukturen aufbauen. man kann revolutionen oder auch gleich ganze kriege damit finanzieren, denn ohne waffen und munition kein töten und so töten drogen gleich 2 mal. diesen ganzen verboten sollte endlich ein ende bereitet werden, denn die verbote erzeugen dies was man vorgibt bekämpfen zu wollen. Was hat die prohibition den usa gebracht? bandenkriege, die erweiterte organisierte kriminalität, da war al capone nur ein mosaikstein. dort wo brantwein teuer, reglemtiert oder verboten ist wird im verborgenen gebrannt was der kocher hergibt. aber es ist gewollt, dieser kampf festigt die machtstrukturen, die es gilt zu verteildigen, darum bleibt es auch bei den verboten, dem schutz der menschheit vor bösen drogen dient es nicht.
disi123 16.08.2012
4. Kenne die Preise nicht...
Zitat von pontifactusUnd die Lösung ist so einfach, dass es schon fast wehtut. Eine ehrliche Aufklärung und Legalisierung. Ob´s legal ist oder nicht, es dauert nur paar Tage länger, bis ich es kriege, aber ich kriege es! Natürlich soll es nicht wie Süssigkeiten an der Kasse zu kriegen sein. In Apotheken zb?
aber wenn es dann gegen Rezept oder gegen Ausweis das Zeug fuer z.B. 50c aus der Apotheke bekommt, haben die da unten kein Geschaeft mehr :) Die Polizei haette weniger zu tun und wieviele sind denn wirklich Drogenabhaengig in Deutschland? Vielleicht 0.001% der Bevoelkerung? Das geschieht dann auf eigenen Willen... es sterben wohl so 1000% mehr Menschen an Autounfaellen als an Drogen.
massbier 16.08.2012
5.
---Zitat--- "Ich fand das unglaublich", erinnert sich Antoinette de Jong an eine Busreise. "Mohn so offen angebaut wie in den Niederlanden Kartoffeln." ---Zitatende--- Das wiederum wundert mich, wie man sich darüber wundern kann. Was ist daran verwunderlich, wenn in einer für europäische Verhältnisse sehr armen Region die Menschen Sachen anbauen, die im Verhältnis zu Lebensmitteln deutlich mehr Wohlstand (Geld) einbringen und vor allem leichter zu lagern sind im Sinne vom verarbeitetem Grundstoff (Mohnblütensaft). Und solange es einen Markt für dieses Produkt gibt, wird dies auch weiterhin so bleiben. Das die andere Seite, den Markt dafür trocken zu legen ebenfalls nicht funktioniert, zeigt die Geschichte des Opiumhandels so wie die Versuche der letzten 80 Jahre. Das man dann trotz dieser Fakten weiterhin an der Drogenpolitik nach US Amerikanischen Vorbild festhalten will, DASS! wundert mich.
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