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Herr Wulff reist heim: Letzter Halt Großburgwedel

Aus dem Zug von Berlin nach Großburgwedel berichtet

Mal den Maschmeyer anrufen? Oder lieber Peter Hintze? Oder erstmal in "Kokowäh"? Und dann wäre da auch noch Preisskat! Bald hat Christian Wulff Schloss Bellevue endgültig geräumt und ist auf seinem allerletzten Weg von Berlin nach Großburgwedel. SPIEGEL ONLINE hat sich schon mal eingefühlt.

Christian Wulff: Der Mann, der einmal Präsident gewesen ist Fotos
ddp

Ist gut jetzt.

Nach dem Rücktritt war er kurz heimgefahren, aber dann musste er doch noch einmal hin. Ein letztes Mal, und seine persönlichen Sachen zusammenräumen. Schlüssel abgeben. Sich verabschieden, ohne Kameras. Die Sache endgültig zu Ende bringen. Nicht leicht, sowas.

Aber dann wirklich heim. Diesmal mit dem Zug.

"Metronom" nach Großburgwedel: Abfahrt Gleis 7 Zur Großansicht
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"Metronom" nach Großburgwedel: Abfahrt Gleis 7

Erstmal runterkommen. Erstmal beruhigen. Erstmal hinsetzen. Ganz hinten ist reserviert, Sechser-Abteil ganz für ihn allein. Erstmal heim jetzt. Heim nach Großburgwedel. Personenschutz kann draußen sitzen, er braucht jetzt seine Ruhe.

Sollen sie doch sehen, wo sie ohne ihn bleiben. Werden schon sehen. Zwei Bundespräsidenten weg in zwei Jahren, das muss der Merkel erstmal jemand nachmachen. Jetzt hat sie ihre Staatskrise. Präsident weg, Regierung bald auch weg, dann die Ratings futsch wegen politischer Instabilität, so schnell kann's gehen. Seine Schuld ist das nicht. Er hat ausgehalten, solange es ging.

Bahnhof Großburgwedel: Dafür ist er sich nicht zu schade. Zur Großansicht
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Bahnhof Großburgwedel: Dafür ist er sich nicht zu schade.

Aber es ging nicht mehr. Jetzt wollen sie ihn auch noch vor Gericht zerren. Er versteht bis heute nicht, warum. Er hat sich doch jederzeit völlig korrekt verhalten. Wollten die Journalisten aber so nicht sehen, die wollten ihn stürzen, wollten ihn und seine Gattin vorführen, sie beide nur verletzen. Und jetzt vertritt ihn der Seehofer. Peinlicher geht's ja kaum noch. Ach, egal. Nicht mehr sein Problem.

Wenn man sich das so anschaut aus dem Bahnfenster: Ganz schön hässlich, dieses Berlin. Mal ehrlich: Eigentlich hat es ihm nie richtig gefallen hier. Dreckige Stadt. Alles verschmiert. Dreckige Menschen. Falsch. Hinterhältig. Neider an jeder Ecke. Sogar seinen Ehrensold wollen sie ihm jetzt vorenthalten. Die Pension als Ministerpräsident kommt erst mit 60. Noch acht Jahre ohne Geld, wenn's schief läuft. Naja, die Tankstelle hat er ja noch. Aber ob das reicht? Er wird sich etwas einfallen lassen müssen.

Rendite ist da immer noch drin

Deutschlandfahne gleich am Bahnhof. Das tut gut. Zur Großansicht
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Deutschlandfahne gleich am Bahnhof. Das tut gut.

Eine Idee zieht am Fenster vorbei, nicht weit hinter Spandau: Windräder. Jede Menge Windräder, die sich drehen, wie von ganz alleine, und dabei Strom produzieren. Und Geld. Sauberen Strom und sauberes Geld. Das wäre vielleicht was: ökologische, saubere Erneuerung, das würde passen. Für's Image. Und die Rendite. Da könnte er doch ohne weiteres mal den Maschmeyer… wegen einer Vorfinanzierung. Könnte er doch jetzt gleich mal anrufen. Aber geht nicht, ärgerlich, immer dieses Funkloch hier. Kein Empfang.

Das wäre mal eine gute Rede gewesen. Eine Spitzenrede: "Die flächendeckende mobile Breitbandanbindung Deutschlands als unabdingbare Voraussetzung für den Fortbestand unserer Wirtschaftskraft." Nein: "Unserer herausragenden Wirtschaftskraft". Ja, herausragend, das knallt.

Ehrliche Menschen hier, flaches Land und fette Erde. Zur Großansicht
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Ehrliche Menschen hier, flaches Land und fette Erde.

Komisch, monatelang ist er im Schloss Bellevue gesessen, ohne eine einzige Idee für eine Ansprache. Nicht schön war das. Die Referenten schlichen vor seinem Amtszimmer herum, und er saß einfach da, an seinem Schreibtisch, und nichts, nichts, nichts. Zum Verzweifeln. Und jetzt kommen sie, die Ideen, obwohl er sie gar nicht mehr braucht. Was hätte er nicht noch alles machen können für dieses Land! Ein großes Integrationsforum auf den Weg bringen, vorbildliche Mitbürger mit Migrationshintergrund ehren. Die Menschen für moderne Lebensformen öffnen, Patchwork, Regenbogenfamilien, alles sein Thema.

Fast muss er ein wenig lächeln.

Er wird sich im Ort umtun, soviel ist sicher. Zur Großansicht
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Er wird sich im Ort umtun, soviel ist sicher.

Doch, er war ein guter Bundespräsident. Weiß doch jeder. Jeder Bürger zumindest. Die Bürger haben ihn gemocht. Mögen ihn noch immer. Ohne seine Bürger, ohne ihren Zuspruch, da hätte er doch schon längst... aber so ist er eben nicht. Es war schließlich seine Pflicht, im Amt zu bleiben. Jede Wette, wenn er jetzt aufstehen würde, raus aus seinem Abteil, hin zu den Bürgern, die da draußen sitzen, er könnte hingehen und sagen, "Liebe Mitbürger", oder so etwas, die würden ihn sofort auf einen Kaffee einladen. Jede Wette.

"bahn.bonus-Prämien", das ist ihm ja noch nie aufgefallen

Den Peter Hintze könnte er auch mal anrufen. Sich bedanken. Der hat sich ja beispiellos eingesetzt für ihn, ist in jede Talkshow gerannt, hat seinen Kopf hingehalten, ein wahrer Freund. Den könnte er demnächst mal einladen, zum Abendessen, ganz privat, im kleinen Kreis. Vielleicht mögen der Carsten und die Veronica auch kommen, wäre doch nett. Bringen bestimmt einen Spitzenwein mit. Dann hätte der Peter Hintze auch mal was davon, dass er so geackert hat für ihn, das wäre doch ein schönes Dankeschön. Hm, der Hintze hat sein Handy aus. Der Groenewold auch.

"Kokowäh" läuft auch bald. Das wäre doch mal was Lustiges. Zur Großansicht

"Kokowäh" läuft auch bald. Das wäre doch mal was Lustiges.

Er könnte vielleicht auch irgendwas mit Internet machen, schließlich ist er noch jung. Andererseits: Das macht ja jetzt schon der Guttenberg. Hm, den könnte er vielleicht auch mal… schon wieder kein Netz.

Pfff, naja. Und jetzt? Da liegt ein "mobil"-Magazin. "Was für ein Urlaubstyp sind Sie?" Mal sehen. Ganz klar, Familienmensch. Ah ja, Mallorca wird empfohlen. Schön da. Das waren noch Zeiten. Was hängt denn da? "bahn.bonus-Prämien", das ist ihm ja noch nie aufgefallen. Schau an: Für 30.000 Punkte gibt's einen Flachbildfernseher. Die müsste er doch längst beisammen haben, so oft, wie er hier schon hin und her gefahren ist. Oder doch lieber ein iPad? Wäre auch ein schönes Geschenk für Bettina. Haben ja alle jetzt.

30.000 Punkte für ein iPad, vielleicht was für Bettina? Zur Großansicht
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30.000 Punkte für ein iPad, vielleicht was für Bettina?

Halt in Wolfsburg. Das riesige VW-Logo direkt vor seinem Zugfenster. Vielleicht wäre das auch was. Lange genug hat er denen ja kraft seines Amtes beigestanden, die könnten sich jetzt auch mal dankbar zeigen. VW-Sonderbotschafter oder so. Gibt's so was überhaupt? Sollte es geben. Sollte doch kein Problem sein. Mal Bettina fragen, was die meint.

Mal beim "Herrenfriseur und Mehr" reinschauen

In Hannover lässt er sich nicht abholen diesmal. Er ist ein ganz normaler Bürger jetzt. Eigentlich war er das immer. Er fährt mit dem Regionalzug weiter, dem "Metronom" von Gleis Sieben, sollen die Leute am Bahnsteig nur sehen, dass er sich dafür nicht zu fein ist. Außerdem mag er noch nicht gleich heim. Bettina kommt erst später, was soll er da allein. Gartenarbeit? Zu kalt. Und ist eigentlich alles gemacht.

Großburgwedel: Nicht die große Welt. Aber schön hier. Zur Großansicht
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Großburgwedel: Nicht die große Welt. Aber schön hier.

Endlich da. Großburgwedel. Er geht jetzt erstmal zu Fuß. Schön ist es hier. Klar, nicht die große weite Welt. Aber gute Luft. Jetzt kommt sogar ein bisschen die Sonne durch. Die Bahnhofstraße runter, vorbei an Feldern. Doch, ist wirklich schön hier. Flaches Land. Fette Erde. Ehrliche Leute. Deutschlandfahne im Garten.

Am Wochenende Quilt-Ausstellung. Auch interessant. Zur Großansicht

Am Wochenende Quilt-Ausstellung. Auch interessant.

Noch zweimal um die Ecke bis zum Haus, mit dem alles angefangen hat. Nein, er bereut nichts. Oder doch vielleicht erstmal einen Kaffee trinken in der Bäckerei Engelke? Er wird sich im Ort umtun, so viel ist sicher. Hat ja jetzt erstmal Zeit, und es gibt so viel zu entdecken hier. Mal beim "Herrenfriseur und mehr" reinschauen und endlich herausfinden, was dieses "Mehr" sein könnte. Hat er sich jedes Mal gefragt, als er hier vorbeigefahren ist. Oder mal richtig ins "Woll-Paradies" rein. Am Wochenende in die Quilt-Ausstellung im Gemeindehaus. Und nächste Woche läuft "Kokowäh" im Bücherei-Kino, das wäre doch was, mal was Lustiges. Er wird es sich hier gutgehen lassen, so viel ist sicher.

Endlich daheim. Zur Großansicht
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Endlich daheim.

Jetzt ist er fast da. Schau an, im "Anno Dazumal" ist demnächst Preisskat. Eigentlich könnte er jetzt… aber lieber nicht. Ist noch zu früh für ein Bier.

Und dann steht er vor seiner Tür, sperrt auf, geht hinein. Und ist daheim: Der Mann, der einmal Bundespräsident gewesen ist.

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insgesamt 88 Beiträge
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    Seite 1    
1. Nachtreten
FlameDance 17.02.2012
Wulff war eine Fehlbesetzung, aber wozu dies hämische Nachtreten? Dabei ist das Sujet nicht einmal uninteressant ... aber nicht auf diese billige Weise. Sorry, SPON, Thema verfehlt.
2. Ruheresidenz
cassandros 17.02.2012
Zitat von sysopddpMal den Maschmeyer anrufen? Oder lieber Peter Hintze? Oder erstmal in "Kokowäh"? Und dann wäre da auch noch Preisskat! Bald hat Christian Wulff Schloss Bellevue endgültig geräumt und ist auf seinem allerletzten Weg von Berlin nach Großburgwedel. SPIEGEL ONLINE hat sich schon mal eingefühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816031,00.html
Eigentlich ist der Rücktritt auf für ihn ein Grund zur Freude: jetzt kann er endlich in seinem 500000 €-Haus wohnen. (Oder residiert man für diesen Preis schon?)
3. Was soll das denn?
carpe_diem_1976 17.02.2012
Zitat von sysopddpMal den Maschmeyer anrufen? Oder lieber Peter Hintze? Oder erstmal in "Kokowäh"? Und dann wäre da auch noch Preisskat! Bald hat Christian Wulff Schloss Bellevue endgültig geräumt und ist auf seinem allerletzten Weg von Berlin nach Großburgwedel. SPIEGEL ONLINE hat sich schon mal eingefühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816031,00.html
Ich bin doch etwas verwundert, dass SPON es anscheinend nötig hat, die Angelegenheit auch nach dem Rücktritt noch hämisch hochzukochen. Das finde ich doch sehr verwunderlich und zeigt einiges über das Selbstverständnis der ach so unabhängigen und über den Dingen stehenden Presse. Da möchte ich nur sagen: Egal was man von Wulff hälft - so ein Verhalten finde ich einfach nur "schäbig" (letzteres soll keine Beldeidigung sein).
4. Nicht hilfreich.
buutzemann 17.02.2012
Zitat von sysopddpMal den Maschmeyer anrufen? Oder lieber Peter Hintze? Oder erstmal in "Kokowäh"? Und dann wäre da auch noch Preisskat! Bald hat Christian Wulff Schloss Bellevue endgültig geräumt und ist auf seinem allerletzten Weg von Berlin nach Großburgwedel. SPIEGEL ONLINE hat sich schon mal eingefühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816031,00.html
Ich war von Anfang an für den sofortigen Rücktritt Wulffs und halte ihn für einen korrumpierbaren Menschen mit fragwürdigen Moralvorstellungen. Aber diese Art Häme hat er nicht verdient. Denn es bleibt - neben dem politischen Desaster - auch eine große menschliche Tragödie.
5.
querollo 17.02.2012
Zitat von sysopddpMal den Maschmeyer anrufen? Oder lieber Peter Hintze? Oder erstmal in "Kokowäh"? Und dann wäre da auch noch Preisskat! Bald hat Christian Wulff Schloss Bellevue endgültig geräumt und ist auf seinem allerletzten Weg von Berlin nach Großburgwedel. SPIEGEL ONLINE hat sich schon mal eingefühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816031,00.html
Mal nur die Ruhe. Was Ihnen wie Hähme vorkommt, ist das echte ganz normale Leben in Großburgwedel. Das muss man vielleicht kennen, um seinen Charme durch die Zeilen scheinen zu sehen. Ich mochte den Artikel. Er ist nett geschrieben, einfühlsam und, ob Sie es wollen oder nicht, lebensnah.
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