Hessenwahl bei Anne Will Sturm im Bembel

Hessen hat gewählt - doch bei "Anne Will" war weder ein Hesse noch eine Hessin eingeladen. Entsprechend ratlos debattierte man das ethnologisch eigentümliche Wahlresultat. Immerhin: Zu einem erregten Ausflug in den Strudel der Finanzkrise reichte es dann doch noch.

Von Reinhard Mohr


Auch in Zeiten großer Unsicherheit gibt es ein paar unumstößliche Wahrheiten. Eine lautet: Den echten Hessen in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Nicht einmal Thorsten Schäfer-Gümbel.

Moderatorin Will: Sturm im Wasserglas
NDR

Moderatorin Will: Sturm im Wasserglas

Das wusste schon Matthias Beltz, der im März 2002 gestorbene Nordhesse, Revolutionär und Kabarettist: "Hessen verstehen kann nur derjenige und auch nur diejenige, die die ethnische Sondersituation Hessens kennen", schrieb er bereits 1998. "Die Hessen sind umzingelt von lauter Deutschen, haben keinen Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher keinen direkten Kontakt zur Freiheit."

So kam es, wie es kommen musste: Roland Koch bleibt, Ypsilanti geht und Guido Westerwelle feiert.

Kein einziger Hesse und keine einzige Hessin (Gruß an den linguistisch konsequenten Frauenrechtler Gregor Gysi) aber saß in der prominenten Fünferrunde von Anne Will, die sich am späten Sonntagabend über das ethnologisch eigentümliche Wahlergebnis beugte. Nebenbei: Auch kein Repräsentant der beiden Wahlgewinner, FDP und Bündnis 90/Grüne.

Die erkenntnisleitende Frage hieß: Was sagt uns das? Und wohin führt es uns im Superwahljahr 2009? Um es vorwegzunehmen: Die Antwort auf gut Hessisch lautete "Mer waases net!"

Das Problem der "neuen Unübersichtlichkeit" (Jürgen Habermas) verschärfte sich noch dadurch, dass eigentlich niemand Klartext sprechen wollte, zuallerletzt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD). In seinem elliptisch angelegten Wowi-Deutsch, rhetorisch überwiegend hilflos und in einer gleichsam mit den Armen rudernden Pseudoargumentation versuchte er, das Desaster seiner Partei zu beschönigen.

Dabei markieren 23,7 Prozent im einst tiefroten Hessen schon beinah das Ende der Sozialdemokratie als Volkspartei. Ein geradezu schändlich miserables Wahlergebnis, das man noch vor einem Jahr für ausgeschlossen gehalten hätte, schlimmer noch: für einen Witz. Kein Wort darüber von Wowereit. Stattdessen matte Rückzugsgefechte und halbgare Rechtfertigungsversuche.

Zu Recht erregte sich die Publizistin Brigitte Seebacher, letzte Ehefrau der SPD-Legende Willy Brandt, über Wowereits wohlfeilen Hinweis auf die Entscheidungsfreiheit der SPD-Landesverbände. Denn selbstverständlich hätte eine souveräne SPD-Spitze im Bund den Kamikaze-Kurs der machtversessenen Ypsilanti-Sekte rechtzeitig verhindert. Die gibt es aber schon lange nicht mehr.

Abgesehen davon gilt gerade Wowereit als führender Protagonist "rot-roter" Bündnisperspektiven auch im Bund. Schon rein arithmetisch allerdings haben sich diese scheinbar rosigen Zukunftsaussichten mit dem gestrigen Wahlgang fürs Erste erledigt.

Im Strudel der Finanzkrise

Was blieb, war Unzufriedenheit - gepaart mit einem kräftigen Schuss Aggressivität. TV-Moderator Michel Friedman beklagte sich gleich in zwei Richtungen: Die Ypsilanti-SPD kritisierte er für ihre blinde Machtversessenheit ("Die SPD ist in ihrer größten Krise!"), den neuen alten Ministerpräsidenten Koch aber wegen seiner wiederholt auf ausländerfeindliche Ressentiments zielenden Wahlkampagnen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) attackierte die "politikunfähige Linke", von der sich die SPD zu wenig abgrenze.

Das wiederum ließ Sarah Wagenknecht, Sprecherin der "Kommunistischen Plattform" innerhalb der Linkspartei und Vorstandsmitglied derselben, nicht ruhen. Mehrfach hob sie zu ihrer eingeübten Suada über den "entfesselten Kapitalismus" an, der nun alles in den Abgrund zu reißen drohe. Warum ihre Partei mit dem geradezu prophetischen Weltwirtschaftsexperten Oskar Lafontaine an der Spitze politisch dennoch kein bisschen von der Krise profitiert, konnte sie allerdings nicht erklären.

Die offenkundige Zerstrittenheit ihrer hessischen Parteigenossen, die sich gegenseitig mit Manipulations- und Stasi-Vorwürfen bombardieren, interpretierte sie jedenfalls als ganz normale Kinderkrankheiten einer jungen, revolutionären Partei. "Linke Folklore!" kam es da von Frau Seebacher zurück, und Michel Friedman assistierte: "Das ist eine Selbstfindungs- und Therapiegruppe."

Doch da war er schon entfacht, der kleine Sturm im Wasserglas: "Sie haben doch keine Ahnung von Wirtschaft!", rief Ministerpräsident Rüttgers Sarah Wagenknecht erregt zu, die kurz zuvor das sozialistische Ideengut einer vergesellschafteten, genauer: verstaatlichten Zentralwirtschaft noch einmal in schönsten Farben ausgemalt hatte. "Deshalb hat Ihr Verein ja schon mal ein Land ruiniert!"

Plötzlich war man mitten im Strudel der Finanzkrise, und auch Moderatorin Anne Will bekam ein paar Wasserspritzer ab: "Warum lassen Sie die ganze Zeit das Verstaatlichungsgequatsche durchgehen?", fragte Rüttgers empört, der darauf bestand, falsche Behauptungen von Frau Wagenknecht richtigzustellen.

Hier liegt des Pudels Kern: Für ernsthafte Debatten mit einem begrifflich präzisen Wortstreit über schwierige, ja komplizierte Themen ist die knapp einstündige Sonntagabendtalkshow mit fünf Gästen und mehreren Einspielfilmen einfach nicht der richtige Ort.

Vielleicht sollten sich das auch diejenigen einmal eingestehen, die es eigentlich selber wissen und dennoch immer wieder - gerne - hingehen: Nicht um Wahrheit geht es hier, sondern um Wirkung. Deshalb wird uns der Wahlmarathon 2009 noch viele schöne Theatermomente bescheren, in denen merkwürdig alt aussehende Kulissen hin- und hergeschoben werden.

Nehmen wir's mit Gelassenheit. Und mit Humor. Wie sagte der hessische Bembel-Obama Heinz Schenk: "Witzschischkeit kennt keine Grenzen, Witzschischkeit kennt kein Pardon." Eben.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.