NSA-Reporter Glenn Greenwald: Hetzjagd auf Snowdens Mittelsmann

Von , New York

Reporter Glenn Greenwald in Hongkong: Plötzlich selbst im Rampenlicht Zur Großansicht
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Reporter Glenn Greenwald in Hongkong: Plötzlich selbst im Rampenlicht

Es ist ein alter Trick: Wem die Nachricht nicht gefällt, der bekämpft den Überbringer. Dies bekommt auch Glenn Greenwald zu spüren, der "Guardian"-Reporter hinter den NSA-Enthüllungen. Die einen durchstöbern sein Privatleben - andere fordern seine Verhaftung.

Glenn Greenwald hatte mal einen Hund namens Uli, der größer war, als es die Hausordnung zuließ. Er lebt in Rio, weil sein Freund Brasilianer ist. Er hat Steuerschulden. Er hat früher für einen Porno-Vertrieb gearbeitet.

Greenwald ist der Reporter des Londoner "Guardian", der Edward Snowdens NSA-Enthüllungen publik machte. Er ist eine faszinierende Figur. Doch muss einen das interessieren? Ja, findet die New Yorker Boulevardzeitung "Daily News" - und veröffentlichte diese Woche ein langes, bissiges Exposé über den 46-jährigen Journalisten, dem obige Details entstammen.

Homepage-Schlagzeile: "Die Geheimnisse des Mr. Geheim".

Der Bericht wühlt tief in Greenwalds Privatsphäre herum, von seinen Finanzproblemen bis zu seiner Beziehung. "Sein Weg ins Rampenlicht", triumphierte die "Daily News", "war gelinde gesagt unkonventionell."

"Ich wusste, dass ich Ziel persönlicher Attacken werde"

Es war nur eine Frage der Zeit: Greenwald, der Mittelsmann der Story des Jahres, wird selbst zur Story. Ihn überrascht das wenig: "Ich wusste, dass ich unweigerlich zum Ziel aller möglichen persönlichen Attacken und Verleumdungen werden würde", ahnte Greenwald schon vorher in seiner "Guardian"-Kolumne. "Man fordert den mächtigsten Staat auf der Erde nicht heraus, ohne selber angegriffen zu werden."

Shoot the messenger, sagen sie hier dazu.

In diesem Fall sind es bisher aber weniger staatliche Stellen, die Greenwald in den Schwitzkasten nehmen - sondern, überraschenderweise, die eigenen Reporterkollegen. Die Hintergründe sind unklar. Tipps von oben? Professioneller Argwohn? Oder einfach nur journalistische Sorgfaltspflicht?

Zugegeben: Greenwald ist mit dem NSA-Drama enger verwoben als sonst ein Reporter. Er war derjenige, der als erster auf Snowdens Ouvertüren ansprang. Er besuchte ihn in seinem Unterschlupf in Hongkong. Und bis heute lanciert er täglich neue Interna aus dem Dokumentenschatz, den ihm Snowden anvertraut hat.

Die Skepsis der anderen Medien, die dabei nur zuschauen dürfen, war von Anfang an zu spüren. Noch bevor Snowdens Identität bekannt war, publizierte die "New York Times" ein erstes Porträt Greenwalds. Darin bezeichnete sie ihn als "besessen" von staatlicher Überwachung und witterte bereits das "Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft". Dazu zitierte sie einen "Experten in nationaler Sicherheit", der Greenwald als "hoch professionellen Verfechter aller Art von Anti-Amerikanismus" titulierte.

Dann wird investigativer Journalismus mundtot gemacht

Drei Tage also, bevor sich Snowden als die NSA-Quelle outete, fand sich Greenwald schon als antiamerikanischer, potentiell krimineller Wirrkopf verrufen. Das setzte den Ton für die darauffolgenden Kritiken: Greenwald müsse als Handlanger Snowdens ebenso betraft werden - was, denkt man es weiter, jeden investigativen Journalismus mundtot machen würde.

"Greenwald hat eindeutig ein Kapitalverbrechen begangen", dozierte Promi-Anwalt und Harvard-Professor Alan Dershowitz auf CNN. Auch der republikanische Kongressabgeordnete Peter King forderte auf Fox News "gerichtliche Schritte" gegen Greenwald. "Steckt Greenwald ins Gefängnis", sekundierte Christian Whiton, US-Außenberater unter Präsident George W. Bush, auf der konservativen Website Daily Caller.

Doch statt Solidarität zu zeigen, machen sich manche Journalisten hier diese Sichtweise zu eigen. So sah sich Greenwald am Sonntag im NBC-Frühschoppen "Meet the Press" mit folgender Frage des Moderators David Gregory konfrontiert: "Insoweit Sie Snowden Beihilfe geleistet haben, warum sollten Sie nicht eines Verbrechens angeklagt werden?" Sprich: Gregory setzte den Straftatbestand der Beihilfe als Fakt bereits voraus.

Er spricht selbst von seinem chaotischen Leben

"Ich würde ihn verhaften", tönte auch Andrew Ross Sorkin, ein prominenter Finanzkolumnist der "New York Times", im Wirtschaftssender CNBC - entschuldigte sich später aber dafür. "Ist Greenwald etwas anderes geworden als ein Reporter?", sinnierte die "Washington Post" (im Ressort "Stil"): Greenwald habe die Linie zwischen objektivem Journalismus und "direkter Beteiligung an den Nachrichten" überschritten.

Das ist nichts Neues. Greenwald eckte immer schon gerne an mit seiner Meinungsfreude, die dem hiesigen Credo journalistischer Distanz widerspricht. 2005 startete er einen Blog und stürzte sich mit Verve auf den ersten NSA-Skandal unter Bush. 2007 wurde er Kolumnist fürs Web-Magazin "Slate", 2012 heuerte ihn der "Guardian" an.

"Wie viele Menschen hatte ich ein kompliziertes und abwechslungsreiches Leben", schrieb Greenwald nun in seiner Reaktion. "Mein Privatleben ist, wie das von so ziemlich jedem, vielschichtig und manchmal chaotisch."

Die Reporter der "Daily News" waren nicht die einzigen, die das fröhlich auseinanderpflückten. Auch die Website Buzzfeed produzierte jetzt ein ellenlanges Greenwald-Porträt, unter dem dramatischen Titel: "Wie Glenn Greenwald zu Glenn Greenwald wurde". Höhepunkt war der Spruch eines Ex-Kollegen: "Es stört ihn nicht, wenn die ganze Welt ihn hasst."

Damit hat er sicher recht. "Nichts wird mich auch nur für einen Moment davon abhalten, weiter über das zu berichten, was die NSA im Dunkeln veranstaltet", schrieb Greenwald - und legte prompt die nächste Enthüllung nach.

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insgesamt 328 Beiträge
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1. Etwas zu einfach
spiegelleser_12345 29.06.2013
Zitat von sysopEs ist ein alter Trick: Wem die Nachricht nicht gefällt, der bekämpft den Überbringer.
Überbringer oder Anstifter? Es ist zu vermuten, dass der Reporter wie üblich einen naiven Menschen dazu gebracht hat, Dinge zu tun, die sein Leben ruinieren. Der Reporter gehört erstmal in Untersuchungshaft.
2. Nun, schon im alten Rom....
observerlbg 29.06.2013
wurden die Überbringer der schlechten Nachrichten hingerichtet. Und damit war der Inhalt der Nachricht eben auch "hingerichtet". Heute, im #Neuland geht das nicht mehr so einfach, da muss man subtiler vorgehen ;-)
3. ist es nicht interessant
o.schork 29.06.2013
wie reflexartig man heute als anti-amerikanisch bezeichnet wird (einschliesslich von unserem Innenminister) bloss weil man sich nicht bespitzeln lassen will?
4. Sehenswert
Brillalein 29.06.2013
für alle Interessierten: Glenn Greenwald - Here's the speech I gave tonight at the Socialism Conference http://www.youtube.com/watch?v=Uulv4ve6RJ8&feature=youtu.be 54 beeindruckende und auch unterhaltsame Minuten. Wir sollten nicht nur keine Angst haben, auf zu stehen, wir haben keine Angst.
5. Ein guter Journalist
tre.2013 29.06.2013
Wie schön und wie wichtig, dass es solche Reporter immer wieder gibt.
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