Heute in den Feuilletons: "Im Klang ersäufen"

Die "Zeit" läutet das Wagner-Jahr ein und befragt prominente Bayreuth-Gäste. In der Blogger-Szene wird die Rundfunkgebühr diskutiert. Und der Politologe Ali Fathollah-Nejad erklärt in der "FAZ", warum Sanktionen gegen den Iran demokratieschädigend sind.

Aus den Blogs, 03.01.2013

Sowohl Öffentlich-Rechtliche als auch Zeitungen brüsten sich mit ihrem demokratischen Auftrag - dabei ist der Klassenunterschied zwischen den beiden inzwischen eklatant, meint der Medienberater Peter Littger in Meedia: "Während die Financial Times Deutschland nach zwölf Jahren mit einem Verlust von jährlich rund 21 Millionen Euro ihren Betrieb einstellte, lässt sich die ARD für mehr als diese Summe ein neues Tagesschau-Studio einrichten. Niemand weiß, was der Betrieb von Sendungen wie Tagesschau und Tagesthemen in den vergangenen 12 Jahren pro ARD-Nutzer gekostet hat."

Soviel Grundversorgung auf einem Fleck: Christian Bartels hat in einer bemerkenswerten Sisyphos-Fleißarbeit sämtliche Schmonzetten (derer 54 an der Zahl) zusammengestellt, mit denen ARD und ZDF uns allein in den kommenden sechs Monate beglücken werden (und hier der Ausblick auf die zweite Jahreshälfte). Es warten Eheschließungen vor exotischer Kulisse, Ärger mit dem neuen Chefarzt, Reisen mit dem Traumschiff, aus dem Leben gegriffene Turbulenzen allenthalben und was das Herz nicht noch alles begehrt - und das zum günstigen Durchschnittpreis von gerade mal 1,36 Millionen Euro pro Stück.

Unterdes hat sich auf Facebook eine veritable Bewegung gegen den genialen Neusprech-Erfinder Jörg Schönenborn etabliert - Schönenborn hatte die jetzt geltende obligatorische Haushaltsgebühr für ARD und ZDF als "Demokratie-Abgabe" bezeichnet.

Clemens Wergin findet es in seinem Blog in der Welt zwar absurd, Jakob Augstein auf einer Liste der zehn gefährlichsten Antisemiten zu führen, aber anders als Nils Minkmar in der FAZ (hier) meint er, dass es bei Autoren, die sich selbst im Zweifel als "links" begreifen sehr wohl eine ungute Israelobsession geben kann und diagnostiziert bei Minkmar "die Weigerung, anzuerkennen, dass es auch im linken Milieu eine Form von Israelkritik gibt, die in hetzerischer Absicht geäußert wird und die Schwelle zum Antisemitismus überschreitet. Antisemiten sind immer die anderen, vorzugsweise die Rechtsradikalen. Und das, obwohl gerade die Geschichte des deutschen Linksradikalismus voll ist von antisemitischer Propaganda und antisemitischen Straftaten."

(via Cargo) Das ist die bislang schlechteste Mediennachricht des Jahres: Der so überaus nützliche und verlässliche Filmdienst filmz von Christoph Jochems hat dichtgemacht.

Aus den internationalen Blogs, 03.01.2013

Es ist nicht leicht, der Zeitgenossse seiner Gegenwart zu sein! Matthew Yglesias spießt in Slate einen "great small point from Ryan Avent" in seinem Economist-Blog auf: "Consider the automobile, for instance. Back in the late 19th century, it would have been easy to dismiss the potential importance of the car. Cars weren't very good, for one thing. But more importantly, it wasn't at all clear how they might be of much advantage. Cities were dense places, with tangles of streets crowded by pedestrians and horse-drawn wagons and omnibuses. Cars were expensive and offered little in the way of travel-time advantages. Petrol was very expensive in real terms, and there was no infrastructure available to deliver it to would-be drivers. It was hard to see a market for cars outside of the realm of playthings for the rich."

Die Welt, 03.01.2013

Die Welt bringt die Laudatio Martin Mosebachs auf die große Spiegel-Reporterin Marie-Luise Scherer, die den Kunstpreis des Saarlandes erhalten hat: "Leidenschaftsloses Schreiben, objektivitätsbewahrendes Notieren, das gewissenhafte Aneinanderreihen der Phänomene, das die eigene Person aus den Erzählungen Heraushalten, das Sichversagen von Urteilen, das Suchen des genauen Wortes, das imstande ist, im Leser ein Bild hervorzurufen, das entrüstungsfreie Schreiben, auch wenn es um haarsträubende Verhältnisse geht - dies alles sind Eigenschaften einer Scherer-Reportage."

Weitere Artikel: Wieland Freund fordert eine mehrwertsteuerliche Gleichbehandlung von E- und Papierbüchern. Besprochen werden Filme, darunter "Jack Reacher" mit Tom Cruise und Werner Herzog.

Der Freitag, 03.01.2013

Im Gespräch mit Jakob Augstein fordert Oskar Negt ein sozialeres Herangehen an die Eurokrise und wäre bereit, dafür auch ein bisschen Kleingeld in die Hand zu nehmen: "Die Regierungen müssen handeln. Wir brauchen einen Schutzschirm für die jungen Erwachsenen von, sagen wir, 500 Milliarden Euro. Das wäre eine Zukunftsinvestition. Im Augenblick wird gerade in Spanien gar nichts gemacht, um diese fatale Jugendarbeitslosigkeit zu beseitigen."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 03.01.2013

"Broder diffamiert Augstein", findet Christian Bommarius und gibt Letzterem in seiner Israelkritik recht: "Die Frage, wer den Bestand des Staates Israel auf lange Sicht eher gefährdet - arabische Despoten und Terroristen oder Benjamin Netanjahu - ist noch nicht entschieden." Dafür bekommen es Henryk Broder, den er offenbar gern im Gefängnis sähe, und das Wisenthal-Zentrum bei Bommarius ab: "Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft, aber es spricht gegen das Simon-Wiesenthal-Center, dass es den Lügen und Verleumdungen dieser trostlosen Witzfigur aufgesessen ist."

Dirk Pilz, geboren 1972, betrachtet aus jugendlichem Abstand den emotionalen Streit um Suhrkamp, lächelt milde über die Kollegen Schirrmacher und Kämmerlings und wendet sich dann der Zeitschrift für Ideengeschichte zu, die sich in ihrer aktuellen Ausgabe "Droge Theorie" der Theorieabteilung bei Suhrkamp widmet. Ja, da war mal was, lernt Pilz, und Deutungsmacht hatte es auch. Aber: "Spätestens seit der Wiedervereinigung hat Suhrkamp im Theorie-Markt diese Rolle verloren. Die Phantomschmerzen wirken indes bis heute nach. Dass der jetzige Streit um Suhrkamp vor allem westdeutsche Feuilletonherren mittleren Alters als Kulturkämpfer auf den Plan ruft, scheint so gesehen keineswegs zufällig: Sie verhandeln die versunkene Kultur und das Klima ihrer intellektuellen Kinderstuben."

Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2013

Markus Bauer informiert über neue Erkenntnisse im Fall Eginald Schlattner, der 1959 als Kronzeuge fünf junge Schriftsteller aus der deutschen Minderheit belastete, die daraufhin von einem Militärgericht zu Haft und Arbeitslager verurteilt wurden. In der von ihm redigierten Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik verweist der Schriftsteller und Journalist William Totok auf "Nuancenverschiebungen bei der Übersetzung von Dokumenten" und bewertet Schlattners Beziehung zum kommunistischen Regime neu: "Auch sei früh von einer Securitate-Mitarbeit Schlattners die Rede gewesen, obwohl dies nicht der Fall war. Schlattner hatte zwei Jahre in Haft gesessen, bevor er die belastenden Aussagen machte."

Weitere Artikel: Wei Zhang beschreibt, wie sich die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts in der chinesischen Sprache niederschlugen. Andrea Köhler berichtet, dass Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thirty" die Folterdebatte in den USA neu angeheizt hat. Besprochen werden Filme, darunter Ben Lewins "The Sessions", und Bücher, darunter "Abenteuerroman", der neueste Band aus Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Zyklus.

Weitere Medien, 03.01.2013

(Via Facebook.com/DemokratieAbgabe) Die Hoffnungen aller Gegner der Haushaltsgebühr für ARD und ZDF ruhen auf einem Passauer, genauer dem Juristen Ermano Geuer, berichtet stolz idowa.de (idowa steht für "Isar Donau Wald" und gehört zur Zeitungsgrupe Straubinger Tageblatt/Landhuter Zeitung): "Warum gerade Bayern? Weil jeder Bürger des Freistaats das Recht hat, Popularklage gegen Gesetzeswerk zu erheben, das seiner Ansicht nach gegen die Bayerische Verfassung (BV) verstößt. Und beim Rundfunkbeitragsstaatsvertrag handelt es sich um eine solche Vorschrift. An das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe könnte man sich nur nach Ausschöpfen des Rechtswegs wenden."

Die Zeit, 03.01.2013

Der Wirtschaftsteil befasst sich in mehreren Artikeln mit "Big Data", dem rapide ansteigenden, zunehmend automatisiert erfassten Datenvolumen über die Gewohnheiten von Verbrauchern. Jan Chipchase von der britischen Design- und Produkterfindungsfirma frog erzählt, wie sich das Sammeln von Informationen über die Gewohnheiten von Verbrauchern in den letzten Jahren verändert hat und bietet einen Einblick in seine Vision einer vernetzten Welt: "Ein schlaues Auto wird vor dem geplanten Ankunftstermin und nach der geplanten Abfahrt aus dem Restaurant sicherheitshalber ein wenig Extraparkzeit eingekauft haben. Sobald es feststellt, dass es diese Extrazeit nicht braucht, verkauft es die Parkzeit wieder auf dem offenen Markt."

Thomas Fischermann und Götz Hamann erläutern im Aufmacher, wie Hersteller und Händler aus diesem "Datengold" Kapital schlagen. John F. Jungclaussen beschreibt am Beispiel der britischen Supermarktkette Tesco, welche Vorteile Big Data für die Kunden bietet. Der grüne Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht äußert im Interview mit Claas Tatje datenschutzrechtliche Bedenken am Kurs der Bundesregierung: "Der Druck einflussreicher Lobbys scheint hier besonders erfolgreich zu sein. Es setzt sich ein extrem wirtschaftsfreundlicher Kurs durch."

Im Feuilleton wird das Wagner-Jahr eingeläutet: prominente Bayreuth-Gäste geben kurze Statements ab. Christine Lemke-Matwey hofft, dass "uns der Umgang mit Wagner zu einer neuen Entschiedenheit verhelfen" könnte, und unterhält sich mit den Dirigenten Simon Rattle und Andris Nelsons über das Wagner-Inszenieren (Rattle: "Manchmal möchte man die Sänger einfach nur ertränken, im Klang ersäufen"). Der französische Philosoph Alain Badiou stellt seine Sicht auf Wagner dar ("Wagner war ein Mann der schwierigen, inpraktikablen, unmöglichen Wege. Also gerade nicht des Triumphs der affirmativen Dialektik"). Wolfram Goertz referiert Wagners Biografie und empfiehlt besonders gelungene Aufnahmen der zehn großen Musikdramen. Der Tenor Jonas Kaufmann erstellt mit Moritz von Uslar ein kleines Wagner-ABC vom hohen A in "Lohengrin" bis Z wie Fischer-Dieskaus Zigarette davor. Und Volker Hagedorn erzählt die Geschichte der "Tristan"-Handschrift als einen "Krimi voller Geldprobleme und brauner Intrigen".

Weiteres: Jens Jessen schreibt den Nachruf auf den wagneraffinen Mediävisten Peter Wapnewski. Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" am Wiener Burgtheater und Bücher, darunter "Die Erfindung des Jazz im Donbass" von Serhij Zhadan.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2013

Der deutsch-iranische Politologe Ali Fathollah-Nejad hält nichts von der westlichen Strategie, Diktaturen und insbesondere Iran mit Sanktionen zu begegnen: "Sie schwächen den hundertjährigen Kampf der Iraner um Demokratie, weil sie jene, die ihn zu führen haben, im Alltag plagen, während die Unterdrücker sich ungehindert bedienen und ausstatten können. Sanktionen wirken wie ein langsam verabreichtes Gift gegen die Zivilgesellschaft."

Gut zwei Wochen nach der Verleihung des Deutschen Regiepreises an Wolfgang Petersen dokumentiert die FAZ die Laudatio von Petersens Regiekollegen und einstigem Filmstudent Dominik Graf: Petersen "hat damals in einem tollen Mix von geradezu ingenieurshaftem Erfindungsgeist aus dem Hobbykeller und von zur Meisterschaft gereiftem Regiekönnen ein mögliches Genre-Kino für uns definiert." Und nichts sehnlicher wünscht sich Graf, als dass der einstige "Tatort"-Meister aus den 70ern doch noch einmal für einen Beitrag zur Krimireihe aus Hollywood zurückkehrt: "Schön wär's ja schon. Vielleicht noch einmal mit Nastassja Kinski?"

Außerdem: Andreas Platthaus spricht mit Andres Veiel über dessen in Stuttgart aufgeführtes Stück "Das Himbeerreich", das im Investmentbankermilieu spielt. Klaus Herding schreibt über Jacob van Utrechts Gemälde "Kreuzabnahme", das in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen ist.

Besprochen werden Ulrich Seidls neuer Film "Paradies: Liebe", ein Neujahrskonzert des Rias-Kammerchors und Bücher, darunter von Alfried Wieczorek und Wilfried Rosendahl herausgegebene Studien zum Schädel in der Kulturgeschichte.

Süddeutsche Zeitung, 03.01.2013

Das Vorhaben des Vereins für Sprachpflege, eine "Straße der Deutschen Sprache" auf der deutschen Landkarte aufzupinnen, findet Burkhard Müller verschroben bis sinnentleert, zumal sich bei der Straßenplanung bereits das Privileg von Geburtsorten abzeichnet: "Sterbeorte sagen manchmal etwas über den aus, der hier starb; Geburtsorte jedoch so gut wie nichts über den dort Geborenen, ein Eindruck, der sich in Kamenz vertieft: Der Ort verrät weit deutlicher, wovor Gotthold Ephraim Lessing floh, als wo er ankam."

Außerdem fragt sich Markus Zehentbauer, ob eine Baumarktkette den Begriff "Bauhaus" wirklich so stark für sich beanspruchen darf, dass z.B. Studenten ihre Initiative nicht mehr "My Bauhaus is better than yours" nennen dürfen.

Besprochen werden Ulrich Seidls neuer Film "Paradies: Liebe" (in dem Martina Knoben beobachtet, "wie sich Körper und Seele den Dogmen, dem reinen Funktionieren im Kapitalismus entziehen"), Eberhard Webers neues und nach einem Schlaganfall wohl auch letztes Album "Résumé" (eine Hörprobe), Jan Bosses Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" am Burgtheater in Wien und Roberto Calassos "Der Traum Baudelaires".

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